Titel: Müllkunst · von Bodo Mrozek · S. 120
Titel: Müllkunst , 2004

LAURA KIKAUKA

DIE ORDNERIN DER DINGE

VON BODO MROZEK

Der Bastler ist immer auch ein Sammler. In seinem Arsenal herrscht keine klar definierte Ordnung, alles kann mit allem kombiniert werden. Seine Werkstoffe, so schrieb der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem Buch „Das wilde Denken“, bezieht er aus den fossilen Zeugen der Geschichte eines Individuums oder einer Gesellschaft: aus Überresten, Abfällen, Bruchstücken. Die Metapher, die Lévi-Strauss hierfür anbietet, ist die Bricolage. Der Bricoleur wirft nichts weg. Die wichtigsten Eigenschaften seines Materials sind Endlichkeit und Heterogenität.

VORSICHT TEENAGER

Diese Definition scheint wie gemacht für die bildende Künstlerin Laura Kikauka, die ihr Berliner Arsenal am Hackeschen Markt im Bezirk Mitte untergebracht hat. Die „Funny Farm East“, direkt unter dem Dach eines alten Gewerbegebäudes, ist Wohnstube und Halde, Atelier und Kunstwerk zugleich. Zwischen unzählbaren Figuren aus Kunststoff, Lampenschirmen in allen Farbtönen, einer Sammlung schriller Sonnenbrillen und illuminierten Hundeskulpturen wohnt, schläft und arbeitet die gebürtige Kanadierin. Mittendrin stehen Computer, Fotoalben und Lötkolben: Hier muss ihr Arbeitsplatz sein, doch könnte alles auch eine Installation sein. Kunst und Leben scheinen bei ihr so untrennbar miteinander verbunden, wie ihre Arbeits- und Wohnräume. Vermutlich kann nicht einmal sie selbst sagen, wo die Inszenierung aufhört und das Private anfängt. Dies ist eine der Grundkonstanten von Kikaukas Kunst, die meist bespielt, oft bewohnt und fast immer bunt und beweglich ist. „Vorsicht, hier wohnt ein Teenager“, warnt ein kleines Etikett am Eingang.

Der „Teenager“ wohnt seit 1992 in Berlin. Schon früh sammelte sie so ziemlich alles, was ihr in die Finger kam. Auf ihrem kanadischen Anwesen, einem…

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