Titel: Kunst und Geld , 2000

JÜRGEN RAAP

MONEY MAKES THE WORLD GO ROUND

I.

„Niemals zuvor in diesem Jahrhundert hatten die Leitmotive wirtschaftlicher Erfolg, Profitabilität und persönliche Bereicherung einen derart kultischen Rang“, urteilt Stefan Welzk über die Befindlichkeiten Ende der neunziger Jahre.1 Spitzensportler z.B. haben die Turnvater-Jahn-Devise „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ längst hinter sich gelassen: Denn wenn die „Jugend der Welt“ unter den Olympischen Ringen antritt, geht es heute in erster Linie nur noch darum, Siegermedaillen in Werbeverträge umzumünzen. Fußballtrainer beklagen, dass heutzutage die wohlstands-saturierten zwanzigjährigen Ballkünstler nur noch durch Millionensummen dazu zu bewegen sind, sich zum Konditionstraining einzufinden. Ökonomisches Denken dominiert auch sonst alle Bereiche der Gesellschaft. Jeglicher Wertekonsens definiert sich heutzutage über Geld, über Kosten und Spareffekte, über Rendite, Schulden und über betriebswirtschaftliche Effizienz. Sachbearbeitern in Behörden wird ebenso zugemutet, in Management-Kategorien zu denken wie Ärzten und Krankenkassen. Selbst der Papst scheut sich nicht, neuerdings für jeden Segen bei einer individuellen Audienz 5000 Lire (ca. 2,30 Euro) zu verlangen.

Angesichts dieser Tendenzen haben sich die Geldmärkte logischerweise in eine „Spielhölle für Finanzakrobaten und Abenteurer verwandelt“2. Seit der Schauspieler Manfred Krug „locker und launig“, wie der „Spiegel“ meint, für Telekom-Aktien warb, zieht es in Deutschland auch immer mehr Kleinanleger an die Börse. Hatten sich Ende der achtziger Jahre nur fünf Prozent des deutschen Sparvermögens mit einem Wert von 171 Milliarden Mark in Aktiendepots angesammelt, so waren es 1998 bereits acht Prozent zum aktuellen Kurswert von über 500 Milliarden Mark bzw. rund 230 Milliarden Euro.3 Und die Auswahl an Wertpapieren wird immer größer: 1998 waren an den deutschen Aktienmärkten…

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