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Titel: Müllkunst · von Nadia Schneider · S. 88 - 95
Titel: Müllkunst , 2004

TINA HAUSER
KUNSTSCHLACKE

VON NADIA SCHNEIDER

Die Arbeiten von Tina Hauser (geboren 1967 im Kanton Glarus/Schweiz) lassen sich nicht ausschließlich einem Medium zuordnen. Sie arbeitet vor allem fotografisch und installativ, lässt auf unkonventionelle Weise aber auch Aspekte der Performance und der klassischen Bildhauerei in ihre Arbeiten einfließen. Ihr Thema ist der Prozess der Lagerung. Es geht ums Lagern von Dingen, die in der Aktualität keinen direkten Nutzen haben, die man jedoch nicht einfach verschwinden lassen will oder kann. Der Prozess der Lagerung bietet verschiedene Möglichkeiten: die Werterhaltung (etwa die Kunstsammlung oder die Goldreserven der Nationalbank), die Wertsteigerung (etwa in einem Weinkeller) oder aber auch den radikalen Wertverlust (etwa Endlagerung von atomaren Restbeständen).

RADIKALE PLASTIK

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass sich Tina Hauser in den letzten Jahren stark mit der Idee von Kehrichtverbrennungsanlagen auseinandergesetzt hat. Als Nicht-Ort und verdrängter Ort sind sie ein Verdauungssystem unserer Gesellschaft, das unser Konsumverhalten schonungslos widerspiegelt. Als Ergebnis unseres vom Wohlstand gesättigten kollektiven Verhaltens sind sie die Rückseite der Medaille, die uns nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ethischen Gründen Sorgen machen sollte. Tina Hauser fotografiert die bis zu 25 Meter hohen Müllberge vor Ort, in dem sie sich mit Schutzanzug, Funkgerät und Kamera bewaffnet in den kontaminierten Bunker begibt.

Während dieses performativen Aktes, den sie unter extremstem körperlichen Einsatz vollzieht, macht sie den Bunker quasi zu ihrem temporären Atelier und erklärt gewisse Abfallschichtungen nach subjektiven und streng formalen Kriterien zu „Plastiken auf Zeit“. Die von der traditionellen Steinbildhauerei herkommende Künstlerin hinterfragt somit den Begriff „Plastik“ radikal und führt ihn im Sinne der „Sozialen Plastik“ weiter. Sie schafft nicht selber Plastiken, sondern appropriiert gewisse gesellschaftliche Verwertungs- und Entsorgungsprozesse als Kunstwerke, indem sie diese fotografiert.

Tina Hauser, die soeben an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Klaus Rinke (Studienbereich Bildhauerei) abgeschlossen hat, wurde 2001 der Glarner Kunstpreis für ihre Arbeit „The Beauty“ verliehen. In ihrer Ausstellung im Kunsthaus Glarus präsentierte sie im Dezember 2002 zum einen fotografische Arbeiten aus ihrer Serie „A Garden of Pleasures – The Beauties“, zum anderen die beeindruckende Installation „Schlacksbilt #4“, die sich vom Fundament des Kunsthauses bis in den Oberlichtsaal zog.

SINNBILDER DES KONSUMS

Die beiden Arbeiten scheinen auf den ersten Blick ästhetisch nichts miteinander zu tun zu haben, stehen jedoch in einer engen inhaltlichen Verbindung zueinander. So zurückhaltend und reduziert die Installation auch wirken mag, so nachhaltig und imposant ist sie in Wirklichkeit, denn die sichtbare Struktur im Oberlichtsaal des Erdgeschosses ist nur ihr oberstes Segment. „Schlacksbilt #4“ durchstößt die Architektur und bildet somit einen räumlichen wie auch imaginären Schacht durch das Kunsthaus, der im Heizungskeller beginnt, durch das Untergeschoss wächst und im Erdgeschoss endet. Das Objekt passt sich nicht in die Architektur des Gebäudes ein, sondern zwingt sich den Räumen auf: Die drei Segmente des Objekts sind so schwer, dass sie das Kunsthaus zum Einstürzen bringen könnten, wäre das Objekt in sich nicht in statischem Gleichgewicht.

Die der Konstruktion zugrunde liegenden grauen Quader bestehen nicht, aus einem handelsüblichen Zementgemisch, sondern sind eine Spezialanfertigung aus 90 % Schlacke (in gebundener Form), also aus demjenigen Material, das nach dem Verbrennungsprozess des Kehrichts bei 720 Grad Celsius übrig bleibt. Die Kehrichtberge, die Tina Hauser auf ihren Fotos „The Beauties“ zu Kunstwerken erklärt, sind – quasi in verändertem Aggregatszustand – als dreidimensionales Objekt gegenwärtig. Was auf den Fotos noch als Abbildung zu erkennen war, ist jetzt nur noch in abstrahierter Form zu sehen. Die Herkunft des Ausgangsmaterials ist dem Objekt „Schlacksbilt #4“ zutiefst eingeschrieben, visuell aber erst auf den zweiten Blick erkennbar – an einigen wenigen Dingen, die den Verbrennungsprozess erstaunlicherweise überlebt haben, wie etwa ein Löffel, ein Porzellanfragment, Holz, Backsteinsplitter und Plastik.

Indem Tina Hauser Schlacke als Grundmaterial für ihre Arbeit benutzt, bringt sie das Verdrängte und Ungewollte in die Gesellschaft zurück. Sie erinnert daran, dass jeder Bewohner der westlichen Welt als Verursacher von Hauskehricht zum Mitproduzent der Installation wird. Sie bindet das Material, das für unsere Gesellschaft nur lästig ist, weil nutzlos und schädlich, in veränderter Form wieder in unseren Kreislauf ein. Sie macht die Schlacke durch die Wiederverwertung als Kunst (dem Gegenteil von Abfall) sichtbar. Wenn die Arbeiten von Tina Hauser trotz ihrer gesellschaftspolitischen Thematik nie moralisierend wirken, so besitzen sie gerade dadurch das Potenzial, um als eigentliche Sinnbilder unseres westlichen (Konsum-)Denkens gelesen zu werden.

NADIA SCHNEIDER ist Direktorin des Kunsthaus Glarus in Glarus/Schweiz ( office@kunsthausglarus.ch ).

PARADOXE SCHÖNHEIT – «Den Bunker ernenne ich zu meinen Garden of Pleasures und taufe die Zeitplastiken auf den Namen The Beauties. Mit der Entscheidung, welche Müllplastiken ich fotografiere, lege ich zeitgleich die Urheberschaft auf die gewählte Zeitplastik – eine paradoxe Schönheit. Nur wenige Müllhaufen erfüllen die Kriterien, damit ich meine Urheberschaft darüber erkläre. Der Bestand umfasst heute 14 Beauties. Es handelt sich um ungeschönte direkte Porträts unserer Sozialkultur.» Tina Hauser

VERSEUCHTES ATELIER – «Geschützt mit Atemschutzmaske, Schutzanzug, Gummistiefeln, Handschuhen, verbunden mit einem Seil und Funkgerät zur Außenwelt, dringe ich in den kontaminierten Raum und beschlagnahme nicht nur die Zeitplastiken, sondern den gesamten Bunker und erkläre ihn zu meinem Atelier. Es werden Monumente gebildet, die bis zu einer Höhe von 25 Meter anwachsen. Der Akt der Aufschichtung ist ein bewusster, handwerklicher und zielstrebiger Akt. Die Monumente sind nur von kurzer Dauer: Zeitplastiken. Die gärenden, vom Gesellschaftskörper produzierten Zeitplastiken sind anonym und haben keinen Anspruch auf eine weitere Existenz in ihrer aktuellen Erscheinungsform. Meine Beschlagnahmung kann ich solange durchsetzen, bis die Gewalt des Krangreifers die Zeitplastiken zerstört und in den Ofen der Müllverbrennungsanlage befördert. Umgewandelt in Gase, Dampf, Filterstaub und Schlacke, sind die Müllplastiken auf einen Fünftel ihres Volumens reduziert.» Tina Hauser