Titel: Zur Lage der Kunstkritik · von Sonja Eismann 0
Titel: Zur Lage der Kunstkritik , 2013

Sonja Eismann
Nischen-Kritik

Vereinnahmungen und Widerstandspotentiale im popfeministischen Feld

Im Rahmen der Vortragsreihe „Kritik nach der Kritik“ an der Zürcher Hochschule der Künste fragten die Veranstalter, wie es sich mit einer (feministischen) „Popkulturkritik in Theorie und Praxis“ verhält. Der folgende Referatstext greift die Debatte auf und Antwort darauf, indem darin zwei grundlegenden Fragestellungen zur Sprache kommen: Wieso braucht es heute überhaupt noch Kritik innerhalb der Popkultur? Wieso sollte es dazu ausgerechnet eine idelogi(ekriti)sche Form von Kritik brauchen, in diesem Fall aus feministischer Perspektive?

Pop und Gleichberechtigung als das Allgemeine

Betrachten wir die gegenwärtige gesellschaftliche Situation, wie sie sich uns, gespiegelt durch Gesetzestexte und Institutionen, Medien und Alltagspraxen, darzustellen scheint:

Zum einen ist die rechtliche Gleichstellung von Frauen und sogenannten Minderheiten längst erreicht und gesetzlich verankert, Werte wie Emanzipation werden institutionell gefördert – es gibt Gender-Studies-Studiengänge, Gender-Mainstreaming-Leitlinien sowie Diversity Management.

Zweitens „scheint“, wie Diedrich Diederichsen schon 1997 weitsichtig diagnostizierte, heute „schier alles Pop zu sein“ (Diederichsen: 273). (Abb. 1) Er unterscheidet zwei verschiedene Phasen oder Konzepte von Pop: Pop I und Pop II. Während früher Pop „für den von Jugend- und Gegenkulturen ins Auge gefassten Umbau der Welt, insbesondere für den von der herrschenden Wirtschaftsordnung verkraft- und verkaufbaren Teil davon (stand): sexuelle Befreiung, englischsprachige Internationalität, Zweifel an der protestantischen Arbeitsethik und den mit ihr verbundenen Disziplinarregimes, aber auch für Minoritäten und ihre Bürgerrechte und die Ablehnung von Institutionen, Hierarchien und Autoritäten.“ (ibd.)

Diederichsen bezeichnet diese Phase als „Pop I (60er bis 80er, spezifischer Pop)“ (ibd: 275) –, so ist der Pop II ab den 1990ern der „allgemeine Pop“ (ibd.) geworden, dessen Drama hauptsächlich darin bestehe, „dass kein Terrain sich gegen seine Invasion mehr sperrt“ (ibd.).

Wenn Pop mittlerweile das Allgemeine geworden ist, das laut Diederichsen „neuerdings im Gegensatz zu Politik“ (ibd.) steht, statt eben selbst Politik zu betreiben, wie kann dann das Hegemoniale (Pop als omnipräsente Konstante) aus einer hegemonialen Position (gesetzlich verankerte Gleichberechtigung) kritisiert werden? Wie soll dies zu bewerkstelligen sein, beziehungsweise welchen Nutzen könnte dieses Unterfangen haben?

Zunächst einmal müssen einige dieser Beobachtungen genauer unter die Lupe genommen werden.

Death by Report – Ist Feminismus obsolet geworden?

Die feministische Wissenschaftstheoretikerin Sabine Hark macht in ihrem Aufsatz „Was ist und wozu Kritik? Über Möglichkeiten und Grenzen feministischer Kritik“ auf einen wichtigen Topos aufmerksam: auf den wieder und wieder verkündeten Tod des Feminismus, der nun, in diesem Moment und damit in grotesker Weise jedes Mal aufs Neue, überflüssig geworden sei: „Der Topos des death by report, der Auslöschung von Feminismus durch die Verkündung seines Todes“ (Hark 2009: 22), den sie anhand einer Erzählung von Virginia Woolf von 1938 illustriert.

„Die bis heute aktuelle Funktion dieses Topos arbeitet Woolf deutlich heraus: Damit nachfolgende Generationen von den feministischen Kämpfen der vorherigen profitieren können, ohne dass deutlich wird, dass es sich um feministische Kämpfe handelte, damit ein neuer Feminismus – meist angekündigt als ein Feminismus, der im Unterschied zum jeweils vorherigen weniger sektiererisch ist, weniger separatistisch und in jedem Fall Männer einschließend – erstehen kann, aber auch, um Feminismus prinzipiell als entweder irrelevant, unnötig und überflüssig oder als bedrohlich und gefährlich markieren zu können, oder um ihn der aktiven Wahrnehmung der Lebenden zu entziehen, muss er immer wieder rituell geopfert und sein vorzeitiges – meist durch angeblich eigenes Verschulden oder unheilbare Krankheiten wie Dogmatismus, Lustfeindlichkeit oder Separatismus bedingtes – Ableben verkündet werden.“ (ibd.)

Um die Errungenschaften des Feminismus zu normalisieren, müssen also gleichzeitig die vorangegangenen Kämpfe, die zur aktuell diagnostizierten Gleichberechtigung geführt haben, trivialisiert werden, wie auch paradoxerweise in Abrede gestellt werden muss, dass es nach wie vor Handlungsbedarf gebe.

Bedauerlicherweise fällt Sabine Hark nach ihrer klarsichtigen Analyse dieses Phänomens, das sich immer wieder in provokant rhetorischen Fragen Bahn bricht, wie z. B. „Is Feminism Dead?“ auf dem Titelbild des „Time Magazine“ vom 29. Juni 1998, selbst der Sogkraft dieses unkaputtbaren Topos anheim (Abb. 2). Wenn sie die medial konstruierte Neuigkeit und Einheit von „Post- und Pop-, Sparten- und Alpha-FeministInnen“ kollektiv verbunden „mit anti-feministischen Positionen“ sieht, die nur von der Frage umgetrieben würden: „Wie wird man um des eigenen feministischen Profils willen den (alten) Feminismus los und was macht man mit dem F-Wort?“ (ibd.), verkennt sie die Funktionsweisen der medialen Hype-Maschine, die sie ja anhand Woolfs Zitat selbst beschreibt. Und übersieht dabei, dass das Auseinanderdividieren feministischer Generationen und Positionen selbst eine Vorbotin des „Death-by-Report“-Topos ist. Dabei geht es vielen Protagonistinnen eines neueren Feminismus, der sogenannten Dritten Welle, im Gegenteil darum, besonders die Kontinuitäten zu den beiden vorangegangenen Wellen zu betonen.

Die Dritte Welle

Neben der Fortführung des Kampfes für die Umsetzung der seit den 1970er Jahren immer noch nicht erreichten Ziele ist es ein wichtiges Merkmal der Third Wave, dass im Gegensatz zu den zwei vorhergegangenen Wellen die Kämpfe für Emanzipation nicht mehr nur auf der gesetzlichen, sondern auch auf der symbolischen Ebene ausgetragen werden. Während die in den 1960ern, 70er und 80ern geborenen Protagonistinnen der Dritten Welle mit einem Diskurs der Gleichberechtigung aufgewachsen sind („es ist doch alles erreicht“), mussten sie feststellen, dass in vielen Bereichen – reproduktive Rechte, geschlechtsspezifische Gewalt, Lohnschere, Care-Arbeit, Status – von gleicher Teilhabe nach wie vor keine Rede sein kann. Die Gründe für diese fortbestehenden Ungleichheiten sehen sie verstärkt auf der symbolischen Ebene, also auf der Ebene der Bildproduktion, der Diskurse, der Medienberichterstattung und der Alltagspraxen. Daher richten sie ein besonderes Augenmerk auf die Populärkultur, die als Quelle für Stereotype, aber auch für subversive Lesarten oder zur Perforierung von Herrschaftsdiskursen herangezogen werden kann. Zudem sind die Exponentinnen der Dritten Welle als Kinder von Pop II alle maßgeblich an und mit Popkultur sozialisiert und wollen das Begehren an ihrem Spiel mit scheinbar einfachen Oberflächen, hintern denen sich das Komplexe verbirgt, nicht einfach verloren geben.

In den 1970er und 80er Jahren sahen feministische Theoretikerinnen/Kritikerinnen popkulturelle Güter wie Filme, Fernsehsendungen oder Romane noch primär als Problem. Wenn sie sich damit befassten, dann meist, um zu kritisieren, dass sie die – diesen Abbildungen vermeintlich vorgängige – gesellschaftliche ‚Realität’ von Frauen falsch darstellten (vgl. Hollows 2000: 22). In der Dritten Welle hat sich dagegen – beeinflusst durch die Riot-Grrrl-Bewegung einerseits, poststrukturalistische Theorien und die britischen Cultural Studies andererseits – die Annahme durchgesetzt, dass die Kämpfe um Gleichberechtigung nicht nur in der politischen Sphäre, sondern zunehmend auch auf der symbolischen Ebene ausgetragen werden. Filme, Fernsehserien, Frauenzeitschriften, Liedtexte oder Musikvideos spielen hierbei eine bedeutende Rolle, denn als popkulturelle Produkte bilden sie die Realität der Geschlechter längst nicht nur ab, so eine der zentralen Thesen der Cultural Studies, sondern beeinflussen die Muster, nach denen wir uns Weiblichkeit, Männlichkeit und andere Differenzkategorien vorstellen (Abb. 3). Sie werden somit zu wichtigen Schauplätzen eines symbolischen Kampfes um die Bedeutung von Geschlecht und Sexualität (vgl. Lenzhofer 2006: 34f).

Der Ort der Kritik

Es muss hier also nicht nur um Subjekt und Objekt der Kritik gehen, sondern auch um den Ort der Kritik und die Frage, wer sich hier unter welchen Bedingungen äußert und äußern kann. Adrienne Rich hat schon 1984 eine ganz maßgebliche Frage für feministische Wissens- und Kritikproduktion gestellt, nämlich die nach den Bedingungen: „when, where and under what conditions has the statement been true?“ (zit. nach AK Feministische Sprachpraxis: 60–1).

Alyosxa Tudor vom Berliner Arbeitskreis Feministische Sprachpraxis entwirft in diesem Kontext ein Modell kritischer Ver_Ortung: „Praktiken kritischer Ver_Ortung sind nie bloße Selbstbenennungen (und schon gar nicht lediglich vorangestellte), sondern finden auf verschiedenen Ebenen der Wissensproduktion statt. Zu kritischer Ver_Ortung gehören explizite Reflexionen der Konstruktionen von Material und Forschungsliteratur, von Kanonisierungen, Genealogisierungen, Sprachgebrauch, Themenwahl, Adressierungen, Be_Nennungspraktiken, Selbst_ und Außen_Re_Positionierungen und Außen_Ver_Ortungen etc. Da jegliche Wissensproduktion in der einen oder anderen Form Ver_Ortung auf den genannten Ebenen herstellt, vertrete ich die These, dass es keine nicht ver_orteten Wissensproduktionen gibt, sondern lediglich ent_ver_ortete Wissensproduktion, die über Neutralisierungen und Universalisierungen der eigenen Ver_Ortung diskriminierend wirken“ (AK FS: 58).

Ich selbst habe bereits in der Berliner„taz“ in der Reihe „Die Zukunft der Popkritik“ einen diesbezüglichen Wunsch ganz ausdrücklich in Bezug auf Pop, Kritik und Politik formuliert: „Unter dem Begriff ‚Multi-Attribuierung’ plädiere ich daher für eine Popkritik, die ihre Deutungen in einen größeren politischen Zusammenhang stellt und Pop-Phänomene aus klar umrissenen Perspektiven auf Kategorien wie Gender, Race, Klasse etc. verhandelt und diese auch als solche kenntlich macht“ (Eismann).

Auch hier ging es mir also um eine ganz ähnliche „Ver_Ortung“ der KritikerInnen-Position, die den Ort der SprecherInnen-Position ebenso wie den Ort der Kritik thematisiert und reflektiert und sich nicht mit Geschmacksurteilen, die sich mal objektiv, mal idiosynkratisch gerieren, zufrieden gibt.

Diedrich Diederichsen hatte 1997 bereits ein ganz ähnliches Anliegen für eine „Popwissenschaft“ formuliert. In „Ist was Pop“ schreibt er: „Was not tut, ist eine Art Wissenschaft, die von Fans betrieben wird, die prinzipiell für die Potenziale von Pop-Kultur empfänglich sind, aber frei genug, den gesellschaftlichen Zusammenhang nicht ausblenden zu müssen, in dem über und mit Pop Macht ausgeübt und Verhältnisse stabilisiert werden, die abzulehnen sind. Eine Wissenschaft, die freilegt und benennt, was passiert, wenn Pop produziert und konsumiert wird, die das eigene Fasziniertsein nicht ideologisch ausblendet, sondern heuristisch fruchtbar macht“ (Diederichsen: 285).

Konkurrierende Deutungen von Kritik

Es kann also, das sollte bereits deutlich geworden sein, nicht um eine rein formalistische, werkimmanente oder idiosynkratische Kritik gehen, wie sie auch im Bereich der Popkritik immer wieder gefordert wird, um das „Spielerische“ von Pop auch sprachlich abzubilden oder um der Doktrin der „Sachlichkeit“ oder „Neutralität“ Rechnung zu tragen.

Judith Butler weist in ihrem Text „Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend“ auf die Unmöglichkeit von Objektivität hin, wenn sie unter Verweis auf Foucaults Diktum, „dass die Kritik im Wesentlichen die Entunterwerfung (désassujettisement) des Subjekts im Kontext (jeu) der ‚Politik der Wahrheit’ sicherstellt“ (Butler: 236), folgendes schreibt: „Die Politik der Wahrheit gehört zu jenen Machtbeziehungen, die von vornherein eingrenzen, was als Wahrheit zu gelten hat und was nicht, als Wahrheit, die die Welt auf eine bestimmte Regelhaftigkeit hin ordnet und die wir dann als das gegebene Feld des Wissens hinnehmen“ (ibd.).

Sie erhellt diese Aussage mit folgenden subjektiven Fragen: „Wer kann ich in einer Welt werden, in der die Bedeutungen und Grenzen des Subjektseins für mich schon festgelegt sind? Welche Normen schränken mich ein, wenn ich zu fragen beginne, wer ich werden kann? Und was passiert, wenn ich etwas zu werden beginne, für das es im vorgegebenen System der Wahrheit keinen Platz gibt?“ (ibd.: 236–7)

Die Verstricktheit in die Machtbeziehungen sowie der Impetus der Kritik führen nach Foucault nicht dazu, dass die Frage gestellt wird, wie man radikal unregierbar wird, sondern zu der spezifischen Frage: „Wie ist es möglich, dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?“ (zit. nach Butler: 232).

Sabine Hark referenziert Marx und Adorno, um das Dilemma eines nicht klar trennbaren Innen versus Außen zu veranschaulichen: „Paradigmatisch für diese kritische Tradition [des Wahr-Sprechens, Anm. S. E.] ist vor allem Karl Marx’ Einsicht, dass Kritik immer immanente Kritik ist. Es gibt, mit anderen Worten, keinen Standpunkt außerhalb; man lebt, wie Theodor W. Adorno kommentiert, ‘von der Kultur, die man kritisiert’, dennoch muss man diese ‘rücksichtslos’ kritisieren“(Hark 2009: 30).

Hark verweist weiter auf Marx’ Verständnis von Kritik, die er in 1843 in einem Brief an Arnold Ruge folgendermaßen charakterisiert: „Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, daß wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. … Wir können die Tendenz in ein Wort fassen: Selbstverständigung der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche. Dies ist eine Arbeit für die Welt und für uns. Sie kann nur das Werk vereinter Kräfte sein.“ (Marx 1843, Hervorhebung i. O.) (zit. nach Hark 2009: 34).

Der neopragmatische Philosoph Richard Rorty hält hingegen in seinem bekannten Aufsatz „Feminism, Ideology and Deconstruction: A Pragmatist View“ folgende Ansicht gegen diese Praxis der Kritik des Bekannten: „But philosophy is not, as the Marxist tradition unfortunately taught us to believe, a source of tools for path-breaking political work. Nothing politically useful happens until people begin saying things never said before – thereby permitting us to visualize new practices, as opposed to analysing old ones“ (Rorty: 145). Der Analyse des Bestehenden hält er die Schaffung einer neuen Alternative entgegen: „But the most efficient way to expose or demystify an existing practice would seem to be by suggesting an alternative practice, rather than criticizing the current one“ (Rorty: 142).

Dissidente Partizipation

Was bei Rorty einfach und einleuchtend klingt, ist in der Praxis aufgrund der eigenen, immer schon kompromittierten, mit Machtpositionen verzahnten Position faktisch nicht möglich. Hark selbst bezieht sich daher in ihrem Nachdenken über einen möglichen Ort feministischer Kritik auf das Motiv der Grenzhaltung: „Foucault charakterisiert eben diese Haltung, die ein Verharren an der Grenze ist und zugleich die Bewegung ihrer Überschreitung, als eine Grenzhaltung. Es ging dabei nicht um ein Verhalten der Verweigerung, vielmehr müsse man der Alternative Außen/Innen entkommen und stattdessen die Grenzen aufsuchen“. (Hark 2009: 31)

Dieses Verharren an der Grenze und die Ablehnung der Innen/Außen-Dichotomie speisen sich aus der Tatsache, dass feministische Kritik und Wissensproduktion, um die es der Autorin hier maßgeblich geht, nun selbst innerhalb der Institutionen artikuliert werden. Nach den aktivistisch ausgetragenen Kämpfen der 1960er und 70er Jahren kam zwar einerseits die Phase des „Cooling Out“ – es wurden die Anliegen nicht mehr mit derselben Dringlichkeit auf der Straße vorgebracht – und andererseits aber auch eine Phase der Konsolidierung mit Anfängen der gefestigten Strukturen, wie wir sie heute kennen: Frauenbeauftragte, Frauenstudien, Frauenförderungsprogramme etc. In Hinblick auf das akademische Feld äußert Hark, dass seit „sich feministische WissenschaftlerInnen – wie prekär und widersprüchlich auch immer – in den Anstalten der Wissenschaft beheimaten konnten und tendenziell vom Rand in die Mitte rückten, kann nicht (länger) die Rede davon sein, dass sie den Anstalten der Wissenschaft schlicht als absolut ‚Fremde’, AußenseiterInnen oder Marginalisierte gegenüber stehen, die ‚das (gänzlich negative) Privileg [genießen], von den Spielen, bei denen um Privilegien gestritten wird, nicht getäuscht zu werden und zumindest nicht unmittelbar in sie involviert zu sein’ (Bourdieu 1997: 169f.) (ibd.: 33) und schließt hier mit einem Zitat aus Bourdieus Aufsatz „Die männliche Herrschaft“. Der „Scharfblick der Ausgeschlossenen“, von dem Bourdieu in diesem Text in Bezug auf die Rolle der Frauen innerhalb der „männlichen Herrschaft“ spricht, sei im aktuellem Wissenschaftsbetrieb als negatives Privileg eben nicht mehr vorhanden. Um diesen Umständen Rechnung zu tragen und Feminismus trotzdem, trotz seiner Institutionalisierung, als Ort der Kritik aufrecht zu erhalten, führt Hark das Konzept der „dissidenten Partizipation“ ein.

„Dissidenz und Partizipation sind, mit anderen Worten, unauflöslich verknüpft: Teilhabe, ja Akzeptanz der herrschenden Spielregeln ist die paradoxe Voraussetzung für Veränderung“ schreibt Hark in ihrem Buch „Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus (Hark 2005: 73). Mit Butlers „Psyche der Macht“ legt sie das Paradoxon dar, „dass wir nämlich gerade den Mächten widersprechen (wollen), von denen unser Sein abhängig ist“ (ibd.: 73). So seien auch „kritische Projekte beständig der Gefahr ausgesetzt, fremde Zwecke zu erfüllen und so eine andere als die intendierte oder imaginierte Form und Richtung anzunehmen“ (ibd.: 74-5) – sie würden „immer auch regulierende Projekte sein“. (ibd.: 75).

Denn auch hier werden wiederum neue Normen und Ausschlüsse, neue Regierungsformen produziert. Dagegen gelte es, „die ‚herrschaftsbedingten Grenzen im eigenen Denken und Handeln’ (ibd. 44), im Sprechen und Schreiben, Lehren und Publizieren, im institutionellen Agieren und Reagieren beständig neu zu befragen“ (ibd.) – Hier wird mit der Benennung der „herrschaftsbedingten Grenzen“ also wieder der Bogen zu der in ihrem Aufsatz „Was ist und wozu Kritik?“ propagierten „Grenzhaltung“ geschlagen.

Nischen

Mit meinen Ausführungen zu Hark, die sich auf feministische Positionen in der Wissenschaft bezieht, die sich aber leicht auf das popkulturelle Feld mit seinen ähnlich hegemonialen, wenn auch deutlich undurchsichtiger strukturierten Kräfteverhältnissen umlegen lassen, sollte bereits klar geworden sein, dass der Begriff der „Nischenkritik“, der sich sowohl auf das Analysieren und Kritisieren von Nischenphänomenen ebenso wie auf eine Kritik aus einer marginalisierten Position, aus einer Nische, beziehen lässt, alles andere als eindeutig ist. Das Paradoxe der Situation, dass weiblich identifizierte Personen als Teil einer „Minderheit“ wahrgenommen werden (der AK Feministische Sprachpraxis würde von „Frauisierten“ vs. „Typisierten“ sprechen), lässt sich im popmusikalischen Feld dadurch erklären, dass Frauen nach wie vor viel weniger stark an der Produktion und Performanz von Musik teilhaben als Männer. Daher ist der Begriff „Nische“ für von Frauen oder Queers gemachter, eventuell mit (proto)feministischen Haltungen unterfütterter Popproduktion trotz seiner Problematik gerechtfertigt, wie auch der immer noch minoritäre feministische Blick auf Pop-Phänomene eine Besonderheit, quasi das Andere des Musikjournalismus ist.

Sucht man im Internet nach dem Begriff der Nische, tun sich meist Seiten zu wirtschaftlichen Nischen und damit verbundenen Geschäftsmodellen auf. Die Nische ist damit ein zugleich sicherer und unsicherer Ort – sicher, weil kaum jemand die selbe Geschäftsidee noch einmal haben wird, unsicher, weil nicht klar ist, ob damit Gewinn erwirtschaftet werden kann – der abseits des Massengeschehens mit seinen Mainstream-Interessen verortet wird. Hier wird das Besondere gewinnbringend – letztlich ist es egal, ob es hier um ökonomisches oder kulturelles Kapital geht –, aber abgesondert von der Hauptströmung in Stellung gebracht.

So ist es nicht verwunderlich, dass in einem Beitrag innerhalb der Diskussionsreihe der deutschen Wochenzeitung „Jungle World“ zum Thema „Feminismus und Popkultur“ die altbekannten Vorwürfe gegen ein vermeintliches Einrichten in der Nische, gegen die „queere Popkuschelecke“ folgendermaßen vorgebracht wurden: „So sehr eine Nischenexistenz im Pop zunächst ein wenig Entspannung von der Einsicht in die Brutalität der Verhältnisse verspricht, so sehr erfüllt sie jene Funktion, die das Spartenprogramm in der pluralen, kulturalisierten Ökonomie hat. Die Nische setzt sich selbst in ein fest definiertes Verhältnis zum Mainstream, das in der dominanten politischen Ökonomie nur in den Begriffen der Konkurrenz zu beschreiben ist. In jenem Konkurrenzverhältnis bleibt den Protagonistinnen nicht viel mehr, als Alleinstellungsmerkmale auszubilden, in denen Devianz, Politizität und Militanz von vornherein mit der Goldwaage abgemessen und jederzeit abfragbar gemacht werden.“ (Raether/Stakemeier)

Die hier geäußerte Kritik ist aber keine, die ausschließlich für die hier als zu wenig radikal bemängelte neue Form des Feminismus Geltung haben könnte, sondern sie erstreckt sich auf jede widerständige Äußerung, die vom Kapitalismus aufgesogen wird und letztlich der Erneuerung seiner Ideologie dient. Dies haben Luc Boltanski und Eve Chiapello eindrucksvoll mit ihrem Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ z. B. anhand der Vereinnahmung von Künstler- und Studentenkritik aus den 1960ern gezeigt – innerhalb derer „Forderungen nach Eigenverantwortlichkeit und Selbstverwaltung und das Versprechen einer grenzenlosen Freisetzung der menschlichen Kreativität formuliert“ (Boltanski/Chiapello: 216–217) wurden, die heute zum Standard-Vokabular jedes Vorstellungsgesprächs und jeder staatlichen Arbeitsvermittlungsbehörde gehören.

Die beiden AutorInnen Johannes Paul Raether und Kerstin Stakemeier übersehen in ihrer Argumentation jedoch einen wichtigen Punkt: dass nämlich der Ort, von dem aus sich Nische und Mainstream als klar different bzw. als Antagonismen definieren, überhaupt nicht mehr erkennbar bzw. im Verschwinden begriffen ist. Im Editorial zur Ausgabe Nr. 19 der deutschen Popforschungszeitschrift „testcard“ mit dem Thema „Blühende Nischen“ aus dem Jahr 2010 heißt es: „Die Nischen wuchern, immer mehr Künstler strömen ins Netz, wobei sich die Frage stellt, ob es für all das überhaupt noch Rezipienten gibt. Aufgrund der Ausdifferenzierung und Ausbreitung der Nischen kommunizieren immer weniger Leute über die gleichen Phänomene. Diskurse über neuere Entwicklungen bleiben weitgehend aus, sodass Entwicklungen oft gar nicht mehr als solche erkennbar sind. Selbst der Mainstream ist längst nur noch eine Nische unter vielen geworden“. (testcard: 4)

Begehren nach Anerkennung

Viel eher als um die Rangelei um die Begriffe Nische versus Masse oder der schon lange ad acta gelegten Opposition „Independent versus Mainstream“ muss es darum gehen, von welchen Positionen aus hegemonial gesprochen wird – und damit auch um Vereinnahmungen und mögliche Gegenstrategien. So rekapituliert Diedrich Diederichsen in „Der lange Weg nach Mitte“ fünf Themenkreise aus den 1990ern, eine davon der Begriff „Girlism“, der von der damals noch von ihm mitbetriebenen Zeitschrift „Spex“ sich „im Sommer des Jahres 1990 ausgedacht und lanciert“ (Diederichsen: 287) worden war. Nachdem mit diesem Begriff der wachsenden Beteiligung von Frauen im Popgeschehen Rechnung getragen werden sollte, „kippte (er) eindeutig auf die Seite der Norm. … Und er überschritt – klassischerweise ein Manöver linker und oppositioneller Pop-Rezeption – das Feld der Kunst hinüber zur Politik. Das gipfelte in der Forderung an Frauen und vor allem Mädchen, statt sich einer politischen Strategie, genannt Feminismus, zu bedienen, sich im alltäglichen Leben doch so zu benehmen, als befänden sie sich im Pop-Feld, von dem auch noch idiotischerweise oder perfiderweise behauptet wurde, daß es dabei nur um Spaß und Sex ginge“ (ibd.: 287–8).

In einem im selben testcard-Band enthaltenen Gespräch zwischen Didi Neidhart und Frank Apunkt Schneider debattieren diese als „Flummi und Qualle“ über die Potenziale und Limitationen von Nischen und Nischenkritik heute und kommen am Ende, übereinstimmend mit und doch in der Wertung different zum „Jungle-World“-Text, zum Schluss, dass „du dieses Moment an der Nische auch brauchst: das Kuschelige, Nichtentfremdete. Bei Judith Butler ist Begehren ja immer auch Begehren nach Anerkennung. Als Grundprämisse eines lebenswerten Lebens. Nischen können die nötige Anerkennungsumgebung herstellen“ (Neidhard/Schneider: 18).

Sie plädieren dafür, Nischen als Orte der Reflexion und Theorieproduktion zu denken, „mit der die Verantwortlichen dann niedergemacht werden, ohne deswegen gleich die eigene Irrelevanz und Involviertheit kategorisch nicht mitdenken zu müssen. … Die eigene Umzingeltheit durch die Gesamtscheiße“ (ibd.). Eine dialektische Kritik der Nische, so Neidhard und Schneider in ihrem Dialog, müsste zwei Bereiche zusammendenken, also Ästhetik und Politik und somit „weder in bloße Kunstkritik noch in reinen Aktivismus versacken“ (ibd.).

Interessant ist hierbei in unserem Kontext jedoch abschließend vor allem, dass die „Nischenhaftigkeit“ feministischer Anliegen keine selbstgewählte Isolation wie bei „subversiven Pop-Phänomen“ ist, sondern sich aus der Marginalisierung feministischer Forderungen innerhalb der Gesamtgesellschaft erklärt. Es handelt sich also hier nicht um eine Nische „on demand“, sondern um eine Nische „by default“.

Daher läuft die durchaus berechtigte Kritik Bourdieus an den diversen „Studies“ wie women’s, gay oder black, die zur Bildung eines „wissenschaftlichen Ghettos“ oder „Isolationismus“, und letztendlich zu „schlechter Wissenschaft und am Ende (zu) schlechter Politik“ (Bourdieu: 214-5) führten, letztlich ins Leere. Denn wenn Bourdieu sich eine „kollektive Aktion zur Organisation eines symbolischen Kampfes“ wünscht, der einen „Bruch“ und damit „eine wirkliche kollektive Umkehrung der mentalen Strukturen nicht bloß bei den Angehörigen des beherrschten, sondern auch bei denen des herrschenden Geschlechts“ (ibd.: 215) hervorruft, formuliert er damit einerseits sicherlich den Traum vieler Feministinnen und „women’s studies“-Anhägerinnen. Zugleich verkennt er, dass die „kollektive Aktion“ ganz konkret aufgrund der von ihm beschriebenen Strukturen der männlichen Herrschaft gar nicht entstehen kann – und die Durchsetzung der Interessen von „Minderheiten“ zwangsläufig zunächst aus der Nische vorangesetzt werden muss.

Von der Theorie zur Praxis: feministische Popkulturkritik

Nach diesem Überblick über die Problematik einer Äußerung feministischer und popkultureller Kritik aus einer theoretischen Perspektive möchte ich mich nun der Praxis zuwenden, die, wie ich bereits eingangs geäußert habe, den theoretischen Überlegungen oft beinahe diametral zuwider läuft. Denn wo in der Theorie der Veruneindeutigungen und antiessentialistische Strategien gefordert werden, sind diese auf der Ebene schriftlicher und bildlicher Repräsentation und bei der Analyse konkreter Phänomene oft nicht realisierbar. Trotzdem kann aus diesem ständigen Spannungsverhältnis ein produktiver Umgang entstehen, da Haltungen und Gewissheiten immer wieder aufs Neue herausgefordert werden und kritische Selbstreflexivität gefordert ist – was in gewisser Weise dem Begriff der „Grenzhaltung“ ziemlich nahe kommt.

Um einen Überblick über die verschiedenen Ansätze feministischer Popkritik zu geben, habe ich einige Selbstdarstellungen typischer Medien der Dritten Welle des Feminismus, die sich grundlegend mit Pop-Phänomenen aus feministischer Perspektive auseinander setzen, zur besseren Illustration der Thematik exzerpiert.

Bust. Die US-amerikanische Zeitschrift „Bust“, Anfang der 1990er Jahre in New York von zwei Frauen nach Do-It-Yourself-Prinzipien (wie in diesem Bereich generell üblich) gegründet, war eine Vorreiterin des Feldes (Abb. 4). Im Vorwort des Sammelbandes „The Bust Guide to the New Girl Order“ aus dem Jahr 1999 erklären die Herausgeberinnen ihre Motivation zur Gründung des Heftes sowie ihre Einflüsse folgendermaßen: „Graduates of the Punk Rock school of thought, we had stomped our way through the eighties in lipstick and combat boots and thrift store dresses, members of a growing army of new-wave feminists who were inspired by women like Patti Smith, Excene Cervenka, Barbara Kruger, Cindy Sherman, bell hooks, Debbie Harry, Kim Gordon, Pam Grier, Susie Bright, Cynthia Heimel, Salt-N-Pepa, and, of course, Madonna“ (Karp/Stoller: xii).

„This was not going to be Ms. magazine for juniors, but rather Sassy for grown-ups“ (ibd.: xiii).

„In BUST, we’ve captured the voice of a brave new girl: one that is raw and real, straightforward and sarcastic, smart and silly, and liberally sprinkled with references to our own Girl Culture – that shared set of female experiences that includes Barbies and blowjobs, sexism and shoplifting, Vogue and vaginas“ (ibd.: xiv-xv)

Bitch Magazine. Das an der US-amerikanischen Westküste produzierte, non-kommerzielle „Bitch Magazine“ mit dem Untertitel „Feminist Response to Popculture“ (Abb. 5), in dem auf fast schon kulturwissenschaftliche Weise aktuelle Alltags- und Popphänomene einer feministischen Analyse unterzogen werden, legt in einer Anthologie mit Bitch-Texten die Motivationen für die Entstehung des Heftes in Bezug auf zeitgenössische Film- und TV-Heldinnen folgendermaßen dar: „What we were was curious about what those fictional women and their representational peers had to tell us about our cultural take on femininity, ‘proper’ male and female behavior, and women’s place in the world“ (Jervis/Zeisler: xix-xx).

„If the personal is political, as that famous phrase goes, the pop is even more so. And like that other maxim, its truth doesn’t mean that we can ignore the other things that are also political“ (ibd.: xxii).

„If we asked more girls and women to stop and think critically about the pop culture they’re encouraged to consume unquestioningly, we figured that maybe in some small way we could contribute to changing its messages. If we could encourage a generation of young women and men to look at the culture around them through a lens that prioritized gender representations, they’d be inspired to protest that culture …“ (ibd.: xxiii).

Missy Magazine. Bei dem von mir selbst mitbegründeten „Missy Magazine“ (Abb. 6) klang die Ausgangslage im Jahr 2008 dann so: „Wieso gibt es in Deutschland kein Magazin, das die Berichterstattung über Popkultur, Politik und Style mit einer feministischen Haltung verbindet? Weil es bisher noch niemand gemacht hat. Wir wollten so ein Heft unbedingt lesen und glauben, dass es vielen anderen jungen Frauen genauso geht. Deshalb machen wir Missy.“ (Missy-mag.de)

In der Praxis des popfeministischen Schreibens und Produzierens gibt es über Themenwahl und Haltung hinaus zusätzlich ganz grundsätzliche Methoden kritischen und reflektierenden Schreibens, die von der Repräsentation von als weiblich identifizierten Personen auf der produzierenden sowie der darstellenden Ebene über eine inklusive, geschlechtergerechte Sprache bis zu einer antistereotypen, nicht-identitären Bildpolitik reichen können und eine permanente Aufgeschlossenheit gegenüber sprachlichen wie auch konzeptuellen Innovationen erfordern.

Zum Abschluss möchte ich die Überlegungen des Arbeitskreis Feministische Sprachpraxis zur Gewaltförmigkeit von Sprache sowie einige von ihm projektierte radikale Gegenstrategien zitieren, die, wie zu sehen sein wird, im Schreiben für Publikumsmedien relativ schwer umsetzbar scheinen und doch zu neuen Grenzüberschreitungen anregen – und damit wieder die durchaus produktive Reibung von Praxis und Theorie illustrieren können, die sich hier permanent gegenseitig befruchten.

AK Feministische Sprachpraxis

Im Artikel „Dyke_Trans schreiben lernen. Schreiben als feministische Praxis“ äußerst sich Lann Hornscheidt wie folgt: „Mein Sein ist konstituiert in und durch die Gewaltförmigkeit von Sprache. Diskriminierungen sind gewaltvolle, gewalttätige Handlungen. Sobald ich spreche, übe ich Gewalt aus: wenn ich mir als weiß positionierte, durch Rassismus privilegierte Person einen Sprechraum und eine Sprechmacht gebe und geben kann, den auch Antirass_istinnen einnehmen könnten – oder eben auch nicht oder nur sehr theoretisch. Wenn ich nicht reflektiert habe, welche Gewaltförmigkeit ich mit meinen Metaphern gegenüber disableisierten Personen und Positionen zum Ausdruck bringe, wie ich in und durch mein Sprechen und Schreiben bestimmte Vorstellungen von Ability normalisiere, positiv bewerte. Sobald ich spreche, übe ich Gewalt auch gegen mich aus: wenn ich als Dyke_Trans in den Zu_Schreibungen zu Positionen mir nicht wortbar bin, wenn ich mich nur sehr langsam und zögerlich ent-erwähnt … fühle“. (AK FS: 101)

Zum Umgang mit diesem Dilemma, das vorhin bereits schon als die Untrennbarkeit von Innen und Außen beschrieben wurde, heißt es weiter: „Es gibt kein Aus-der-Welt-Treten, es gibt immer nur Versuche, das Ringen um reflektierte, verantwortungsvolle Handlungsweisen, die in jedem Versuch auch das Scheitern mit eingeschrieben_eingesprochen_gehört_gelesen haben. Diese können für mich nie abgeschlossen sein, was auch Teil meines Feminismusverständnisses ist“ (ibd.: 108).

Zu möglichen Gegenstrategien äußert Hornscheidt: „Mit den konkreten und situativ bezogenen Benennungen von Privilegierungen, mit ihrer situativen und differenzierten Wahrnehmungsherstellung über sprachliche Ver_Handlungen, ent_normalisiere ich ihre machtvolle EntNennung ent_normalisiere ich ihr Gegebensein, ihre Selbstverständlichkeit. Durch diese Benennungen schaffe ich immer wieder neue Kommunikationen mit mir, in denen ich verantwortungsvolle Umgangsweisen mit meinen Privilegierungen einübe_ausprobiere_gehe. So schaffe ich auch potentiell neue und veränderte Kommunikationsmöglichkeiten und -angebote zu anderen“ (ibd.: 113).

Doppelte Positionierung der Kritik

Feministische Popkritik ist also in dem Sinne eine parteiische Kritik, indem sie politisch klar Stellung bezieht und all das in ihrer Analyse explizit einschließt und benennt, was (Geschlechter-)Ungerechtigkeiten befördert. Andererseits ist sie in gewisser Weise eine metaparteiische Kritik, weil sie nicht nur ihre eigene, sondern auch die ideologische Verfasstheit aller anderen Kritikstandpunkte offen legt und dadurch den Ort der Kritik aller transparenter macht. Kritik aus der „popfeministischen Nische“ ergreift explizit und oft aktivistisch das Wort für all jene, die sich im hegemonialen Diskurs nicht mitgemeint oder klar ausgegrenzt fühlen, wie es z. B. das „Riot Grrrl Manifest“ von 1991, das einer der Motoren der Dritten Welle des Feminismus war, mit seiner an erste Stelle gesetzten Forderung artikuliert hat: „BECAUSE us girls crave records and books and fanzines that speak to US that WE feel included in and can understand in our own ways“ (Riot Grrrl Manifesto).

Durch diese doppelte Positionierung als praxisbezogene Kritikstrategie wie auch als übergeordnetes Analyse-Werkzeug, das die Ideologeme jedes kritischen Sprechens dekonstruiert, bezieht eine (pop)feministische Kritik genau jene Relevanz, die über ihr eigene vermeintliche Nischenhaftigkeit hinausweist.

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Sonja Eismann

Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Publiziert und forscht zu den Themen: Repräsentation von Gender in der Populärkultur, künstlerische Praktiken der 3. Frauenbewegung, Do-It-Yourself-Kulturen, Körper und Geschlecht in der Popmusik, Struktur und Genese popkultureller Textproduktion, Modeutopien. Mitherausgeberin des Missy Magazine. Website: http://www.missy-mag.de/

Veröffentlichungen: absolute fashion, Freiburg im Breisgau: Orange Press, 2012, Herausgeberin. Craftista. Handarbeit als Aktivismus, Hg. vom Critical Crafting Circle, Mainz: Ventil Verlag, 2011, Mitherausgeberin. Hot Topic. Popfeminismus heute, Mainz: Ventil Verlag, 2007, Herausgeberin.