Titel: Müllkunst , 2004

ALEXANDRA GERNY

EKLIGE MÜLLKUNST

ZUM SCHAFFEN VON DIETER ROTH

Abfall ist das, was seinen Gebrauchswert verloren hat. Die Entscheidung darüber ist von subjektiven Faktoren abhängig: Was für den einen Müll ist, kann der andere gut gebrauchen. Ob etwas Abfall ist oder nicht, muss von einem Betrachterstandpunkt getroffen werden. Kein Objekt ist aus sich selbst heraus Abfall. Grundsätzlich lassen sich Gegenstände in drei Wertekategorien einteilen: die meisten Objekte sind (a) vergänglich, da sie nur während eines beschränkten Zeitraums benutzt werden. Im Laufe der Zeit werden sie (b) zu Abfall, werden also in die Kategorie der wertlosen Gegenstände transferiert. Die dritte Kategorie umfasst (c) die so genannt dauerhaften Gegenstände, etwa Kunst oder Antiquitäten. Es wird alles getan, um die dauerhaften Gegenstände möglichst lange zu erhalten.1 Abfall und seine Beseitigung ist Teil eines Ordnungssystems, mit Hilfe dessen die Umwelt organisiert werden kann.2 Abfall steht an der Grenze dessen, was noch zu gebrauchen ist und definiert damit eine Ordnung.

Dieter Roth (1930-1998) hat zeit seines Lebens mit Abfall gearbeitet. Er hat Müll benutzt und gesammelt, beispielhaft sind etwa die zahlreichen „Schimmelbilder“ und „Haufen“ oder die „Sammlung Flachen Abfalls“ von 1974 und 1976. Roth hat den Verfall selbst zum Thema gemacht, indem er seine Kunstwerke mit organischen Materialien verschimmeln und von Fliegen und Maden verfressen ließ. Diese Arbeiten besitzen eine ambivalente Schönheit, haben doch die zerfallenden Materialien, die Spinnweben und die Wurmlöcher ihren ganz eigenen Reiz. Manchen von ihnen ist ein abstoßender Effekt nicht abzusprechen, der durch unangenehme Gerüche bisweilen sehr stark sein kann. Entsprechend groß ist ihre Wirkung…

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von Alexandra Gerny

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