Titel: Kunst und Geld , 2000

JÜRGEN RAAP

Die Wiedergewinnung des Paradieses

Für die Menschen des Mittelalters war das irdische Dasein höchst beschwerlich gewesen: In den Städten herrschten zumeist katastrophale hygienische Verhältnisse. Bei Regenwetter versank man bis zu den Knöcheln im Fäkalienschlamm, sobald man den höher gelegten Bürgersteig verlassen musste. Eine geregelte Müllabfuhr oder Abwasserbeseitigung gab es nicht; wo in der römischen Gründungszeit eine Kanalisation angelegt worden war, hatte man sie verfallen lassen. Den Inhalt der Latrinen kippte man einfach irgendwo hin; in den Straßen und auf den Höfen tummelte sich allerlei Getier. Die Trinkwasserqualität der Brunnen war oft äußerst bedenklich.

Wer unter diesen Umständen krank wurde, besaß oft nicht das Geld, um einen studierten Medicus zu bemühen und war den Quacksalbern hoffnungslos ausgeliefert. Todbringende Seuchen und Hungersnöte nach Missernten oder in Zeiten militärischer Belagerung gehörten zum Alltag. Viele wurden schon in jungen Jahren durch Cholera, Typhus, Pest oder durch Auszehrung dahingerafft. Witwen und Waisen blieben häufig unversorgt zurück. Eine kommunale Sozialfürsorge kannte man nämlich noch nicht; alleinstehende Alte und Invalide erhielten allenfalls in Spitälern und Klöstern eine Armensuppe.

Kerzen aus Bienenwachs konnten sich nur Wohlhabende leisten; das einfache Volk hauste mit stinkenden Talglampen in beengten, verräucherten Wohnungen und ernährte sich von kargen Getreide-Suppen; ein Huhn oder ein Kaninchen schlachtete man nur an hohen Festtagen.1 Dass man sich nach einem Schlaraffenland sehnte, wo man unter einem Baum ruhte und sich gebratene Tauben in den Mund fallen lassen konnte, oder nach einem Garten Eden, einem Land, „wo Milch und Honig fließen“, ist leicht nachvollziehbar. Jeder noch so geringe technische und zivilisatorische…

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