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Essay · S. 68 - 75
Essay , 1986

Hans Ulrich Reck
Vom Ende der Differenz

Donald Judd – dessen Werke unnachgiebig das Reich der Vernunft bewachen – hat vor einiger Zeit (in der Zeitschrift ‚Art in Amerika‘, September/Oktober 1984) zu einem Rundschlag gegen die aktuelle Kunst und die, wie er sagt, ‚Mode des Postmodernismus‘ ausgeholt. Interessiert am Wert der individuellen Urheberschaft plädiert Judd – nach dem Zerfall des Ideologischen und nach der Ausdehnung des Ästhetischen auf das ganze Leben – für ein ‚wirkliches Urteilsvermögen‘, das die geschmacklichen Wertigkeiten filtert und bestimmt, was in einer aktuellen Kultur darstellungsbedürftig sei. Judds Forderung ist eine altvertraute. Es geht ihm um die Macht der Vernunft: erreicht werden soll ein Diskurs unter verständigen, an Auseinandersetzung interessierten, sich kohärent verhaltenden Leuten, die mit ihrem Wissen breiten Einfluß auf die Ungebildeten nehmen. Judds Forderung ist die nach dem Weltgerichtshof ‚Vernunft‘ und findet im ästhetischen Feld den klassischen Ort ihrer Bewährung. Rationalität bewährt sich in der Ordnung von Erscheinungen: das Reale unterliegt der ästhetischen Selbstbehauptung; diffuse und fließende Bilder werden in die Ordnung der Schrift, des Kontinuierlichen, der Sukzession und Hierarchie transformiert. Ästhetisches Vermögen gilt Judd als Durchsetzung einer Ordnung, die Prämissen, Erörterung, Überprüfung und Darstellung unterscheidet und in ein Klassifikationssystem rationaler Urteilsäußerung eingliedert. Die Prämisse ist dabei der Geschmack, die Erörterung die Ausgrenzung des Unerwünschten und Wertlosen, die Überprüfung die Hemmung des Ekels und die Darstellung die öffentliche Erziehung der ungebildeten Mehrheit, d.h. die Konstruktion eines ideal unbegrenzten Publikums ohne Widerstandsneigung.

Diese Auffassung zeugt auf ihre Weise von einer an einen Endpunkt angelangten Dialektik von Geschmack und…


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