Band 198, 2009, Titel: 53. Biennale Venedig, S.

53. BIENNALE VENEDIG: Länderpavillons

Nationale Kunst-Leistungsschau

Von Susanne Boecker

Sind sie nun eine nationale Leistungsschau in Sachen Kunst oder nicht? Auf jeden Fall sind die nationalen Pavillons der Biennale Venedig eine Institution, die sich – allen gegenteiligen Verlautbarungen zum Trotz – im zweijährigen Rhythmus stets von neuem behauptet. Zuverlässiger Gradmesser für die Attraktivität der Länderpräsentationen der Biennale sind wie immer die von der Biennale herausgegebenen Lagepläne, die neben den einschlägig bekannten Spielstätten in den Giardini und den Arsenale eine Vielzahl von Locations im Venezianer Stadtraum respektive auf den diversen Inseln der Lagunenstadt verzeichnen. Unübersehbar präsent sind in diesem Jahr die Amerikaner, die ihren Altmeister Bruce Nauman mit einer umfassenden Retrospektive an gleich drei Ausstellungsorten präsentieren. Von der Biennale-Jury wurden sie für diesen Einsatz prompt mit einem Goldenen Löwen belohnt.  

Eine überraschende, wenn nicht gar befremdliche Entscheidung, haben doch die nordischen Länder (Norwegen, Finnland, Schweden) gemeinsam mit den Dänen einen fulminanten Auftritt hingelegt. Der gemeinschaftliche Auftritt ist eine Premiere, kuratiert und konzipiert wurde er von Elmgreen & Dragset. Das dänisch-nordische Künstlerduo hat die beiden Pavillons als Privathäuser fiktiver Personen umgestaltet. Der Dänische Pavillon steht „zum Verkauf“, und ein Makler gibt dem interessierten (Kauf-)Publikum bereitwillig Auskunft über die Familiendramen, die sich hier abgespielt haben mögen. Der benachbart stehende Pavillon der nordischen Länder wird beziehungsweise wurde von dem schwulen Kunstsammler „Mr. B“ bewohnt. Er ist auf seltsame Weise zu Tode gekommen und treibt – noch mit Hose und Hemd bekleidet - bäuchlings in seinem Pool. Die opulent-exzentrisch ausgestatteten Räume seiner großzügigen Wohnung (im Zentrum das wohl außergewöhnlichste Badezimmer der jüngeren Kunstgeschichte) beherbergen nicht nur ausgesuchte Werke der zeitgenössischen Kunst, sondern auch eine Kollektion gebrauchter Badehosen von Ex-Geliebten des Hausherrn. Mit ihrer ungewöhnlichen Installation durchbrechen Elmgreen & Dragset in mehrfacher Hinsicht das eingefahrene Biennale-Schema: Aufgegeben wird die nationale Präsentation, die Pavillons sind nicht mehr länger „nationale Ausstellungsfläche“, sondern eine Art Bühnenraum, auf dem die Werke internationaler Künstler zusammengeführt werden. Die Zusammenstellung ist nicht kunsthistorisch begründet, sondern folgt dem Drehbuch fiktiver Biografien. Mit dem Motiv des Kunstsammlers greifen die Kuratoren zudem ein hochaktuelles Thema auf. Denn immer mehr Sammler machen ihre private Leidenschaft öffentlich, indem sie über, neben oder in ihren Privaträumen eigene Museen und Showrooms einrichten, und sich mit ihrer Kollektion selber ausstellen.  

Im Vergleich zu dieser ebenso intelligenten wie witzigen, sinnlichen und hintergründigen Kunst-Inszenierung wirkt der Beitrag von Liam Gillick im Deutschen Pavillon dröge wie eine Scheibe Knäckebrot. Wobei festzustellen ist: Auch Kurator Nicolaus Schafhausen hat mit der Biennale-Tradition gebrochen, indem er einen britischen Künstler auswählte. Der hat sich die Sache nicht leicht gemacht und „über ein Jahr lang“ sein Projekt entwickelt. In stetem Dialog mit Nicolaus Schafhausen unternahm er Reisen, recherchierte was das Zeug hielt und landete nach ausgiebiger Beschäftigung mit der Architektur des Pavillons schließlich bei Fragen, „die sich um Modelle sozialen Verhaltens und um die Entstehung und Problematik neuer Umgangsformen an ideologisch aufgeladenen Orten drehen“. Seine künstlerische Umsetzung findet dieser Fragenkomplex in einer Installation aus unbehandeltem Tannenholz, deren Proportionen nicht von ungefähr an Elemente von Einbauküchen erinnern. Gedacht als „Diagramm aus Modernitätsbestreben und Funktionalität“ soll sie „in Spannung zur Logik des Gebäudes“ stehen (alle Zitate aus dem Begleittext). Verstärkt wird diese intendierte Spannung noch durch eine sprechende Katze, die oben auf einem der Küchenmöbel hockt und den puristischen Funktionalismus der Küchenzeile konterkarieren soll. Leider überzeugt diese aus der Kraft des konzeptuellen Denkens entstandene Konstruktion nicht wirklich. Zu viel heiße Luft um nichts. Da hat wohl eine ordentliche Dunstabzugshaube gefehlt.  

Wie erfrischend dagegen vis-à-vis der Pavillon der tschechischen und slowakischen Republik! Roman Ondák hat ihn gestaltet, und sein Eingriff ist von einer derart überraschenden Einfachheit, dass man geradezu verzaubert ist. Unmerklich betritt man diesen Pavillon und ehe man sich’s versieht, steht man schon wieder draußen. Und fragt sich: War denn da überhaupt ein Pavillon? War denn da überhaupt Kunst? War da überhaupt etwas anderes als dieser Park, in dem die nationalen Länderpavillons stehen? Denn nichts anderes gibt es in diesem an beiden Schmalseiten geöffneten, schlichten, längsrechteckigen Raum. An den Rändern wachsen Bäume und Sträucher, durch die Mitte verläuft ein leicht geschwungener Weg. Hier hängen keine redlichen Bilder an den Wänden, buhlen keine Skulpturen oder Videos um die Aufmerksam des Kunstflaneurs, noch verunsichern ihn konzeptuelle Ungeheuer. Stattdessen weht hier ein frischer Luftzug und man kann Atemholen und Innehalten und sich fragen: Was wäre, wenn keine Kunst wäre? Ist der Pavillon in den Giardini das Kunstwerk oder sind die Giardini im Pavillon das Kunstwerk? Oder beides?  

Roman Ondák ist nicht der einzige Künstler, der sich auf dieser Biennale mit den Architekturen der nationalen Pavillons in den Giardini beschäftigt: Gleich schräg gegenüber im Pavillon von Großbritannien zeigt Steve McQueen seine filmischen Impressionen des Kunstschauplatzes in der winterlichen Ruhephase. Um der Kunst die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die ihr gebührt, wird der Pavillon wie ein Kino betrieben. Man muss eine Einlasskarte abholen, rechtzeitig vor Vorstellungsbeginn erscheinen und wird mehrfach gebeten, sein Mobilfunkgerät abzuschalten. Die Methode zeigt Wirkung: die Besucher sitzen mucksmäuschenstill und verharren in andächtiger Betrachtung der tonlosen Doppelprojektion im schmalen Querformat. Auch Doris Margreiter hat den Pavillon zum Thema gemacht. In ihrem Film „Pavilion“ setzt sie sich mit der Architektur des von Josef Hoffmann erbauten, 1934 eröffneten österreichischen Pavillons auseinander. Um die Identität des Gebäudes mit seiner Ausstellungsgeschichte zu erkunden, verwandelte sie den Ausstellungsraum im Frühjahr in ein Filmstudio und einen Performanceort. Das Ergebnis der mehrtägigen Aktion ist ein grobkörniger Schwarz-Weiß-Film, in dem die Architektur als Filmkulisse inszeniert und zugleich in ihrer Funktion als Ausstellungsort überprüft wird. Zu erwähnen ist schließlich noch die Auflagen-Arbeit, die Liam Gillick im Rahmen seines Biennale-Beitrags geschaffen hat. Bei seiner kritischen Beschäftigung mit der NS-Architektur des Pavillons stieß er auf Pläne des Documenta-Gründers Arnold Bode, der bereits in den 50er Jahren einen Umbau zu einer „Architektur der Bescheidenheit“ vorgeschlagen hatte. Liam Gillick hat diesen nie realisierten Entwurf als Modell umgesetzt (Aluminium eloxiert, 26 x 30 x 12 cm). Das Modell erscheint in einer limitierten Auflage von 25 Stück und ist zum Preis von € 5.000 erhältlich (Bestellung unter info@deutscher-pavillon.org).  

Einige der nationalen Pavillons sind in die Arsenale integriert. Hier befindet sich zum Beispiel der Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate, die in diesem Jahr zum ersten Mal teilnehmen. Kurator Tirdad Zoghadr gibt sich überzeugt von der Bedeutung dieses Auftritts: „By and large, art professionals around the world dismiss the notion that a pavilion can truly represent a nation“. Man ist stolz darauf, als erster arabischer Staat der Golfregion in Venedig mit dabei zu sein und präsentiert sich mit den Versatzstücken eines „Messeauftritts“. Neben Fotografien von Lamya Gargash, die Räume in allen Ein-Stern-Hotels der Emirate zeigen, gibt es Architekturmodelle der „Kunst-Infrastruktur“ der UAE, als da wären die bereits existierenden, nämlich das Sharjah Art Museum, das Sharjah Museum of Islamic Civilization, sowie die in Planung befindlichen Saadiyat Island Cultural District in Abu Dhabi, der Louvre Abu Dhabi, das Guggenheim Abu Dhabi Museum und das Museum of Middle Eastern Modern Art – MOMEMA. Ein klares Statement für ein politisch gewolltes Engagement in Sachen Kunst und Kultur, ebenso wie die von der Berliner Künstlerin Hannah Hurtzig arrangierte Video-Serie „Nation Builders“: aufgezeichnete Gespräche mit führenden Persönlichkeiten, die maßgeblich an der Entwicklung der Kulturszene in den UAE beteiligt sind. Auf seine Weise setzt dieser Pavillon ein in der Tradition der Biennale ungewöhnliches Statement. Anstatt eine vorhandene Kunstproduktion zu präsentieren (die es ja vielleicht noch gar nicht gibt?), verweist man lieber auf die großartige Zukunft, die Kunst und Kultur in den UAE dereinst haben werden.  

Ebenfalls in den Arsenalen untergebracht ist der italienische Pavillon, dessen Ausstellungsfläche gegenüber 2007 auf 1800 Quadratmeter verdoppelt wurde. Der Schriftzug „ITALIA“, der bislang über dem Pavillon in den Giardini prangte, wurde abmontiert und auf der Rasenfläche hinter dem Gebäude aufgestellt. Auch hier weht ein uneingeschränkt nationaler Geist: Nach jahrelanger Bedrängnis durch die Hauptausstellung im Giardini-Gebäude, erhält hier die Kunst Italiens wieder den Raum, den ihr nach Ansicht von Kommissar Francesco Prosperetti gebührt. Das Ergebnis dieses Großauftritts ist allerdings mehr als enttäuschend. Unter dem recht fadenscheinig wirkendem Titel „COLLAUDI. Hommage an F. T. Marinetti“ sind neue Werke von zwanzig Künstlern versammelt. Unter den 30- bis 50-jährigen, die mit von der nationalen Partie sein dürfen, sind Sandro Chia, Luca Pignatelli und Masbedo.  

Viel zu entdecken gibt es natürlich auch in den über das ganze Stadtgebiet verteilten nationalen Pavillons. In der Scuola Grande della Misericordia etwa, der diesjährigen Kunststätte Litauens. In dem weiten Backsteinbau hat Žilvinas Kempinas eine großartige Installation aus Videobändern eingerichtet. Aus längs gespannten Bändern formte er eine lange Röhre, die man wie einen Tunnel durchschreiten kann. Die filigrane Konstruktion vibriert im leicht im Luftzug und in den gespannten Bändern spiegelt sich das einfallende Licht. Eine in ihrer Schlichtheit, Klarheit und formalen Präzision beeindruckende Arbeit. Beklemmend dagegen die Installation von Teresa Margolles im Pavillon von Mexiko. „De qué otra cosa podríamos hablar?“ – „Worüber sonst könnten wir sprechen?“ übertitelt sie ihre über mehrere Räume des Palazzo Rota Ivanich verteilte Installation. Tod, Gewalt, Mord, Verbrechen – mit diesen Themen setzt sich die Künstlerin seit Jahren auseinander. In der aktuellen Arbeit verweist sie auf das Ausmaß der brutalen Drogenkriege an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Mitgebracht hat sie das vor Ort aufgenommene Blut der Opfer, das sie dem Besucher in großen, blutgetränkten Leinwänden vor Augen hält. Ähnlich wie in ihrer Seifenblasen-Arbeit, für die sie Wasser aus einem Leichenhaus verwendete, bringt Teresa Margolles auch hier den Besucher in unheimlichen, physischen Kontakt mit dem Tod: Einmal am Tag lässt sie die Böden der Ausstellungsräume mit dem im Wasser aufgelösten Blut der Mordopfer wischen. Die Putzeimer mit den ausgewrungenen Lappen stehen wie stumme Zeugen im Raum.  

Es sind dies nur wenige Beispiele aus dem enormen Ausstellungsangebot der nationalen Pavillons. Auch wenn viele Kritiker diese Ausstellungsform in Zeiten der Globalisierung für obsolet halten, und sich de facto die nationalen „Grenzen“ ja bereits aufzulösen beginnen (in den Pavillons der nordischen Länder oder im deutschen Pavillon), so hat sich das Modell jedoch keineswegs überholt. Im Gegenteil: es ist lebendiger und spannender als je zuvor. Natürlich ist es unsinnig, hier eine „Messlatte“ anlegen zu wollen, die einzelnen Auftritte nach irgendwelchen allgemein anerkannten Maßstäben (Professionalität des Auftritts, internationaler Bekanntheitsgrad des Künstlers/Kurators, Marktwert des Künstlers usw.) zu beurteilen. Ob sich ein Land mit der musealen Retrospektive eines anerkannten Großmeisters, mit der experimentellen Arbeit eines ganz jungen Künstlers, mit einem nationalen „Überblick“, einer thematischen Schau oder einer bunten Mischung präsentiert – zeigen wird es auf die eine oder andere Art immer den angesagten „State of the Art“. Die nationalen Pavillons sind so etwas wie kulturpolitische Kristallisationspunkte: Hier zeigt sich, welche Themen virulent sind, wie Künstler diese umsetzen, wie viel Geld ein Staat für die Kunst zur Verfügung stellt, wer sich als „Kulturnation“ präsentieren will, wer auf Altbekanntes setzt, wer das Risiko wagt, wo die Politik das Sagen hat und wo die Kuratoren bestimmen … Was könnte es Spannenderes geben, als einen solchen Überblick?  

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor
Susanne Boecker

* 1961, Wuppertal, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Elmgreen & Dragset

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Liam Gillick

* 1964, Aylesbury, Grossbritanien

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Teresa Margolles

* 1963, Culicán, Mexiko

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Dorit Margreiter

* 1967, Wien, Österrreich

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Steve McQueen

* 1969, London, Grossbritanien

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Bruce Nauman

* 1941, Fort Wayne, Verein. Staaten

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Roman Ondák

* 1966, Zilina, Slowakische Rep.

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Weitere Personen
Sandro Chia

* 1946, Florenz, Italien

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Lamya Gargash

* 1982, Dubai, Verein. Arab. Emirate

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Luca Pignatelli

* 1962, Mailand, Italien

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Nicolaus Schafhausen

* 1965, Düsseldorf, Deutschland

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Biennalen
Biennale Venedig

I – Italien

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