Titel: Kunst und Geld · von Jürgen Raap · S. 118
Titel: Kunst und Geld , 2000

JÜRGEN RAAP

Die transformatorische Bedeutung des Geldes

In der Kunst ist die Umwandlung von (Geld-)Werten kein ökonomischer, sondern ein ästhetischer Prozess. Das Geld wird in andere Bedeutungszusammenhänge überführt, es wird durch Handlungen (Tauschvorgänge) oder durch andere Objekte (eigenes Geld) ersetzt, es wird sogar entwertet und vernichtet. Das Prinzip der Geldökonomie wird hier in Frage gestellt, aber im Alltag letztlich nicht aufgehoben. Geldkritische Künstlerutopien ändern auch nichts an der Tatsache, dass die Fähigkeit zu wirtschaftlichem Denken – ob mit oder ohne Geld – genauso anthropologisch konditioniert ist wie die Befähigung zu ästhetisch-kreativen Leistungen.

I. Wirtschaftswerte

„Suche Kupferrohr, biete blaue Kacheln“ lautete eine typische Zeitungsannonce zu DDR-Zeiten. „Blaue Kacheln“ waren das Codewort für „Westgeld“, der heimlichen „Zweitwährung“ im Machtbereich Erich Honeckers. Nur gegen die blauen Hundertmarkscheine der Bundesbank waren dort unter der Hand Materialien zum Ausbau einer „Datsche“ zu bekommen. DDR-Bürger ohne Westgeld für „Intershop“-Einkäufe konnten sich in den Läden der „Handelsorganisation“ (HO) nur mit Kaffee eindecken, der im Volksmund ironisch „Erichs Krönung“ hieß.

Joseph Beuys stellte in seiner Installation „Wirtschaftswerte (Prinzip)“ im Museum van Hedendagse Kunst Gent 1980 die „tristen“ HO-Artikel der „euphorisierenden Warenästhetik der BRD“ gegenüber: Regale mit Zuckertüten, Malzkaffee, Hafergrütze, Flaschen und Konservendosen, jeweils aus dem Osten und aus dem Westen Deutschlands. Bernhard Johannes Blume bemerkte über das DDR-Inventar: „Diese Gegenstände … sind in Beuysscher Anordnung und Auswahl zugleich wirkliche alternative Produkte einer Produktivität, deren reale Organisationsform für uns keine Alternative darstellt, obwohl sie nicht kapitalistisch auf Mehrwert aus ist.“1

Man würde Beuys daher gründlich missverstehen, betrachtete man den Inhalt der Regale damals wie heute…

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