Monografie · von Doris von Drathen · S. 210
Monografie , 2015

DANI KARAVAN

Orte ohne Heimat

von Doris von Drathen

Eher wäre diese Skulptur ein freier Fall zu nennen, als ein Gedenkort für Walter Benjamin. Wenn ein Besucher diese Eisenwände erreicht, die ohne Vorwarnung den Küstenabhang von Portbou durchteilen und eine unvermittelt in die Tiefe stürzende Eisentreppe einrahmen, wird er Geschichte als radikalen Augenblick erleben. Als Dani Karavan 1994 dieses Denkmal im französisch-spanischen Grenzort einweihte, an dem Ort, wo Walter Benjamin sich am Tag nach seiner Flucht über die Pyrenäen und nach aussichtslosen Nazi-Kontrollen das Leben genommen hatte, war auch Lisa Fittko anwesend, die damals als Untergrundkämpferin am 24. September 1940 einer kleinen Gruppe von Flüchtlingen den waghalsigen Geheimpfad über den Bergkamm gezeigt hatte. Dani Karavan, erzählt so beeindruckt von ihr, als wäre er selbst dabei gewesen. Und genau das erlebt der Besucher in dem Augenblick, da er in den schmalen zum Himmel offenen Tunnel eintritt, und wie vom Schlag getroffen stehenbleibt, bis er beginnt, wie im Schwindelsog die lange, steile Eisentreppe Stufe für Stufe hinabzusteigen, als wären diese Stufen Zeitschichten. Gedächtnis als Abgrund erleben, als freien Sprung in den Raum. Sich angstvoll angezogen fühlen vom Strudel in der Tiefe. Eine Glaswand mit einem Text, der darauf gefräst ist, trennt den Betrachter schützend von der Gefahr, tatsächlich zu stürzen. Darauf stehen in Deutsch die Benjamin-Worte: „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“

Selten ist ein radikaleres Denkmal geschaffen worden. Hier gibt es weder Narration, noch werden Namen oder Länder genannt. Von den metallenen Stufen der langen Eisentreppe hallen die Schritte. Das Gurgeln des Meeres in der Tiefe, das Schlagen der Wellen an die Betonkonstruktion und die Eisenplatten, der Himmel, der Wind, gar die Angst selbst des Betrachters, der immer mitgedacht wird, scheinen skulpturales Element in dieser Arbeit. Was der Besucher unmittelbar nacherlebt, ist der verzweifelte Augenblick einer Passage auf Leben und Tod, wenn ein Notsteg so schmal wird, dass er kaum noch erkennbar ist, und die Zeit aussetzt.

Der Künstler aber durchbricht diese Verzweiflung und das individuelle Drama, indem er dieses Denkmal nicht nur Benjamin, sondern gleichzeitig all jenen widmet, deren Leben und Namen von der Todesmaschinerie der Nazis gemordet wurden. Damit verlässt er das enge Hotelzimmer der letzten Nacht Walter Benjamins. Der Einzelfall öffnet geschichtlichen Raum. Was auf diesen Stufen aber gleichzeitig mitschwingt ist eine absolute Raumerfahrung, eine Art weißes Rauschen, eine jenseitige Stille, etwas Abgeklärtes.

Dieser sonderbare Pendelgang zwischen dem Nacherleben eines Einzeldramas und der gleichzeitigen Erfahrung der Weite eines absoluten Raums, die in dieser skulpturalen Komposition zu spüren ist, kennzeichnet viele Arbeiten von Karavan. Der Künstler kulminiert und übersteigert jegliche Narration in diesem Ort, wo man sich trotz der schweren Erinnerung gern aufhalten mag, wo Gedächtnis einen nicht niederdrückt, sondern im Gegenteil aufrichtet. Diese Transformation ist auch hier in Portbou zu erleben. Ist es das Rauschen des Meeres, oder das Sausen des Windes in den Kiefern? Ist es das Sonnenlicht mit seinen immer gleich wandernden Schatten? Wind, Sonnenlicht, Bäume, Wasser sind für den Künstler skulpturale Elemente, die er vom Beginn seiner Arbeit an, also seit den 1950er Jahren gleichwertig neben anderen Konstruktionselementen wie Beton, Stahl, Holz oder Granit, einsetzt.

Oftmals entdeckt Dani Karavan währen seines Arbeitsprozesses die Elemente, die später entscheidend werden für einen skulpturalen Ort. So war es ihm zu Beginn der 1960 Jahre in einer seiner allerersten Arbeiten, die inoffiziell schon in den 1950er Jahren begonnen hatte, dem Monument von Negev ergangen. Dort, auf einem der Hügel, in der Nähe der Stadt Beersheva, hatte er eine Art Dorf aus grauen abstrakten Zement-Elementen gebaut. Das Material fügte sich beinah mimetisch in die Farben der Wüste, sodass, lediglich die Formen selbst zur skulpturalen Präsenz wurden: Ein Turm, eine Kugel, eine Rampe, zwei nahstehende Mauern, elliptisch geschwungene Gebilde. Intuitiv hatte er etwa ein großes Element dieses Ortes, eine Kugel, geöffnet durch einen schmalen Spalt und auch durch mehrere Löcher in der Kuppel, die an eine Konstellation erinnern. Er hatte diesen Schnitt gewagt, inspiriert von astronomischen Kenntnissen der Ägypter, die beim Bau der Pyramiden mit höchster Präzision enge Öffnungen einplanten, um zu ganz bestimmten Zeiten einen bestimmten Lichtwinkel der Sonne, oder eines anderen Planeten einzufangen. Karavan kalkuliert nicht, er experimentiert und entdeckt hinterher, was entstanden ist. So auch hier für das Negev Monument. Erst nach Abschluss der Arbeit sah er, wie nun das Sonnenlicht durch diesen Spalt einfiel und auf den Wänden sein Spiel begann. Er war damals sehr beeinflusst auch von den alten Kulturen Mesopotamiens, Babyloniens, den sumerischen Grabsteinen. Mit Begeisterung hatte er deren Verwendung von Schrift, die in verschiedenen Richtungen lesbar einen Stein bedecken konnte, in seine Skulpturen aufgenommen. Ganze Wände füllte er mit Buchstaben. An manchen Wänden waren Namen oder auch längere Texte wie Logbucheintragungen aus dem Krieg eingetragen. Es sind nüchterne Worte. Der Begriff ´patria´ kommt nicht vor, genauso wenig wie eine Unterscheidung von Sieg oder Niederlage. Es geht um menschliches Leiden, um die Unfähigkeit, Frieden zu schaffen. Die Logbucheintragungen lassen allgemein Menschliche lebendig werden, ein Detail, eine Alltagssituation. So wie: „Zwei Leute sind erschossen worden, zwei sind verwundet, wir mussten den Ort verlassen und konnten sie nicht mitnehmen, wir ließen sie zurück mit den Krankenschwestern.“ Die Eintragung endet dort. An bestimmten Augenblicken des Tages wird die Schrift im Sonnenlicht lesbar, dann wieder taucht sie ins Zwielicht, wird grau im Schattenraum. Es war vorgekommen, dass Besucher diesen Raum betraten, gerade in dem Augenblick, als der Name eines ihrer Angehörigen im Sonnenlicht aufschien. Der Ort selbst hat seine Bewegung, und seine unvorhersehbaren Zufallsfigurationen, die mit einem Mal Gedächtnis an die Oberfläche holen. Dani Karavan musste kein Gedächtnis erfinden, es begegnete ihm. Die Menschen aber, die hierher kamen, unternahmen keine Pilgerfahrt zu einem Gedenkort, sie kamen, um dort die Aussicht zu genießen, um dort zu verweilen, die Kinder spielten. Es ist ein friedlicher Ort des Wohlseins, das war entscheidend für Karavan, der für diese skulpturale Komposition einen Präzedenzfall für sein gesamtes Werk geschaffen hatte: Er war es, der den Ort bestimmte – oder, der sich bei Direktaufträgen das Recht vorbehielt, Alternativvorschläge zu machen.

Denn der Ort selbst ist entscheidend für die Wahl der Materialien und Formen, die Wahl der einzelnen Elemente. Karavan drückt dem Ort keine skulpturale Komposition auf, der Ort ist Thema, Inspirationsquelle, Zentrum aller Aufmerksamkeit und allen Respekts. Denn der Ort birgt das Wesentliche – das Gedächtnis, das in allen Poren des Ortes schlummert und nur geweckt werden muss, davon ist Karavan überzeugt. Dazu gehört ebenso wesentlich das menschliche Maß. Karavan sucht selbst in seinen großen skulpturalen Kompositionen keine Machtgeste. In allem, was er tut, ist der Mensch seine Referenz.

Als Karavan seinen Weg als Künstler begann, gab es solche Begriffe wie „ortsbezogene Skulptur“, „Installation“, oder „Environment“ noch nicht. Die Regierung gab Karavan Aufträge, ohne zu fragen, in welche Kategorie er wohl einzuordnen sei. Man hatte die Erfahrung gemacht, dass er zuverlässig arbeitete und seine öffentlichen Plätze, Gedenkorte oder Reliefwände, wie etwa die im Regierungsgebäude der Knesset, Erfolg hatten. Die Reliefs hatte er damals in Erde ausgeführt, sie mit seinen Händen geknetet und geformt und schließlich in Zement abgegossen. Die Erdreliefs waren also Negativformen. Heute, mehr als 50 Jahren später, schafft er neue Erdskulpturen, die nun allerdings in speziell haltbarer Erdmischung selbständig bestehen bleiben, und positiv geformt sind. Sie sind bezogen auf die archaischen Gebäudeformen eines alten arabischen Dorfes, das Karavan, wie er berichtet, einmal gesehen hatte in seinen Jahren als junger Bildhauer. Gleichzeitig erfuhr er von Archäologen, dass Erdmauern bekannt seien, die 3000 Jahre überdauert hätten. Wenn er heute also das Material in die aktuelle Kunst bringt, geht er zurück auf einen alten Traum.

Solche Resonanzen in seiner langen Erfahrung als Künstler bestimmen das Werk von Karavan. Ursprünglich kam er vom Theater, hatte Bühnenbilder gebaut und gemalt und war in dieser Welt bekannt geworden. Zu Beginn der 1960er Jahre hatte Marta Graham ihn an den Broadway eingeladen. Ein wirkliches Ereignis für diesen Künstler, der bisher noch wenig im Ausland hervorgetreten war. Wie eine Erleuchtung aber durchfuhr es ihn, als er während einer Ausstellung in einer Basler Galerie im dortigen Kunstmuseum vor den abstrakten Skulpturen und skulpturalen, bühnenartigen Kompositionen von Giacometti stand, etwa dem Palais à 4 heures und anderen szenographischen Käfigen. Hier fand er sich wieder in seinen kaum noch realisierten Wünschen, hier entsprang sein Elan für weitere Projekte.

Aus dieser Referenz heraus, hat er sein Zusammenfügen von verschiedenartigen Elementen weiterentwickelt und schafft von nun an bildhauerische Bauwerke, die oftmals wie kleine Ortschaften anmuten. So hat der White Square oder Kikar Levana in Tel Aviv etwa den Spitznamen „weiße Stadt“. Tatsächlich konstruiert Karavan hier einen Platz, der an eine abstrakte urbane Komposition erinnert. Ein Turm, eine Pyramide, eine Kuppel, alle aus weißem Beton ebenso wie der weiße Platz selbst, bilden die wichtigsten Elemente dieses Ortes, der Gras, einen Baum, einen Wasserlauf und auch Wind miteinschließt. 1977 hat Karavan diesen Platz begonnen und 1988 abgeschlossen. Es ist die erste Arbeit von Dani Karavan, die Wind zu einem skulpturalen Element macht. Und auch hier wieder war es ein Zufall während des Bauens, der Karavan, auf die Idee einer Windorgel brachte. Er hatte als letzter abends die Baustelle verlassen, als er zurückgehalten wurde von einem merkwürdigen flötenden Klang, den er sich nicht erklären konnte. Er suchte die Beton-Elemente, die Bodenplatten ab, und fand nichts. Bis er aufmerksam wurde auf eine alte verrostete Regenrinne; die Arbeiter hatten sie an den gerade entstehenden Turm gehängt und gongten ihre Pausen darauf. Abends war Wind von der Wüste aufgekommen und verfing sich zu einem seltsamen Lied in der Regenrinne. Diese Musik auf seiner Baustelle inspirierte Karavan dazu, den Wind und seinen Klang als skulpturales Element mit aufzunehmen. So integrierte er eine regelrechte Windorgel oben in den Turm des Ortes. „Wenn es stürmisch ist“, so Karavan, „klingt diese Orgel wie ein Schrei herüber, und wenn ein leichter Wind geht, dann hörst du eine Musik, die so zart ist wie eine arabische Flöte in der Wüste.“

Da dieser Ort eingebettet ist in einen der größten Parks von Tel Aviv konnte er es sich hier leisten, mit Klang zu arbeiten, der möglicherweise in einem direkten urbanen Kontext die Anwohner gestört hätte. Etwas außerhalb von Paris etwa, wo Karavan im Jahr 2010 wohl eine der größten ortsbezogenen Arbeiten in der zeitgenössischen Kunst nach dreißigjähriger Bauzeit zu Ende geführt hat, hatte er den Einsatz von Windharfen oder –orgeln verworfen, aus Rücksicht auf die Anrainer. Dieser skulpturale Ort in Cergy-Pointoise schafft für eine Agglomeration von versprengten Siedlungen an der Pariser Peripherie eine gemeinsame Identität durch ihre gemeinsame Bezogenheit auf das Ereignis einer drei Kilometer langen Raumachse, die eine große Esplanade, einen Abhang, eine lange Fußgängerbrücke verbindet und schließlich zu einem tiefergelegenen See führt. Karavan hat diese riesige Skulptur, die Axe Majeur, die urbane und landschaftliche und kulturelle Situationen, zu einem Ganzen zusammenfügt, in 12 verschiedenen Stationen aufgefasst. Das sind Orientierungsorte, wie etwa ein Obstgarten, 12 Säulen, die den Schlusspunkt der Esplanade markieren, eine große Treppe ins Tal, ein Amphitheater, eine Passerelle über lange Wasserbassins. Diese Stationen sind jeweils Persönlichkeiten gewidmet, die sich mit ihrem Geist des Widerstands gerichtet haben gegen Gewalt und Ungerechtigkeit. Karavan war es darum zu tun, einerseits insgesamt einen Ort zu schaffen, der sich gestalterisch als eine Geschlossenheit darbietet. Deshalb sind der große Vorplatz und die Treppe tatsächlich als geometrisch klar umrissene Formen gebaut. Andererseits war es ihm wichtig, dass hier ein Ort geschaffen würde, der alle Bevölkerungsschichten einlädt – Theatergänger wie Jogger, Kinder und ältere Leute, arme und reiche, Vorortbewohner wie Parisiens. Dazu kommt ein Gestaltungsprinzip, das für all seine Orte über allen anderen Überlegungen steht, wie er sagt: „The human scale is more than my concept, it´s my manifest“. In keinem seiner noch so groß angelegten Orte empfindet sich der Besucher als klein. Bei einem Spaziergang durch die einzelnen Stationen dieser Axe majeur öffnen sich immer wieder neue perspektivische Überraschungen: Die lange Freitreppe ins Tal erscheint wesentlich weniger lang, als erwartet, tatsächlich sind die Stufen übersteigert hoch und knapp in ihrer Tiefe. Dagegen erscheint die Passerelle, wesentlich länger als objektiv bemessen. Hat Karavan sich von Lenôtre und seinen Versailles Gärten beeinflussen lassen? Er lehnt entschieden ab. Die täuschenden Perspektiven sind für Karavan kein Kalkül. Beinah vergleichbar mit dem Wind als skulpturalem Element, haben sie sich zufällig ergeben. Die Treppe brauchte eine starke Plastizität, um der gesamten Skulptur Zusammenhalt und geometrische Konstruktion zu verleihen. Sie ist kein landschaftliches, sondern ein bildhauerisches Element. Die Passerelle brauchte einen bestimmten Rhythmus, sie ist skandiert von roten zum Himmel offenen rechteckigen Torbögen, die in verschiedenen Abständen auftauchen. Überraschend aber ist auch, dass die Vögel, für deren Gezwitscher Karavan in dem See, der sich im Tal ausbreitet, einen Hügel mit reichlich Buschwerk angelegt hatte, sich sonderbarerweise nicht dort niederlassen, sondern lieber auf der weißen Betonpyramide, deren getreppte Kanten sich scharf auf dem Wasserspiegel nachzeichnen.

Als die Axe Majeur eingeweiht wurde, hatte Karavan die Ehrengäste begrüßt, eine Dankesrede gehalten und war dann verschwunden. Vernissagen sind seine Sache nicht. Schon gar nicht in Galerien oder auf Kunstmärkten, wo er sich nie blicken lässt. So entgeht er dem Karussell der mondänen Kunstwelt. Das hat ihm trotz seiner Monumente, die er fast überall in Europa und an vielen Orten in Asien gebaut hat, den Ruf eines so gut wie unsichtbaren Künstlers eingetragen. Tatsächlich ist Karavan jemand, der intensiv auf seine Arbeit konzentriert lebt. Bekannt ist er eher unter Insidern, Architekten und Künstlern.

Zur Intensität seiner Arbeit gehört das politische Risiko. Zeit seines Lebens hat Karavan sich eingesetzt gegen Krieg und für die Fähigkeit, gemeinsam Wege zu finden, die ein friedliches Miteinander zwischen Israel und Palästina begründen könnten. Immer wieder sind seine Bemühungen – immerhin gehört er in Israel zu den anerkanntesten Künstlern, die von beiden Seiten gehört und gesehen werden – zurückgeschlagen worden, als wären sie schöne Träume. Als Karavan in den Jahren 1996 bis 2000 seinem Freund, Lova (Aryeh) Eliav, folgte, der an der ägyptischen Grenze eine Schule eingerichtet hatte und dort weiter für die Rechte der Palästinenser kämpfen wollte, glaubte der Künstler tatsächlich, mit seinen bildhauerischen Mitteln etwas ausrichten zu können, indem er einen Friedensweg baute: Es sind 100 Säulen, die er in einem Abstand von 30 Metern auf einer Strecke von 3 km baute. Diese Strecke aber führt über die ägyptische Grenze, und berührt die Ausläufer der alten längst versunkenen Grenzstadt Nitzana in der westlichen Wüste von Negev. Ein gefährliches Projekt, das nur unter Einsatz aller diplomatischen Fürsprachen auf beiden Seiten erreicht werden konnte. Auf den hundert Säulen stand immer nur ein Wort, ´Friede´, in den hundert Sprachen all der Völker, die im Lauf der Geschichte den Grenzübergang von Nitzana durchquert hatten. Die Einzelsäulen am Anfang und am Ende dieses Weges sind hebräisch und arabisch beschriftet; ebenfalls zu Beginn und zum Ende der Säulenreihe gruppieren sich jeweils vier Säulen, die auf arabischen und hebräisch die vier Himmelrichtungen nennen. Ganz so, als hinge heute der Frieden in den vier Himmelsrichtungen des Nahost von diesen beiden Völkern ab. Karavan aber benutzt für diese Arbeit den alten Begriff Pfad (natav), der im hebräischen deutlicher die physische als die übertragene Bedeutung betont. Für ihn war die Skulptur kein Traum, sondern eine begehbare Möglichkeit der Reflektion.

Einem ähnlichen Säulenweg begegnen wir in Nürnberg. 1989 hatte Karavan dieses skulpturale Bauwerk begonnen und 1993 abgeschlossen. Auch hier wieder trägt jede Säule eine Beschriftung – die 30 Kapitel der Menschenrechte, so wie sie 1948 von der UNO verfasst wurden. Dreißig Sprachen wählt er aus – die Sprachen der von den Nazis verfolgten und ermordeten, die diskriminierten Sprachen wie Jiddisch oder Sinti und Roma. Man könnte nun meinen, Karavan hätte einen Zusammenhang zwischen der deutschen Geschichte in Nürnberg und der Notwendigkeit, hier die Menschenrechte ins Tagesgeschehen zu schreiben, gesehen. Aber Karavan rückt von solchen Überlegungen ab. Sein Beweggrund sei eher gewesen, dass man den 200. Jahrestag der französischen Menschenrechtserklärung feierte, als er sein Projekt begann. Karavan denkt in grenzüberschreitenden, menschlichen und humanistischen Parametern, die frei sind von Schuldzuweisungen. Wenn er Gedächtnis sagt, dann meint das die Komposition eines Ortes, die sich im Lauf Geschichte als tatsächliche Zeitschichtung zusammengefügt hat. So hat Karavan, ohne jedes Pathos, als seine Arbeit schon abgeschlossen war, einer Gruppe von Türken auf die weißen Wände des Stadttores schreiben lassen, die den Säulengang beschließen. Die Arbeit war kaum abgeschlossen, als sich jenes Drama ereignete: türkische Händler waren einem Serienmörder in die Hände gefallen. Ihr Tod gehört zum Gedächtnis dieses Ortes.

Was Karavan aber mit Gedächtnis meint, ist vor allem jener Lebensnerv, ohne dessen Bewusstsein wir nicht existieren können. „Man kann nicht mit beiden Füßen nach vorn springen, wenn man sich vorwärts bewegen will“, sagt er in seiner anschaulichen Sprache und führt aus, „man muss beim Gehen immer einen Fuß hinter sich behalten und den anderen nach vorn setzen. Ein Bein in der Vergangenheit und eins in der Zukunft, sonst verliert man das Gleichgewicht und ist blockiert.“

Das Gedächtnis eines Ortes aber kann ein sonderbares Eigenleben entwickeln, das unvermutet hervorkommt. So erging es Dani Karavan in Köln. Ma´alot hatte er 1986, nach sechs Jahren Bauzeit, sein skulpturales Ensemble genannt. So hat der Ort zwei Straßenschilder – einerseits Maálot, ein Wort aus dem Althebräisch der Psalmen, das Treppen, Stufen, Plattform bedeutet, und andererseits das Schild Heinrich-Böll-Platz. Denn diese Widmung entsprach dem offiziellen Auftrag der Stadt. Karavan aber, der sich überall für seine skulpturalen Bauwerke an den Elementen der Umgebung inspiriert, hatte das Wort Treppen im Kopf. Denn Treppen führen zum naheliegenden Bahnhof, Treppen führen hinunter zum Rhein. Gestuft sind die Dächer des Museum Ludwig und schließlich auch des Kölner Doms, die beide den Ort von Karavan begrenzen. Markante Steine legen auf dem Vorplatz des Doms und des Museums eine horizontale Raumachse aus, die unmittelbar hinunter an den Rhein führt. Fast alle Orte, die Dani Karavan baut, sind Passagen. Überall lädt er die Menschen ein, einerseits zu verweilen und gleichzeitig weiterzuziehen, durch seinen Ort an einen anderen zu gelangen.

Dem gesamten Platz liegt ein gestalterisches numerologisches Harmonieprinzip zugrunde. Oftmals errechnet Karavan Ausmaß, Proportion und Anzahl aus einem Vielfachen von 3, oder aus der Addition von 4 und 5. So sind die Granitelemente auf dem Boden 2 m 70 breit – also 3 mal 90cm. Auf ähnlich Weise lässt sich auch das Maß des Turms deklinieren, der genau 10,80 m hoch ist, also 6 mal 1,80 m. Die unregelmäßig gebrochene Form des Turms hat nichts Monumentales. Die sechs aufeinander gefügten Elemente sind im heiklen Gleichgewicht gesetzt und vermitteln einen fragilen Halt. Alle Elemente sind fenster- oder torartig geöffnet, Licht fällt durch diese Skulptur. Die beiden unteren Elemente aber sind in ihrer vertikalen Achse durchteilt von einem Spalt – durch den man entweder auf den Rhein oder auf den Dom schauen kann.

Dieser schmalen Linie entspricht eine Eisenschiene, tatsächlich nur eine einzelne, die den gesamten Platz gleich einem Leitfaden durchquert. Karavan brauchte, so sagt er, ein andersartiges Material, um seine Steinmarkierungen zu unterbrechen, die sonst zu massiv geworden wären. Er fand sein Material im Bahnhof gegenüber. Geleise markieren diesen Ort vor dem Kölner Dom, Schienenstränge über die Rheinbrücke. Nun könnte man unwillkürlich an das dramatischste Gedächtnis dieses Platzes denken – an jene allein in Köln 7000 Juden und 2000 Sinti und Roma, die sich während der Wahnsinnsraserei des Naziregimes hier an diesem Ort versammeln mussten, um mit den Transportzügen in die Lager deportiert zu werden. Es wäre allerdings fatal, die Schiene in Karavans skulpturalen Ensemble so eindeutig festzulegen und damit die gesamte Anlage zu einer Art Illustration von Gedächtnis und Geschichte zu machen. Karavan geht lediglich vom Material und seinem Vorkommnis am Ort aus. Die Funktionen sind eine zweite Ebene. Gewiss trägt der Ort die Geschichte der Deportation. Karavans Familie ist in den Lagern umgebracht worden. Aber er arbeitet nicht in Deutschland, um diese Geschichte dort zu erzählen. Im Gegenteil er bewundert dort die Vergangenheitsarbeit und hat großen Respekt davor. „Gedächtnis existiert“, sagt Karavan, „es antwortet, wenn wir es anrufen, und kommt dann an die Oberfläche“.

Die Arbeiten von Dani Karavan sind unabhängig von der Nationalität der Länder, wo sie entstehen, leben ganz aus ihrem Ort heraus. Karavan wichtigste Vorbereitung einer Arbeit, ist, dessen Eigenleben erst einmal zu erfassen. Darin liegt ein großer Respekt für das Andere, das ihm dort begegnet und das er uns in verdichteter Form, sozusagen als analoge Realität zeigt. Und so wird der Weg zum verborgenen Garten, The Way to the Hidden Garden, den Karavan im Jahr 1999 den Besuchern im Park von Hakkaido, in Japan, übergeben konnte, zu einer wirklichen Initiationsreise in die Meditation. Durch ein weißes Tor betritt der Besucher diesen Weg, setzt ihn dann fort, an einem in Spiralen angelegten Wasserlauf, der von hohen spitzen zylindrischen Formen aus weißem Marmor skandiert wird. Ein rhythmisches Konzert fein abgestimmter Tropfen, einer achtstimmigen Wasserharfe, deren Kunst der Künstler vor Ort erlernt hat, ist hier skulpturales Element. Sieben Brunnen säumen diesen Weg, der schließlich zu einem Wald und zu einer Lichtung führt – dort sind acht weiße Kuben aufgestellt – diese purste Form einer abstrakten Komposition ist der verborgene Garten.

Wo immer Dani Karavan seine skulpturalen Kompositionen anlegt, vermag er die zeitlosen, ort- und grenzlosen Elemente wie Wind, Wasser, Vegetation, Licht, Schatten und Klang in Szene zu setzen und öffnet so die Dimensionen eines anderen Raumes.

Dani Karavan

Geboren 1930 in Tel-Aviv. Er lebt in Tel-Aviv, Paris und Florenz. Nach Studien der Malerei in Tel-Aviv und Jerusalem (Bezalel) mit Aharon Avni, Avigdor Steinmatzky, Mordechai Ardon beginnen Studien im Fach Bühnenbild mit Emmanuel Luftglass und Paul Levi, die Dani Karavan beschließt mit einer zweijährigen Ausbildung im Fach der Freskomalerei und Mosaik in Florenz, Ravenna und Paris. Seine wichtigtsten Bühnenbilder: Martha Graham, Legend of Judith, Reality and Dreams, The Sacred Jungle, 1962-1974.

Permanente Arbeiten 1961-1967, Fünfunddreißig Flachreliefs, Gerichtshof von Tel-Aviv; 1962-1964 From the tree of knowledge to the tree of life, Weizmann Science Institute, Rehovot, Israel; 1963-1968 Negev Monument, [wenn nicht anders angegeben] Environment, Beer Sheba, Israel; 1965-1966 Prayer for Peace of Jerusalem, Flachrelief, Knesset (Parlament), Jerusalem, Israel; 1969-1975; White Square Tel-Aviv; 1980 Direktauftrag für Axe Majeur, 3 km langes urbanes Environment, Cergy-Pontoise, Paris; 1980-1986 Ma´alot, Köln; 1982 Square, Louisiana Museum, Humblebaek, Dänemark; 1987-1988 Way of Light, Olympic Park, Seoul, South Korea; 1989-1991; 1989-1993 Way of Human Rights, Nürnberg; 1990-1991 Tribute for Walter Benjamin, Port Bou, Spanien; 1992-1999 Way to the Hidden Garden, Sculpture Park, Sapporo, Japan; 1993-1998 Square of Tolerance – Tribute to Yitzhak Rabin, Unesco Gärten, Paris; 1995-2001 Gates of Knowledge, Città delle Scienze, Neapel; 1996-1997 Ma´ala Olympia Stadion, Osaka, Japan; 1996-1999 Garden of Memories, Duisburg; 1996-2000 Way of Peace, Nitzan, Israel; Man Sang, Skulpturenpark, Tong Yong, Südkorea; 1997-2000 Grundgesetz 49, Dorotheenblöcke, Parlamentgebäude, Berlin; 1998 Tribute to Tadashi Tonoshiki, Kunstmuseum, Kitakyushu, Japan; 1998-2000 Bereshit, Skulpturenpark Kirishima, Kagoshima, Japan; 2004-2006 Mifgash, Villa Lemm, Berlin; Our Borders should be Olive Trees, Installation, Museum on the Seam, Jerusalem; Inauguration Axe Majeur, Cergy-Pontoise, Paris (auch wenn das Projekt noch weitergeht).

Ausstellungen

1976 Israelischer Pavillon, 38. Venedig Biennale; 1982 Makom, Staatliche Kunsthalle, Baden-Baden; 1984 Makom 1, Kröller-Müller Museum, Otterlo; 1988 Documenta 6 Kassel; 1992 Retrospektive, Ludwig Museum, Köln; 1993 Passages – Walter Benjamin, Stedelijk Museum Amsterdam; 1994-1995 Time Space Meditation – Dani Karavan Retrospektive Wanderausstellung durch 10 Museen in Japan wie Kamakura; Ohara, Sendai; Sapporo; 1996 Retrospektive, Museum für zeitgenössische Kunst, Goslar; Shamaim Installation, Sagacho Gallery, Tokyo; 1999 Dani Karavan Retrospektive Galerie Jeanne Bucher, Paris; 2002 Pardes, Institute of Modern Art, Valencia; Retrospektive, Nationalmuseum für Architektur, Moskau; 2005 Murou Art Forest, Galerie Jeanne Bucher, Paris; 2008 Retrospektive, Martin Gropius Bau, Berlin und Setagaya Museum of Art, Tokyo; 2008-2009 Retrospektive, Museum of Art, Nagasaki; 2015 Erdskulpturen, Galerie Véronique Jaeger-Bucher, Paris.

www.danikaravan.com

von Doris von Drathen

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