Titel: Kunsturteil · von Thomas Becker · S. 130
Titel: Kunsturteil , 2015

Geschmacksrhizome

Kunsturteile jenseits von Diskurs und Kritik?

von Thomas Becker

Der Begriff und Diskurs der Geschmackskritik lassen sich in ihrer Entstehungszeit eindeutig verorten. Sie entstanden am Ende des 17. und hatten ihre Hochzeit im 18. Jahrhundert vor allem im Umkreis der philosophisch motivierten Salons der Enzyklopädie. Sie verbanden daher das kritische Urteil über Kunst mit einer implizit politischen Kritik an den von feudalen Systemen gestützten Institutionen. Im 19. Jahrhundert distanzierte sich der Diskurs des kritischen Kunsturteils zunehmend von dem Vokabular des guten Geschmacks, namentlich bei Charles Baudelaire, weil es eindeutig oppositionelle Stoßrichtungen gegenüber staatlichen Institutionen nicht mehr zu transportieren vermochte. Aber sein Kunsturteil spielte indes eine entscheidende Rolle bei der Aufwertung jener avantgardistischen Abweichler, die später den salon des réfusés organisierten. Insofern hatte Geschmackskritik immer noch eine eindeutige Rolle bei der Entstehung (relativ) autonomer Kunstproduktion. Im 20. Jahrhundert hat hingegen Joseph Kosuth in seiner programmatischen Schrift zur Konzeptkunst Art after Philosophy 1969 dann ein Schlussstrich unter die durch Geschmackskritik motivierten Kunsturteile gezogen, womit er sich zugleich gegen Clement Greenberg richtete. Mit Berufung auf Marcel Duchamp wehrte er sich gegen die Fokussierung auf das Auge, die der Praxis eines Kunstrichters obsolet gewordener Stilkritik verpflichtet sei. 1 Konzeptkunst aber gehe es nicht um die morphologische Erscheinung der Kunst, sondern um theoretische Statements. Eine avantgardistische Kunst sah damit nicht nur in bestimmten Geschmacksurteilen eine obsolete Praxis für die Entstehung von Avantgarden, sondern jede erdenkliche Form.

In der Tat könnte man annehmen, dass mit einer zunehmenden konzeptuellen Entgrenzung der Kunst nicht nur die seit Hegel eher beklagte…

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