Titel: Kunsturteil , 2015

Kunst, Nicht-Kunst und Noch-nicht-Kunst

die stetige Revision des Kunsturteils

von Emmanuel Mir

Es sind nicht nur die Künstler, Kunsthistoriker und Kunstkritiker, die sich für befähigt erklären, ein Urteil über Kunst zu artikulieren. Aus rechtlicher Sicht fiel das bekannteste Kunsturteil 1928 im United States Customs Court, New York, im Rahmen der Klage 209109-G im Prozess „C. Brancusi vs. USA“.1 Streitgegenstand war ein spindelförmiges, perfekt poliertes, ca. 135 cm hohes Artefakt aus Bronze, das bei der Einfuhr vom US-amerikanischen Zoll als industrielles Erzeugnis eingestuft und zu den üblichen Bedingungen versteuert wurde. Das Objekt ist zwar von seinem Urheber Constantin Brancusi als Kunstwerk deklariert worden und sollte demnach steuerfrei bleiben, aber die Zollbeamten wollten den Kunststatus des mysteriösen Gegenstandes partout nicht anerkennen. Die Tatsache, dass das Objekt mit dem Titel Oiseau dans l‘espace von einem namhaften Künstler produziert und von zahlreichen Akteuren des Kunstbetriebes als Kunst identifiziert wurde, half zunächst nicht weiter. Es mussten Experten vor Gericht einberufen werden, um über den Status des Gegenstandes zu urteilen. Dann fiel der Richterspruch. Beruhend auf der Funktionslosigkeit des Objektes und der impliziten Akzeptanz einer mehr oder weniger legitimierten Avantgarde, wurde das Gebilde als vollwertiges Kunstwerk erklärt – und somit als moderne Kunst offiziell von dem US-amerikanischen Rechtssystem anerkannt. Es lässt sich allerdings daran zweifeln, ob Brancusi diese offizielle Bestätigung wirklich benötigt hat, und vor allem daran, ob ein Richter befugt ist, über Kunst zu urteilen.

Mit dieser Entscheidung wurde jedenfalls ein Gegenstand, dessen Zugehörigkeit zum Kunstsystem zunächst infrage gestellt wurde, zur Kunst gemacht. Eine solche Veränderung betrifft selbstverständlich nicht…

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