Titel: Kunst und Geld · von Jürgen Raap · S. 100
Titel: Kunst und Geld , 2000

JÜRGEN RAAP

Sozialmaschine Geld

O.K CENTRUM FÜR GEGENWARTSKUNST OBERÖSTERREICH, LINZ
LINZ, 3. 12 1999 – 31. 1. 2000

I.

Mit einem kulturgeschichtlichen (Konzept: Dr. Wolfgang Pircher) und einem künstlerischen Teil (Kurator: Gottfried Hattinger) widmet sich das O.K-Centrum in Linz dem Thema „Sozialmaschine Geld“ (3. Dezember 1999 bis 31. Januar 2000). Anlass ist die Euro-Einführung, die offenbar auch in Österreich Inflationsängste auslöst.

Den Titel begründen die Kuratoren mit der Tatsache, dass Geld eben nicht nur ein rein rechnerisches System darstellt, sondern kulturelle und soziale Bedeutungen evoziert: „Für sich genommen so gut wie nutz- und wertlos, repräsentiert das Geld in einer monetären Gesellschaft den Wert schlechthin. Geld wirkt und bewirkt, ohne Geld geht nichts, es ,prägt‘ eine Gesellschaft: Geld vermittelt nicht nur die Individuen in den sozialen Zusammenhang, sondern stellt zwischen ihnen eine fast technische Verschaltung her: Sozialmaschine Geld“1. Geld ist mithin ein Kommunikationsmedium nicht nur im alltäglichen Tausch, sondern es dient darüber hinaus sozialen Vereinbarungen, Abgrenzungen und Ausgrenzungen („Sozialprestige“), und es ist sowohl zwischenmenschlich als auch in der Konkurrenz der Volkswirtschaften ein Machtfaktor, wenn wirtschaftliche Stärke als Repressionsmoment gegenüber dem Schwächeren eingesetzt wird. Erst über eine Kapitalakkumulation lässt sich nicht nur eine wirtschaftliche Kraft erreichen, die gegenüber der physischen und geistigen Arbeitskraft dominiert, sondern bekanntlich auch soziale Unabhängigkeit und gesellschaftlicher Einfluss.

Der kulturgeschichtliche Teil der Ausstellung dokumentiert den Wandel der Geldwirtschaft vom Mittelalter bis zum Abkommen von Bretton Woods 1944 (Einführung des US-Dollar als Leitwährung), und zwar als eine Geschichte der „zunehmenden Abstraktion“: „Die Geistesgeschichte des Geldes (ist) eng an das Denken reiner Quantitäten gebunden, das sich sowohl in den logischen Prinzipien wie der Übernahme und Entfaltung der Arithmetik ab 1200 zeigt: Man muss z.B. das Prinzip der Wechselkurse verstehen, um in einer monetären Gesellschaft überleben zu können. Gleichzeitig ist aber die sozio-kulturelle Geschichte des Geldes auch eine der zunehmenden Abstraktion: Je mehr sich eine eigene Welt des Geldgebrauchs entwickelt, die von abstrakten Quantitäten beherrscht wird, je mehr Geld als Rechnungseinheit und nicht als substantielle Münze erscheint, desto mehr koppelt sich das Alltagsverständnis davon ab.“2

Anders als in jenen Zeiten, als Lohntüten mit Bargeld überreicht wurden und es mit diesem Geld in überschaubarer Weise bis zum nächsten Zahltag auszukommen galt, und als der Warenverkauf ausschließlich über Laden- und Marktgeschäfte innerhalb bestimmter Öffnungszeiten abgewickelt wurde, hat nämlich heutzutage das strukturelle Ineinandergreifen von Bankautomaten, Kreditkarten, Homebanking, Bring-Service („Pizza-Taxi“) und Versandhandel via Internet die örtlichen und zeitlichen Parameterbeziehungen der Alltagsökonomie weitgehend aufgelöst. Denn durch die Globalisierung und Liberalisierung des Handels, die Beschleunigung des Transportwesens, durch agrarindustrielle Gewächshäuser und durch die Tiefkühltechnik sind schon längst einst nur saisonal angebotene Waren heute immer und überall zu kaufen – frische Erdbeeren im europäischen Winter und Fleisch vom Wild mitten im Hochsommer. Irgendwo auf dieser Erde kann man zu jeder Jahreszeit Ski laufen oder im Meer baden. Spezialisten bieten auch die Erfüllung der ausgefallensten Wünsche an. Darauf rekurrieren die beiden schwedischen Künstlerinnen Elin Wikström und Anna Brag, indem sie nicht nur Geschenke an die Passanten in der Stadt verteilen, sondern auch Wünsche der Ausstellungsbesucher entgegennehmen.

Die Ausweitung einer Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen jederzeit, überall und von überall her erfordert auch eine entsprechende permanente orts- und tageszeitungsabhängige, ebenso währungsunabhängige Verfügbarkeit des Abnehmers einer Ware über seine persönlichen Zahlungsmittel bzw. eine global-technologische Konzeption von Abrechnungsmodalitäten, und natürlich deren Akzeptanz: Der Reisende muss sich darauf verlassen können, dass seine Traveller-Schecks auch in Timbuktu eingelöst werden und dass er mit seiner Kreditkarte ebenso die Hotelrechnung in einem kleinen griechischen Bergdorf bezahlen kann.

Jegliche soziale und multi-soziale Vernetzung hat mithin das Funktionieren einer geldtechnischen Vernetzung als Voraussetzung – so gibt es z.B. höchst richterliche Urteile, dass Sparkassen und Banken einem Arbeitslosen bzw. Sozialhilfeempfänger nicht so ohne weiteres die Einrichtung eines Girokontos verwehren dürfen, weil heutzutage bestimmte Begleichungen nur noch bargeldlos abgewickelt werden können, der Betreffende somit eine diskriminierende soziale Ausgrenzung und eine Verwehrung seiner bürgerlichen Rechte der Teilnahme am allgemeinen gesellschaftlichen Leben erführe. Höchstens kann man ihm verweigern, das Konto überziehen zu dürfen. Allerdings waren noch nie so viele Privathaushalte verschuldet wie in unserer Zeit – konnte man früher allenfalls Opas goldene Taschenuhr im Pfandhaus versetzen, drängen heute Banken wie Autohäuser Kredite und Leasing-Verträge ihren Kunden höchst leichtfertig auf.

II.

Innerhalb der gesamten volkswirtschaftlichen Abläufe werden bekanntlich immer seltener reale Geldmengen vom Einzahler zum Empfänger bewegt, stattdessen in zunehmenden Maße entsprechende Datenmengen, die als Gutschrift oder Lastschrift visualisiert werden. Dabei hat die Abbuchung vom Konto durch die persönliche Anonymität und durch den technischen Cha rakter des Vorgangs einen hohen Abstraktionsgrad im Vergleich mit dem herkömmlichen „Cash and carry“-Prinzip – ein Rechnungsbeleg oder Kontoauszug dokumentiert die Äquivalenz-Werte eines Tauschvorgangs in arithmetischen Zeichen, die lediglich eine Zahlenmenge darstellen, aber kein substantielles, sinnlich fassbares Volumen – reales Geld hat hingegen ein physisch spürbares Gewicht, eine geschriebene oder gedruckte Zahl nicht. Die bargeldlose Verschaltung hat damit auch einen anderen sozialen Charakter als z.B. der „Tante Emma-Laden“ oder der Wochenmarkt, die auch im Zeitalter des virtuellen Supermarkts wegen ihrer Möglichkeit zu kommunikativen Direkt-Kontakten und wegen ihres Flairs weiter existieren.

Die alphabetisierenden Termini „Gutschrift“ und „Lastschrift“ wurden aus einer sozialen Kommunikationssituation, in der ein Kaufmann oder Gastwirt die Rechnung oder Zeche „anschreibt“ und dann die Tilgung einer Schuld schriftlich quittiert, in das Zeitalter computerisierter Geschäftsabwicklungen übernommen, wiewohl hier allerdings nicht mehr im eigentlichen Wortsinne geschrieben, sondern genau genommen nur noch eingetippt und ausgedruckt wird. Die amerikanische Künstlerin Jerelyn Hanrahan nennt ihren Beitrag „Gesture As Value“ – die Gestik des Tauschens ist bereits ein sozialer Wert an sich.

Auch sonst wird im künstlerischen Teil der Linzer Ausstellung dieser sich zunehmend abstrahierenden Geldwelt Paroli geboten – „Schein gegen Schein, Fiktion gegen Fakten – ein absurdes Spiel mit monetären Komponenten und Wertvorstellungen…“, „als künstlerische Intervention und als Inszenierung eines Pseudofinanzplatzes…“. Künstler manipulieren Geld – wie Halil Altindere oder wie Rembert Rayon, der reale Geldscheine als „ready mades“ mit Zitaten und Redewendungen (also ebenfalls „ready mades“ in Form vorfabrizierter Sprache) bedruckt und damit das Geld semantisch erweitert. Reintaler entwertet durch eine aktionistische Manipulation Münzen, um daraus einen neuen Kunstwert zu schaffen. Die finnische Künstlerin Irma Optimist kann bei ihrer Performance und Videoinstallation „Only for the Money“ auf besonderen fachlichen Voraussetzungen aufbauen: sie ist nämlich gleichzeitig Wirtschaftswissenschaftlerin und promovierte Mathematikerin.

Andere Teilnehmer beschäftigen sich ebenso konkret mit der Manipulation des Konsumenten durch Werbung und durch bestimmte Verkaufsstrategien, wie Bobby Baker mit seiner Vortrag-Performance über das Einkaufen im Supermarkt, oder Judith Wilke mit ihrem Shopping-Caravan.

III.

Obwohl – wie im KUNSTFORUM unlängst in den Beiträgen über eine „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ dargestellt – auch und gerade in den heutigen Gesellschaften immaterielle Werte kommuniziert werden und zu einem Kapital werden können – bilden zunächst einmal alle alltäglichen Vorgänge einen Transmissionsriemen für diese „Sozialmaschine“, eben weil sie prinzipiell in Geld repräsentierbar sind: auch wenn z.B. durch ein selbstgebasteltes Geschenk oder eine unentgeltliche Hilfeleistung kein Geld bewegt wird, keinerlei Zahlung erfolgt, auch wenn es bei vielen Aktivitäten lediglich „um die Ehre“ bzw. um ideelle Zwecke geht, wäre rein theoretisch immer ein fiktiver Geldwert zu errechnen (das „Honorar“ ist übrigens in seiner ursprünglichen Wortbedeutung ein „Ehrensold“).

Die betriebswirtschaftliche Faustregel, dass mit möglichst geringem Aufwand ein möglichst hoher Ertrag erzielt werden soll, gilt auch da, wo dieser Ertrag nicht materialisierbar ist und wo es gar nicht um die Erwirtschaftung von Geldeinkommen geht. Wo es z.B. gilt, bestimmte Ideen in der Gesellschaft durchzusetzen, wo für ein Umdenken, ein anderes ethisches oder ökologisches Verhalten geworben wird, wo eine Bürgerinitiative konkret das Abholzen von Bäumen verhindern will, müssen die Protagonisten in ähnlicher Weise Überlegungen anstellen und Strategien entwickeln, wie sie ihre Zielvorstellungen möglichst schnell und möglichst effektiv erreichen, und zwar mit einer nachhaltigen Wirkung, genauso wie jemand, der Werbebotschaften formuliert oder bei Verkaufsgesprächen Überzeugungsarbeit leistet.

Den Platz, den man in einer sozialen Hierarchie einnimmt, oder die Wichtigkeit und Wertschätzung, die einem zuteil wird, drücken die Statussymbole aus, über die man verfügen darf, oder die einem angedient werden. Der Wert mancher sozialer Privilegien liegt darin, dass sie zwar offensichtlich teuer, für den Begünstigten aber nicht käuflich sind. Wer sich um eine Ehrenkarte für den Wiener Opernball bemüht, tut dies nicht aus Geiz, um das Entrée zu sparen, sondern um zum Kreis einiger weniger Auserwählter zu zählen.

Dabei kommt es unter Umständen nicht darauf an, wie teuer etwas wirklich ist, sondern wie edel oder „geschmackvoll“ es wirkt, und wie deutlich es sich von allem anderen abhebt, was üblich oder vertraut ist. So kann ein originaler Rokoko-Stuhl als Einrichtungsgegenstand ein bestimmtes Renommee visualisieren, weil er als Antiquität a priori einen hohen Kulturwert hat, obwohl er gegenüber einem modernen Designerstuhl ergonomisch unbequem ist.

Auffallen, d.h. Aufmerksamkeit erregen, kann man nur durch eine optische Differenzierung gegenüber den Mitbewerbern auf einem Markt oder gegenüber anderen auf dem gleichen kulturellen Aktionsfeld. Je origineller ein Disco-Besucher innerhalb eines gewissen Konventionsrahmens gewandet ist, desto eher wird der Türsteher ihn einlassen. Je höher die einmalige „Erlebnisqualität“ eines bestimmten Events ist, desto nachhaltiger bleibt dieses im Gedächtnis haften. Dabei zählt der Ideenreichtum mehr als der Aufwand an Geld zur Realisierung dieser Idee – hier ist Kreativität im Alltag tatsächlich ein Kapital im eigentlichen Sinne.

In der Linzer Ausstellung setzen denn auch verschiedene Künstlerbeiträge an den Imagewerten der Warenwelt an, bzw. an den sozialen Bedeutungen, die ein solches Image transportiert: die britische Künstlerin Christine Hill nennt ihr Dienstleistungsangebot mit Massagen, Schuhputzen, Unterrichtsstunden etc. „Volksboutique“. Die Schweizerin Marion Baruch entschied sich für eine messestandähnliche Präsentation ihres Labels „Name Diffusion“ als reines Imageprodukt. Die niederländische Gruppe „Servaas“ verkauft schon seit Jahren auf Kunstmessen (und in dieser Ausstellung) nicht nur Fisch, sondern auch Ozeangrundstücke. Auch der französische Künstler Fabrice Hybert tritt als eine „Firma“ auf, die materielle und immaterielle Produkte vertreibt – der Künstler schlüpft in die Rolle des Unternehmers, der Teppiche oder Süßwaren losschlagen will. Die realen künstlerischen Handlungen und Angebote transportieren hier gleichzeitig ein Moment der Fiktion, die aber eine andere, eigene Qualität hat als die Artikulation des Scheins in Werbeaussagen und Warenhausdekorationen.

Anders als in den gängigen geldgeschichtlichen Sammlungen von Banken und Museen werden im O.K. Centrum also nicht einfach nur Exponate in Vitrinen und an Wänden dargeboten. Stattdessen sind „hier die alltagskulturellen Formen des Geldgebrauchs nicht ,ausgestellt‘, sondern inszeniert“, mit interaktiven Angeboten an die Besucher. Werke von ortsansässigen Künstlern können aus einem Automaten gezogen werden, für den der Erwerb einer speziellen Münze erforderlich ist, die von einem der „100 teuersten Künstler der Welt“ gestaltet wurde. Der Künstler Otto Johannes Adler lässt die Besucher die Besucher in einem Bassin mit zwei Millionen Ein-Schilling-Münzen ein Geldbad à la Dagobert Duck nehmen. Ein Raum des Kulturzentrums verwandelt sich zudem in ein reales Spiel-Casino, in dem sowohl um Geld, als auch um „immaterielle Werte“ gespielt werden kann.

Die Kuratoren und die Künstler verhalten sich mithin auf der Ebene einer ästhetischen und museumspädagogischen Strategie ähnlich wie die Anbieter in der freien Wirtschaft – sie versuchen sich durch möglichst große Originalität von anderen Veranstaltungen zu differenzieren und damit eine optimale Publikumsansprache zu erreichen. Genauso würde man zwar in einem Museum auch bei jedem anderen Thema handeln (müssen) – doch gerade hier ergibt sich ein höchst eigenartiger Charakter der Darstellung dadurch, dass das Prinzip der Ökonomie analysiert, kritisiert, erweitert und umgedeutet wird, wobei aber gleichzeitig die künstlerischen Formen und Mittel einen inhärenten ökonomischen Charakter haben.

Auch da, wo der Konsum ad absurdum geführt wird, so in Judith Wilskes Performance als Verbindung einer „spielerischen Freiheit des Theaters mit Mitteln des Marketing“, wird man deswegen eine solche künstlerische Strategie nicht als karikierend oder persiflierend beurteilen können. Wilskes Shopping-Caravan wird im Konzeptpapier der Kuratoren als „Verkaufskunst“ apostrophiert, wobei beide Teile dieses Kompositums, nämlich Verkaufen und Kunst, ästhetisch und semantisch absolut gleichrangig sind: im Unterschied zu vielen anderen lediglich mimetischen Darstellungen treten Künstler treten hier nicht wie Ökonomen, sondern als Ökonomen auf. Das ist kein Rollentausch, sondern eine Symbiose aus verschiedenen Rollenmustern.

Anmerkungen:
1.) Konzeptpapier „Sozialmaschine Geld“, O.K. Linz 1999, alle Zitate sind hier entnommen
2.) s. hierzu den Textbeitrag von Wolfgang Pircher

Beispiele aus der Kunstgeschichte

In der Ausstellung werden einige Beispiele von Gelddarstellungen aus der jüngeren Kunstgeschichte gezeigt – nicht in Form von Original-Exponaten, wie es im musealen Betrieb üblich wäre, sondern unprätentiös als Projektionen. Wer den Raum betritt, sieht zunächst nur graue Wände, auf denen die Namen der Künstler angebracht sind. Entscheidet man sich für einen der Künstlernamen und tritt hinzu, wird von einem Sensor das Erscheinen des Bildes ausgelöst. Wenn sich mehrere Besucher im Raum befinden, ergibt das ein Changieren auftauchender und verschwindender Bilder.

JOSEPH BEUYS, Kunst = Kapital, 1979. Banknote mit handschriftlichem Zusatz, 6,5 x 13 cm. Auflage 20 + XX. Herausgeber: Edition Klaus Staeck, Heidelberg

WOLF VOSTELL, Berliner Ausblick Nr. 1″, 1997, Objekt, Collage, Mercedes-Stern und Dollarnoten auf Foto,. 40 x 60 cm. Foto: Jürgen Baumann. Courtesy Fine Art Rafael Vostell.
WOLF VOSTELL: Der „Berliner Ausblick“ ist eine der letzten Arbeiten Vostell’s, eine Auftragsarbeit für die Linzer Kunstzeitschrift „kursiv“ zum Thema „Geld oder Leben“.

ELSE BLANKENHORN (1873-1921), 300.000 Milliarden Millionen, Tinte und Wasserfarben, 23 x 18,5 cm. Courtesy: Prinzhorn-Sammlung der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Fall Nr. 160, Inv.Nr. 4313 b.
Die an Schizophrenie leidende Künstlerin zeichnete in den Anstalten Kreuzlingen und Reichenau Geldscheine mit unermesslich hohen Summen, um die Auferstehung aller Toten zu finanzieren und die Menschheit von ihren Sünden loszukaufen.

TONI KLEINLERCHER / GERALD NESTLER (A), sexy curves
sexy curves soll das Phänomen der Interferenzen weltweit agierender Wettbewerbssysteme mit persönlichen Lebensbildern in Form einer Gegenüberstellung bzw. Überlagerung von Börsenkurven mit Herzfrequenzkardiogrammen, die während des Deklinierens ausgewählter Textstellen aufgenommen wurden, beleuchten. Diese Kurven werden akustisch durch live übertragene Handelsgeräusche aus der CME und CEBOT sowie den lautsprecherverstärkten Herztönen der Künstler unterlegt. Die Geräusche der Live-Übertragungen schließen den akustischen Raum der gesprochenen Texte quasi metaphorisch ein. Erst nach Durchdringung dieser „Hörschwelle“ im Lärm der fabrizierten Virtualität, kann der einzelne Text, Sinnbild für individuelle Mythologien, wahrgenommen werden.

ALEXANDER SOKOLOV (RUS/D), Fusion, Entwurf der Rauminstallation, Computergrafik
Mit dem Modell „Fusion“ benützt das Modell „Kunst“ eine Konstruktion, um eine Struktur für Fragestellungen zu schaffen, die den Zusammenhang von Wirtschaft und Kunst betreffen. Die Versuchsanordnung „Fusion“ ist die praktische Anwendung und Umsetzung jener Vorstellungen und Erfahrungen, die der Künstler im Lauf seiner Teilnahme am Kunstbetrieb sammelte. Die Herstellung des geplanten Fusionsnetzes verbindet die beteiligten Marktsubjekte durch marktimmanente Kanäle der Kommunikation und ermöglicht einen Dialog über die Grenzen der pankapitalistischen Perspektiven.

VOLLRAD KUTSCHER (D), Stammhaus der Gesellschaft zur Verwertung und Erhaltung der Idee des Pfennigs, Installation, interaktive Computerskulptur.
Um fragwürdige Wahrnehmungs- und Glaubensübereinkünfte dreht sich die Arbeit Vollrad Kutschers. Die Computerskulptur besteht aus einem (Bank-)Gebäude, das aus ca. 40.000 Pfennigstücken errichtet ist, und aus einem Touchscreen, durch dem das „Geldhaus“ – dem „Ersatzpalast“ – virtuell betreten und besichtigt werden kann. Er ist als Zeichensetzung gedacht, die die künstlerische Idee als Handlung vorführt und festgefügte Vorstellungen und Lösungen von Kunst unterläuft – im Kern ein Verweis auf die Unmöglichkeit, sich immer nur ein Bild von einer Sache zu machen.

SUSANNE BOSCH (D), Restpfennigaktion, Stand 2/99: 180.000 Pfennige. Foto: S. Bosch
SUSANNE BOSCH (D), Restpfennigaktion, Kupferschrift auf Wand, Galerie Kohlenhof, Nürnberg, 1998. Foto: St. Kurr
Susanne Bosch: Die Restpfennigaktion sammelt Restpfennige, hömöopathische Einheiten der überflüssigen und lästigen Kunsteinheit der Deutschen Mark. Ferner sammelt die Aktion Utopien, Ideen, Hoffnungen und Wünsche, alles Dinge, die mit Geld, mit Zukunft und mit Kunst in Zusammenhang gebracht werden. Zur Beteiligung an der Aktion ist jede(r), ohne Ausschluss, eingeladen.
Dauer der Aktion: 1/98 – 2001, bis zum Wechsel der Währung von D-Mark in Euro. Bisheriger Stand: 180.000 Pfennige (8/99). Kontakt: http.//www.restpfennig.de
Susanne Bosch, Tel. 030-61285819, Hotline:0911-2004246.

OLIVER RESSLER (A), The Global 500, Installation
Die 500 größten Konzerne der Welt, die jährlich vom Wirtschaftsmagazin „Fortune“ in einem ranking veröffentlicht werden, sind als transnational agierende „global player“ als die Hauptprotagonisten der ökonomischen Globalisierung anzusehen. Ausgangspunkt des Projekts „The Global 500“ ist eine Recherche in den Jahresberichten und Websites der größten transnationalen Konzerne. Die Ausstellung und das dafür produzierte Video basieren auf einer Anzahl von Statements der Konzerne, die verschiedene Argumentationsstrategien in Bezug auf die ökonomische Globalisierung repräsentieren. Diese Thesen werden von Gewerkschaftern, NGOs, Theoretikern und einer Ökonomin analysiert und kritisiert.

SERVAAS (NL), „INT. FI$H-HANDEL SERVAAS & ZN.(r)“, Verschiedene Fi$h-Produkte in der Servaas-Filiale A. Foto: S. Steal
Die Handelsgesellschaft wurde von Servaas bereits 1986 gegründet, als er begann, via kommerzielle Kanäle seine Fischprodukte zu vermarkteten. Das Prinzip der Firma ist in höchst originärer und origineller Weise kommerziell. Servaas operiert mit einem weiten Spektrum an Geschäftssprachen und benützt die selben Marketingstrategien für Produktion und Distribution von Fisch, Fisch-Luft und Accessoires.

CAMILLA DAHL, BERIT SCHWESKA (D), „FLAP Dienstleistung“. Foto: „Rezeption: FLAP-Transit“.
Vergnügen und Verkäuflichkeit, Marketing, Kundenbetreuung: Nicht mehr die Kunstobjekte sind die wesentlichen Komponenten, sondern die Dienstleistung am Kunstklienten. Die Künstlerinnen fungieren als Hostessen, die eine Serviceleistung anbieten.

COM & COM (CH), Star-Room
Commercial Communication ist das Künstlerduo Johannes M. Hedinger / Marcus Gossolt, das als AJ’s (Art Jockeys) auf einem Remix aus Kunstgeschichte, Lifestyle und Marketing surft und mit den Strategien von Produktion, Kunst, Vermarktung und Massenkultur operiert.

ELIN WIKSTRÖM (S), The Out Of Nowhere Foundation. Installationsansicht im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek, Dänemark, 1996
Am Out of Nowhere-Schalter haben die Besucher die Möglichkeit, Wünsche zu äußern und auch bereits geäußerte Wünsche anderer Besucher zu hören. Der Fond entsteht durch einen geringen Preisaufschlag (ÖS 1,80) auf die Eintrittskarten und auf Produkte, die im Umfeld der Ausstellung verkauft werden. Am Ende der Ausstellungszeit entscheidet die Künstlerin, welche Wünsche erfüllt werden.

MICHAEL KOS (A), Egal, was es kostet. Ein Balance-Raum, „Egalité“, Oleanderblätter
„Im volkswirtschaftlichen Verständnis meint Gleichgewicht den Ausgleich zwischen Produktion und Konsumption. Dem sogenannten freien Markt wird die Regelung dieses Verhältnisses überlassen, Grundtendenz ist die Steigerung beider Faktoren…“ (M.K.). Michael Kos gestaltet einen Raum mit instabiler Bewegungsfläche und widmet ihn dem Gleichheitsprinzip, „Egalité“ und der „Musik des Geldes“.

HORST M. JARITZ (A), Die Marktlage scheint günstig, ein Schaubild, 1999, Massenware, Kunststoff, auf Leuchtpult, 200 x 300 x 50 cm
Der Künstler bezeichnet sich selbst als post-kommerziell und setzt sich seit Jahren explizit mit Kitsch und Kommerz auseinander.
Schweine stehen seit jeher in einem besonderen Verhältnis zum Geld, als Glücksbringer vom Spieß und in Marzipan oder als geldempfangendes Instrumentarium in Porzellan und Plastik. In seiner Installation schaut dem Betrachter ein Heer von Plastikschweinen entgegen, die durch einen Produktionsfehler hermetisch verschlossen sind.

SABINE ZIMMERMANN (A/D), Währungen, 12-teilige Serie, 1999, Tintenstrahldruck auf Büttenpapier, je 29,7 x 29,7 cm
Die Künstlerin kreiert ihre eigene Währung und verbindet „Mein Geld“ mit der Geschichte einer Scheidung von einem Millionär, mit der Verflechtung von Liebesbeziehung und Monetarismus.

ARNOLD REINTHALER (A), Rein-Taler
Im Juli 1996 vollzieht Arnold Reinthaler folgenden Eingriff in den Geldverkehr: Er konfisziert hundert österreichische 10 Schilling Münzen und entwertet sie durch jeweils zwei Stanzungen. Die Unikate werden zu Kunstobjekten erklärt. Die ersten vierzig Personen erhalten jeweils einen echten Rein-Taler gegen Bezahlung des Nennwertes. Die verbleibenden Unikate werden zum Kauf angeboten, offizieller Wert und Kaufpreis richten sich immer nach dem jeweiligen Höchstgebot. Bei weiteren Auktionen steigern Sammler den Wert um ein Vielfaches. Der aktuelle Richtwert liegt bei öS 17.60,- (128 Euro). „… der Rein-Taler versucht das Prinzip des Mehrwerts und der damit verbundenen Hoffnungen abzubilden. Er bedient sich dabei des Systems von Angebot und Nachfrage, um die Sehnsucht nach Mehrwert in der künstlerischen Ware mit ihrem ökonomischen Äquivalent, dem finanziellen Mehrwert, kurzzuschließen.“ (Andreas Spiegl)

REMBERT RAYON (A), Read-made / Ready-made: Works of Indifferent Value
Auf Geldscheine (Ready-made) sind Sätze (Read-made) gedruckt, die größtenteils Zitate, also schon vorfabrizierte Sprache (Read(y)-made) sind. Die Auswahl der Sätze richtet sich kontextbedingt nach Begriffen wie Wert, Schein, Erscheinung, Illusion, Täuschung, Tausch, Übereinkunft, Reproduktion, Nachahmung, Echtheit, Gültigkeit, Fälschung, Betrug, Bedeutung, Wunsch, Wahrnehmung … und sind thematisch zu Werkgruppen zusammengefasst. Wenn nun durch das Bedrucken der Geldschein seine Gültigkeit verliert, beginnt ein anderer Wert zu wirken: der Kunstwert. Durch den Kunstkontext entsteht jener Mehrwert, der durch die Gesellschaft und den Kunstmarkt determiniert wird.

LIZ MILLER (USA), Gold Glory
Unter dem Titel „TLA“ (True Love Always) firmieren alle Arbeiten der jungen amerikanischen Künstlerin, von Performances, großformatigen Fotoarbeiten und Videos. Ihre Themen sind Geld, Werbung, Musikvideos, Pornografie, Exzess, Betrug. Sie spielt mit den Ritualen der Verführung, ihre glitschig/klebrige, elegant/schmutzige Bildsprache ist sexy und abstoßend gleichermaßen.

FRANZ GRATWOHL (CH), in Zusammenarbeit mit Stefan Halter, Swallow Value, Video, Endlosschlaufe, ohne Ton.
Ein Kindermund öffnet sich, streckt die Zunge heraus. Eine Hand legt eine Münze wie eine Hostie auf die Zunge. Der Mund schließt sich, die Münze wird geschluckt.
FRANZ GRATWOHL (CH), Das Geldei, Skulptur, 1995. Foto: Regula Häne
Zweitausend Einfrankenstücke sind aufgeschichtet zu einem Geldei, das auf einer heißen Herdplatte steht. Die Münzen leiten, verfärben sich aufgrund der Hitze und geben Wärme ab. „Das Abstraktum ,Geld‘, als sinnliche Wärme körperlich geworden, entstellt sich zur Kenntlichkeit …“

HALIL ALTINDERE (TR), Dance with Taboos, 1997, Digitaldruck, 240 x 110 cm
Halil Altindere operiert in seinen Arbeiten mit Hoheitszeichen des (türkischen) Staates wie Personalausweis, Geldschein oder Briefmarke. Indem er sie kopiert und ihre visuellen Zeichen austauscht oder manipuliert, verkehren sich die Insignien des Machtmonopols in kritische Attacken auf Kontroll- und Sicherheitssysteme, Nationalismen. Der überdimensionale Ein-Million-Lira-Schein zeigt Atatürk, der sich die Hände vor das Gesicht schlägt.

IRMA OPTIMIST (FIN), Only for the Money, 1995, Video
Die Künstlerin agiert in der Video-Performance als Museumsführerin durch die Kollektionen „Optimist’s Europe Guide“, „Sweet Salt Pulse“, „Smile Relicts of Flashes“, Adventures of Finland“, „Soft Moving Camp“ und „Game of Contact“. – Mit ihrem Computerprogramm für Börsen (Irma Optimist ist Doktor der Ökonomie und der Mathematik) analysiert sie die Veränderungen von Werten mittels nonlinearer Logik einer weiblichen Investition.

CARLA DEGENHARDT (A), Pursesonal, Bestickung der österreichischen Banknotenserie, 6 Plexiglasobjekte mit Rückwandspiegel, 1993
„Dass das Ornamentieren zugleich ein Verstecken bedeutet, scheint Carla Degenhardt in ihren be stickten Geldscheinen geradezu durch redundantes Verzieren offen zu legen. Die am Geld vollzogene Stickerei meint ein absichtsvolles Entwerten und Umwerten, ein bewusst herbeigeführtes Ineinander von zunächst konträr erscheinenden Wertsystemen (Geldwert, Kunstwert), die auf die Brüchigkeit, Verschiebbarkeit und damit auch Konstruierbarkeit von Identitäts- und Wertvorstellungen verweisen.“ (Rainer Fuchs)