Titel: Kunst und Geld , 2000

Siglinde Kallnbach:
documenta-Ablassgeld

Der Loskauf von den Sünden, der Ablass, war einer der Angriffspunkte von Martin Luther gegen die katholische Kirche gewesen. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde der Ablass zum Bau des Petersdoms in Rom ausgeschrieben, durfte aber in Kursachsen nicht verkündet werden. Doch Luthers Widersacher, der Ablass prediger Tetzel, umwarb in recht aggressiver Weise auch Wittenberger Gemeindemitglieder, sich jenseits der nahen Landesgrenze von der Sündenstrafe freizukaufen – in seinen 95 Thesen forderte Luther deshalb eine Disputation über den Ablass und das wahre Wesen der Buße. Als sich dann der Protestantismus als eigene Kirche organisierte, verzichtete man gleich auch auf die Beichte als Ritual zur Vergebung der Sünden.

Zur documenta 1992 attackierte die Künstlerin Siglinde Kallnbach die populistischen Umtriebe und kommerziellen Begleiterscheinungen des Spektakels, das den „Kunstpilgern“ eher flüchtig-schnellen Bilderkonsum nahe legte als intensive Versenkung in das Gebotene. Wer wünschte, aus der „Kasteiung des Nachdenkens“ entlassen zu werden und dennoch „die Gnade der vollkommenen Kunsterkenntnis zu erlangen“, konnte dies durch Beten von „je fünf Pater Noster und fünf Ave Maria… in jeder der DOCUMENTA IX-Wallfahrtsstätten“ erreichen, nebst Entrichtung eines „größeren Betrags“ in „rheinischen Gulden“, wie Kallnbach auf einem Flyer ankündigte. Und da Sponsoren aus der Tabakindustrie es sich nicht nehmen lassen, auf Vernissagen und ähnlichen Events Gratisproben zu verteilen, garantierte des weiteren auch noch eine „Ablass-Zigarette“ „den Segen der schnellen Teilhabe an allen geistigen Gütern“.

Natürlich kann man mit dem Erwerb einer Eintrittskarte an der Museumskasse nicht gleichzeitig die Erkenntnis mitkaufen – sie muss sich vielmehr jeder selbst erarbeiten. Diese eigentlich selbstverständliche (und…

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