Titel: Kunst und Wissenschaft · S. 110
Titel: Kunst und Wissenschaft , 1986

Bernhard Ganter

Spiel mit Symmetrie

Man muß sich rechtfertigen, wenn man über »Spiel mit Symmetrie« schreibt, soviel habe ich gelernt in den zahllosen Diskussionen, die die Vorbereitung der Darmstädter Ausstellung begleitet haben. Symmetrie sei nämlich etwas Bedenkliches, kurz: erstens langweilig und zweitens menschenfeindlich, deshalb arbeite der Künstler auch ohne sie, »asymmetrisch, wie ein Partisan«. Im Laufe solcher Gespräche habe ich dann herausgefunden, daß mir, dem Mathematiker, unterstellt wurde, ich wollte Symmetrie empfehlen, ich hielte symmetrische Formen für besser, schöner als andere (und müßte deshalb konsequenterweise für den Reichsparteitag schwärmen).

Welch ein Mißverständnis! Mich fasziniert ein Wahrnehmungs- und Erkennungsprinzip, welches das menschliche Denken und Fühlen auf vielfältige Weise beeinflußt und deshalb auch ein Gestaltungsprinzip von beachtlicher Wirkungskraft ist. Man kann es benutzen, verkitschen, mißbrauchen, gegen es arbeiten. Voraussetzung dafür ist stets, daß man seine Verwendungsmöglichkeiten intuitiv oder analytisch begreift.

Wenn wir ein mit Farbe bekleckstes Papier falten und wieder öffnen, so erkennen wir als erstes, daß die entstandene Figur symmetrisch ist (oder daß sie es, wider Erwarten, nicht ist), noch bevor wir feststellen, ob sich eine sinnvolle Form ergeben hat. Symmetriewahrnehmung benötigt also keine besondere Anstrengung, im Gegenteil, sie verschafft sich Aufmerksamkeit. Symmetrieprinzipien als Denkmuster werden ohne Schwierigkeiten auf Bereiche übertragen, die weitab vom Vorstellbaren liegen, man denke z. B. an »soziale Symmetrie«. Man unterschätzt dieses Prinzip, wenn man glaubt, es sich durch eine vorschnelle Bewertung vom Hals schaffen zu können!

»Spiel« bedeutet Materialerkundung. Es geht dabei um die einfachen, vordergründigen Zusammenhänge und Effekte, um das, was vor dem »Anspruchsvollen« kommt. Unser Thema gibt schon dafür…

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