Titel: Inszenierte Fotografie I , 1986

Klaus Honnef

Simulierte Wirklichkeit – Inszenierte Fotografie

Bemerkungen zur Paradoxie der fotografischen Bilder in der modernen Konsumgesellschaft

Menschen, ältere Menschen, zu zweit, vielleicht im Augenblick, wo sie ein Gespräch unterbrochen haben, andere allein, beim Gang über einen Platz oder beim Fotografieren – allesamt Motive dreier fotografischer Aufnahmen von Achim Duchow. Auf einer vierten ist eine Frau zu sehen; sie sitzt auf einer Bank und scheint irgend etwas in ihrer Tasche zu suchen. Am Horizont dieser Fotografie taucht, in gebührender Entfernung, punktförmig eine menschliche Gestalt auf.

Nichts besitzen die Farbfotos, was auf den ersten Blick unsere Aufmerksamkeit fesseln könnte. Weder die abgebildeten Menschen noch die wechselnden Kulissen, die lediglich als austauschbare Kulissen fungieren wie in den üblichen Touristenbildern, vermögen Interesse zu beanspruchen. Tante Minchen und Onkel Otto vor dem Markusdom in Venedig. Auch in künstlerischer Hinsicht sind die fotografischen Bilder, die sich als Bildfolge fügen, keineswegs bemerkenswert. Sie unterscheiden sich nicht von den banalen Dutzendfotos, die zu Tausenden in den Laborfabriken entwickelt und abgezogen werden. Sie sind nicht einmal so »schlecht«, daß wir sie als Fotografien »wilder« Künstler ernst nehmen können.

Warum aber beschäftigen uns diese fotografischen Aufnahmen dennoch?

Allein die Titel der Bilder erregen Aufmerksamkeit, provozieren das Interesse. Die Titel verleihen den Geschehnissen, die Achim Duchow wie beiläufig schildert, eine geheimnisvolle Aura, verknüpfen die Aufnahmen mit einer buchstäblich ins Auge springenden inneren Logik, katapultieren das Szenarium aus der eigentlich evidenten Alltagswirklichkeit in eine Sphäre des Abenteuers und der Imagination. Und unsere Neugierde ist sofort geweckt, unsere Fantasie beginnt prompt zu arbeiten, wenn wir lesen, daß wir…

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