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Kommentar · S. 336 - 336
Kommentar , 1988

Jürgen Raap
… der Müll und der Tod…

Es ist schon geraume Zeit her, seit HA Schult im Morgengrauen in den Vorgarten des Beckenbauerschen Anwesens schlich und die Mülltonne plünderte, um sodann die Relikte des Fußballidols zum Ausstellungsgut zu erheben. Obwohl die Aktivitäten des „Machers“ (Schult über Schult) gemeinhin durch einen Hang zum Spektakulären gekennzeichnet sind und Franz Beckenbauer sich nachsagen lassen muß, sein Humor stünde in reziprokem Verhältnis zu seinem sportlichen Talent, mithin genügend Zündstoff für einen Skandal vorhanden gewesen wäre, verpuffte der künstlerische Verweis auf die Konsumgewohnheiten im Nichts: Es gab weder großartige Empörung noch großartiges Gelächter noch großartiges Medien-Halali.

Offenbar glaubte die „Wiener“- Redaktion, die Exhibition des fußballkaiserlichen Nachlasses sei längst vergessen. So bot das Blatt denn in seiner Juli-Ausgabe den Lesern analytische Einblicke in den Hausmüll der bundesdeutschen Prominenz. Schön zu wissen, daß ein Meister-Macher wie Otto Rehagel oder ein Theatergenie wie Peter Zadek die zerschlissenen Unterhosen der gleichen Marke wie wir auch dem Recycling überantworten. Das erleichtert uns die Identifikation mit den Kultur- und Mediengöttern.

Dem Abfall wohnt bekanntlich eine Todessymbolik inne. Überspitzt gesagt besteht zwischen den Lastwagen der Müllabfuhr und der schwarzen Limousine eines Beerdigungsinstituts nur ein ritueller Unterschied. Natürlich will niemand im Armengrab beigesetzt werden, aber der Tod wie die unausweichliche Notwendigkeit des Müll-Hinterlassens haben etwas Demokratisches an sich. Der Umkehrschluß gilt auch: Nur Unsterbliche hinterlassen keinen Dreck. Wo Beckenbauers Souveränität der Schult-Aktion den Stempel der Harmlosigkeit aufdrückte, hatte die wienerische Müll-Obduktion das gewünschte Echo: Der TV-Entertainer Thomas Gottschalk und der Volks-Barde Heino ließen ihre Anwälte…


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