Zeichnen zur Zeit , 2016

Li Jin

Alles erscheint wie angedeutet, aber gleichzeitig so präzise, dass Vermutungen über den augenblicklichen Zustand des korpulenten Jünglings in dem Mao Anzug möglich sind. Er schläft nicht, er träumt und dabei strahlt er ein Glücksgefühl aus, das man in früheren Zeiten als behaglich charakterisiert hätte. Das eingangs bemühte terminologische Duo von Andeutung und Präzision ist mehr als eine Beschreibungshilfe. Li Jin arbeitet mit hochkonzentrierten, genauen Gesten. Mit dem Tuschpinsel setzt er Linien und evoziert Flächen. Die Naturnähe, um nicht zu sagen der eigensinnige ‚Realismus‘ wirkt wie angeboren. Der Raum ergibt sich ganz natürlich, abgesehen davon, dass der Träumende sich auf einem Wiesen- oder Blumenstück niedergelassen hat, das genauso frei auf dem Grund des guten Papiers schwebt, wie der Abhang im Hintergrund. Die Schriftzüge oben links stören keinesfalls den realistischen Eindruck, sie stellen sich in ihrer Anmut aus und ergänzen beschreibend, was zu sehen ist: Eine Pause bei der Suche nach Birnen, im Moos sitzend, während der Himmel hinter dem Berg verschwindet. Unabhängig von dieser ungefähren Beschreibung, – die Kaligraphie hat auch ohne ein inhaltliches Verständnis das Zeug zu wirken, als lyrisch-ornamentales Signal. Selbst dem Ahnungslosen bietet sich eine seltsame Vertrautheit dar. Zwar ist das chinesische Kunst, mit allen nur denkbaren Fragezeichen für die Uneingeweihten, doch Li Jin gelingt die Ansprache auf einer allgemeingültigen Ebene. Das könnte an der sanften Ironie und dem gleichzeitigen zärtlichen Blick liegen, womit sich die Szene vermittelt. Zudem regiert diese Weltwahrnehmung eine illustrative Lust, die überall verstanden wird und manchmal an eine milde, chinesisch gewandelte Variante…

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von Reinhard Ermen

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