Titel: Müllkunst · von Paolo Bianchi · S. 146
Titel: Müllkunst , 2004

TERESA MARGOLLES

MENSCH ALS ABFALL

VON PAOLO BIANCHI

Die Kunst fesselt uns nur durch ihre Unvereinbarkeiten, durch die Spannweite ihrer Regungen, durch die Kluft zwischen ihren Neigungen und ihren Ansichten, durch ihren paradoxen Auftritt zwischen Tod und Leben, Wertlosem und Wertvollem. Teresa Margolles (geboren 1963 in Culiacan, lebt in Mexiko City) hat Gerichtsmedizin studiert. Ihr Interesse an Obduktionssälen und an Toten ist vielleicht nicht einzigartig. Ein Glücksfall, der sie für ihre spätere Tätigkeit als Künstlerin prädisponierte, war dieser Hang zu den „lebenden Untoten“ dennoch. Als Gründungsmitglied der Gruppe Semefo (Servicio Médico Forense/Gerichtsmedizinischer Service) wurde ihre Kunst als Auseinandersetzung mit dem Tod in den Neunzigerjahren immer wieder mit Preisen und Stipendien belohnt – trotz heftiger Kritik und trotz Zensur. Dabei steht nicht so sehr der Tod selbst im Mittelpunkt ihrer Arbeit, sondern die Leiche in ihren verschiedenen Stadien der Verwesung und in ihren soziokulturellen Bezügen. „Ich arbeite am leblosen Körper, mit dem, was verfault. Ausgehend von der Frage: Wie viel durchlebt eine Leiche?“ Im von der Kunsthalle Wien 2003 publizierten Interview erfahren die Leser, dass das Leichenschauhaus der Künstlerin als Atelier und Werkstatt zugleich dient.

TABUBRUCH

Teresa Margolles beschäftigt sich mit jenem Moment, in dem der Mensch zu Abfall und der betrauerte Tote zum Problem der Lebenden wird. Mit der für die Zürcher Galerie Peter Kilchmann entwickelten Rauminstallation „Aire“ („Luft“, 2003) zwingt die Künstlerin die Besucher einen kaum erträglichen physischen Kontakt mit den Namenlosen auf, die täglich in den Leichenschauhäusern von Mexiko City anfallen. Sie sammelte das Wasser, mit dem die Leichen dort gewaschen werden, um…

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