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Monografie · von Reinhard Ermen · S. 260 - 271
Monografie , 1994

Reinhard Ermen
Yuji Takeoka

Abstand und Nähe

Auf dem Boden liegt eine polierte, quadratische Kupferplatte, darüber ein Glassturz. 1988 zeigt Yuji Takeoka diese Arbeit erstmals, die er seitdem insgesamt fünfmal realisiert hat; mit Variationen in den Maßen und den Materialien der Platte, die mal aus polierter oder patinierter Bronze ist und zuletzt 1992 als „schwebender Sockel“ aus hochglänzendem Messing unter dem Glassturz installiert ist. Womöglich ist in dieser Arbeit, in diesem Arbeits-Prinzip alles enthalten, was den „Bildhauer“ beschäftigt, was er denkt, und wie er skulptural handelt. Das könnte zum Beispiel eine Antwort auf Carl Andre sein, der wie Takeoka bei Konrad Fischer zu Hause ist. Vielleicht ist das aber auch ein (eher unbewußter) Reflex auf die Tatami-Matten, die in Japan die universale Maßeinheit des Raumes bzw. des Hauses bilden. Takeoka schließt solche Lesarten nicht aus, er setzt sich immer wieder mit dem Denken, der Arbeit der anderen auch den soziokulturellen Traditionen auseinander und legt das produktiv offen. In diesem Falle wäre eine Bodenplatte Carl Andres (die dem Japaner dank des Prinzips Tatami schon immer vertraut gewesen sein mag) unter das Vergrößerungsglas Yuji Takeokas geraten; herausgelöst aus der Serie wird daraus etwas anderes: in bezug auf den Diskurs eine ironische Antwort, als eigenständige Äußerung ein Weltbild im kleinen. Ironie und Feierlichkeit ziehen sich gemeinsam durch dieses Werk. Der Glanz des Materials verspricht Kostbarkeit, der Glaskubus unterstreicht mit Nachdruck diese Erscheinungsweise. Die Aura der Platte wird exakt vermessen und begrenzt: Berühren bzw. Betreten verboten! Erlaubte Nähe, befohlener Abstand! Es geht auch um das inszenierte…


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