Titel: Performance und Performance Art , 1988

Gerhard Johann Lischka

Performance und Performance Art

Ein Bild -Zitate-Essay

WIDMUNG

1969 Günter Saree
1970 Herbert Distel
1971 Joseph Beuys
1972 James Lee Byars
1973 John Gage
1974 Jürgen Klauke
1975 Ulay/Abramovic
1976 Tom Marioni
1977 Barbara Smith
1978 John Armleder
1979 Kiev Stingl
1980 Walter Pfeiffer
1981 Stephen Laub
1982 Paul & Marleen Kos
1983 Norbert Klassen
1984 Sue Dakin
1985 Raoul Marek
1986 Vollrad Kutscher
1987 Valie Export
1988 Boris Nieslony
1989 Peter Weibel

1. Show

Alles ist Show! Dies ist der Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit, die den Gesetzen der totalen Inszenierung gehorcht und nicht mehr denjenigen einer alle verbindenden Wahrheit, die von der Religion und/oder Philosophie (Ideologie) definiert worden sind. Show ist das verbindende Element, weltweit. Sie ist der Kitt der Informationsflut, der Vorherrschaft der Immaterialien und zwingt allem und jedem ihre Gesetze auf: Mehr zu scheinen als zu sein. Dabei zu sein ob live oder in den Medien. Durch Monumentalität zu faszinieren. Show ist die Sprache des Massenzeitalters, der Massenmedien. Sie ist die Fortsetzung der Massenrituale einer ästhetisierten Politik, z. B. derjenigen der Nationalsozialisten, nur ist deren biederer Ernst dem seichten Vergnügen gewichen, das nach ihr süchtig macht. Show ist der Glanz, ist der springende Funken, der alles schmückt, auch das Häßliche. Show ist der Effekt um seiner selbst willen. Und nur deshalb können wir verstehen, weshalb auch Politik und Krieg Show geworden sind: ein perfektes Funktionieren der Maschinerie, Geschwindigkeit und Effizienz, Allgegenwärtigkeit und Nervosität charakterisieren sie alle. Und daß etwas geschehen muß! Im Leerlauf der Show und der üblichen Politik geschieht nichts und alles. Das Neue ist die Falle und der Köder der Show, die Verpackung des ehemals Neuen.

Die virtuelle Präsenz des Todes als ultima ratio der totalen Show verbindet diese mit dem Krieg. Üblicherweise ist die Show die Demonstration derjenigen, die über die Macht verfügen. Alle nicht an der Show Beteiligten, vom Scheinwerferlicht aus der Dunkelheit gerissenen, werden in ihrer Präsenz vernichtet, doch würde ohne sie die Show nicht beachtet. So scheiden sich die Götter von den Opfern. Der Weg ins Rampenlicht ist in den seltensten Fällen geradlinig. Doch er wird durch die Schaltstelle des Informationszeitalters geebnet: durch das Management. Waren Manager früher noch die grauen Eminenzen des Business, selber Erben oder Schöpfer von Imperien, sind sie heute zu Größen geworden, die in Unterscheidung zu den Stars „Schwarze Löcher“ genannt werden können. Sie besitzen die Energie, die alles in ihren Sog zieht und zu höchster Dichte und Masse komprimiert: die richtige Information, das allpräsente Image des von ihnen Gemanagten. Nur die Atombombe als gefesselte Kraft und Drohung ist ihnen vergleichbar. So wie deren Strahlung unsichtbar ist, sind es die Informationsstränge der Tycoons. Es sind die globalen Schaltstellen, die rund um die Uhr den neuesten Trends folgen und sie mitbestimmen. Da der Dritte Weltkrieg nicht ausbrechen darf, sind die Nervositäten des Big Business, seine Strategien der unsichtbare „reine“ Krieg.

Die Atombombe zum Beispiel, die schöne Blüte der wissenschaftlichen Bemühungen, die durch den Zweiten Weltkrieg angeregt wurden, hat das Auftreten von Software und Automation beschleunigt, die geschwind das ganze Industriesystem untergraben, das so lange auf Metallwaren eingestellt war. Software beseitigt die Trennung zwischen Industriearbeiter und Gelehrtem ebenso wie zwischen Zivilist und Soldat.

Die Fernseh-Umwelt war total und deshalb unsichtbar. Zusammen mit dem Computer hat es jede Phase des Traumbildes und der Identität des Amerikaners verändert. Das Fernsehen bedeutete das Ende des Zwiespalts zwischen Zivil und Militär. Die Öffentlichkeit nimmt jetzt an jeder Phase des Krieges teil, und die Hauptkriegshandlungen werden jetzt im amerikanischen Heim selbst ausgetragen.

Marshall McLuhan/Quentin Fiore, Krieg und Frieden im globalen Dorf, Düsseldorf-Wien 1971, S. 134, 149

Eben, man hat keine Zeit mehr zu überlegen. Gerade das ist die Macht der Geschwindigkeit, das heißt Dromokratie. Die Dromokratie wird nicht mehr von Menschen getragen, sondern von Datenverarbeitungs-Anlagen, automatischen Antwortsystemen etc. Es gibt heute noch eine Vorwarnzeit. 1961 betrug sie annäherungsweise eine halbe Stunde. Für Breschnew und Reagan beträgt die Bedenkzeit einer Antwort oder Reaktion nurmehr ein paar Minuten.

Abschreckung heißt, eine Rüstung zu entwickeln, die den totalen Frieden sichert. Eine stets perfekter werdende Rüstung schreckt den Gegner immer mehr ab. Infolgedessen besteht der Krieg nicht mehr in seinem Vollzug, im Übergang zur Kriegshandlung, sondern in seiner Vorbereitung. Die Perpetuierung des Kriegs, das was ich den reinen Krieg genannt habe, vollzieht sich nicht mehr in aufeinanderfolgenden Kriegen, sondern nur in einem, der endlos vorbereitet wird.

Paul Virilio (und Sylvère Lotringer) Der reine Krieg, Berlin 1984, S. 60, 93/4

Aber unter genauer Berücksichtigung aller dieser Überlegungen rufe ich die Gemeinschaft der Wissenschaftler, die uns die Kernwaffen gegeben haben, auf, ihre großen Talente der Sache der Menschheit und des Weltfriedens zu widmen: uns die Mittel an die Hand zu geben, um diese Kernwaffen unwirksam und überflüssig („impotent and obsolete“) zu machen…

Heute abend unternehme ich einen ersten wichtigen Schritt. Ich gebe die Anweisung zu einer umfassenden und intensiven Anstrengung, ein langfristiges Forschungs- und Entwicklungsprogramm auszuarbeiten, um unserem Endziel näher zu kommen, die Bedrohung durch strategische Nuklearraketen zu beseitigen…

Ronald Reagan. Rede. Verteidigungsprogramm der Zukunft (SDI) 23. März 1983. Der Spiegel, Nr. 29, 15. Juli 1985, S. 29

Was mit SDI kommt, ist nicht mehr eine Waffe gegen Menschen, sondern ein Mittel, mit dem ich Waffen neutralisiere. Das ist ein Novum im Denken.

Wolfgang Altenburg. Der Spiegel Nr. 7, 10. Febr. 1986, S. 68

Natürlich dürfen wir auf die Offensivrüstung nicht verzichten. Man kann sie aber in dem Maß vermindern, wie der Schutz durch Verteidigungswaffen zunimmt. Wir müßten uns so rüsten, daßdie Wahrscheinlichkeit eines Angriffes auf uns so klein wird wie irgend möglich. Daß wir selber nicht angreifen, sollte klar sein.

Edward Teller, Slem, Nr. 30, 19. Juli 1984, S. 40

Die Einsatzmöglichkeiten der Drohnen bei Tag und (mit Infrarottechnik) auch bei Nacht sind recht vielseitig. Hauptvorteil ist die unmittelbare Bildübermittlung, wenn auch fotografische Aufzeichnungen von Aufklärungsflugzeugen und Satelliten rein qualitativ meistens besser sind als das schwarzweiße Fernsehbild der Drohne.

Peter Hellmann/Hansjörg Egger, Himmelsspion mit Toffmotor, SonntagsZeitung, 15. Febr. 1987, S. 14

Zu Test- und Aufklärungsflügen wird die SRF-19A, deren Leitwerk an den Rumpf klappbar ist, mit C-5-Transportern zum Einsatzgebiet geflogen. Der allwettertaugliche Jet fliegt nur nachts, niemand soll ihn sehen und niemand seine Spur verfolgen können: Start- und Landeplatz sind immer verschieden.

Der Spiegel Nr. 30, 21. Juli 1986, S. 88

Je mehr Illusion und Falschheit zur Aufrechterhaltung des Status quo erforderlich ist, desto höher wird meinen Beobachtungen zufolge das zur Aufrechterhaltung der Illusion und Falschheit notwendige Maß an Tyrannei. Der moderne Tyrann herrscht nicht mit dem Knüppel oder der Faust, sondern er schleust, als Marktforscher getarnt, seine Schäfchen ins Fahrwasser der Nützlichkeit und Bequemlichkeit

Die Werbeagenturen und Hollywood versuchen in der ihnen eigenen Weise sich ständig ins Bewußtsein der Öffentlichkeit einzuschleichen, um ihre kollektiven Träume dort zu verankern. Und in der Verfolgung dieses Ziels liefern Hollywood und die Werbeagenturen selbst anschauliche Beispiele für unbewußtes Verhalten. Ein Traum geht in den anderen über, bis schließlich Realität und Phantasie zu austauschbaren Größen werden. Die Werbeagenturen überschwemmen die Tagwelt des bewußten Zwecks und der bewußten Kontrolle mit erotischen Bildinhalten aus der Nachtwelt, um so durch Suggestion jeden echten Widerstand gegen den Konsum zu brechen.

Marshall McLuhan: The Mechanical Bride (1951), Boston 1967, S. VI und 97.

Es wäre höchst irrig, eine substantielle Unterscheidung zwischen den mythischen Objekten treffen zu wollen, da der Mythos eine Aussage ist, kann alles, wovon ein Diskurs Rechenschaft ablegen kann, Mythos werden. Der Mythos wird nicht durch das Objekt seiner Botschaft definiert, sondern durch die Art und Weise, wie er diese ausspricht. Es gibt formale Grenzen des Mythos, aber keine inhaltlichen. Alles kann also Mythos werden? Ich glaube, ja, denn das Universum ist unendlich suggestiv.

Roland Bannes, Mythen des Alltags. (1957) Frankfurt 1970, S. 85

In gewissem Sinne führt der Sozialpsychologe hier anthropologische Studien durch. Ungeachtet ihrer kommerziellen Zwecke vermitteln diese Untersuchungen reiches Material, um die psychologische Grundlage der Einstellung, Motivation und des Verhaltens weiter Bevölkerungskreise zu verstehen. Ist der Sozialforscher zu solchen Erkenntnissen gelangt, wird er im wahrsten Sinne ein „Sozialformer“.

Im idealen Sinne wäre demnach die wahre Aufgabe der Motivforschung und einer strategischen Steuerung der Wünsche, daß sie nur diejenigen Ziele und Gegenstände fördern, die dem Menschen neue Entdeckungen, neue Erlebnisse gewährleisten und ihm die Möglichkeit der Selbstverwirklichung bieten.

Ernest Dichter, Strategie im Reich der Wünsche. (1961) München 1964, S. 58, 115

Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.

Die älteste gesellschaftliche Spezialisierung ist es, die Spezialisierung der Gewalt, die an der Wurzel des Spektakels liegt. Das Spektakel ist somit eine spezialisierte Tätigkeit, die für die Gesamtheit der anderen Tätigkeiten spricht. Es ist die diplomatische Repräsentation der hierarchischen Gesellschaft vor sich selbst, wo jedes andere Wort verbannt ist. Hier ist das Modernste auch das Archaischste.

Das Spektakel ist der Moment, in welchem die Ware zur völligen Beschlagnahme des gesellschaftlichen Lebens gelangt ist. Das Verhältnis zur Ware ist nicht nur sichtbar, sondern man sieht nichts anderes mehr. Die Welt, die man sieht, ist seine Welt.

Was als das wirkliche Leben vorgestellt wurde, erweist sich lediglich als das Leben, das noch wirklicher spektakulär ist.

Die Pseudoereignisse, die sich in der spektakulären Dramatisierung drängen, sind nicht von denjenigen erlebt worden, die über sie informiert sind; und außerdem gehen sie mit jedem Pulsschlag der spektakulären Maschinerie in der Inflation ihres beschleunigten Ersatzes verloren.

Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels. (1967) Hamburg 1978, S. 6,11,20,88, 89

Ich wollte nicht nur Werbung machen, sondern auch Kunst. Doch weil ich schlecht zwei Sachen zugleich machen kann, sondern nur eine richtig, schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe und erklärte vor ein paar Jahren die Werbung zur Kunst.

Michael Schirner, Was Stil ist, bestimme ich. In: B. Brock/H. U. Reck (Hg.) Stilwandel. Köln 1986, S. 206

Wann immer bisher der Nachweis einer unterschwelligen Manipulation gelang, dann war irgendwo im Experiment ein Fehler.

Eva Heller, Wie Werbung wirkt: Theorien und Tatsachen. Frankfurt 1984, S. 32

Der Begriff unterschwellige Wahrnehmung

dient im folgenden zur Beschreibung sensorischer Eindrücke im menschlichen Nervensystem, die die bewußte Wahrnehmung umgehen oder von dieser verdrängt werden, oder einfacher gesagt von Eindrücken, die das Unterbewußtseinansprechen. Mit diesem Begriff assoziiert man natürlich bekannte Dinge wie Gehirnwäsche, Manipulation und andere schändliche – wenngleich romantisch klingende – Praktiken. Weitere – wissenschaftlich wirkende – Decknamen für dieses Phänomen wären etwa unterschwellige Rezeption, Schwellenregulierung, unbewußte Wahrnehmung und Subzeption«.

Der Zweck einer Werbeanzeige besteht darin, sich im Unterbewußtsein festzusetzen, wo sie, von Kritik unbehelligt, unbewertet und für den Betreffenden unbemerkt, solange verharrt, bis eine Kaufentscheidung ansteht. Dann erst taucht die Information als positive Prädisposition zum Konsum wieder auf.

Das Spiel nennt sich Verkaufen oder Kommunizieren (im Medienjargon werden diese Begriffe synonym verwendet) und Gewinnorientierung. In den USA sind sämtliche Medien privatwirtschaftlich organisiert und ihr unternehmerisches Ziel besteht hauptsächlich in der Gewinnmaximierung. Bei den Medien dreht sich wirklich alles um den Profit.

Das Layout wird im Hinblick auf den Werbemittelkontakt konzipiert, der beim durchschnittlichen Leser in Sekunden gemessen wird. Entweder erfüllt die Anzeige während dieses schnellen, zeitlich begrenzten Kontakts ihre Aufgabe, oder sie erweist sich als Zeit-, Energie- und Geldverschwendung. Nur das Unterbewußtsein, das nicht differenziert, abwägt und keine Werturteile fällt, ist bei einer derartigen Geschwindigkeit ansprechbar. Müßte die Anzeige sich auf einen kognitiven Gedankenprozeß verlassen, so würde die bewußte Wahrnehmung viel zu lange brauchen, um die Informationen und Angebote zu verarbeiten. Darüber hinaus würden wohl zahlreiche Leser eine bewußt rezipierte Botschaft aus moralischen oder anderen Gründen zurückweisen.

Wilson Bryan Key: Subliminal Seduction. Ad Media’s Manipulation of a Not So Innocent America, New York 1974, S. 18, 48,74 und 93.