Titel: Müllkunst · von Gerhard Mack · S. 180
Titel: Müllkunst , 2004

KELLY WOOD

GARBAGE PROJECT

VON GERHARD MACK

Die Frage, ob eine doppelte Negation eine Bejahung ergibt, haben nur die Mathematiker eindeutig beantwortet. Linguisten und Philosophen beißen sich an dem Problem seit den Anfängen ihrer Disziplinen die Zähne aus. Die Kanadierin Kelly Wood (geboren 1962 in Toronto) geht es als Schülerin von Jeff Wall künstlerisch an: „Kunst ist Müll“ ist eine stehende Wendung zeitgenössischer Kostverächter. Was wird wohl daraus, wenn man sie in die Negation kehrt, wird der Satz dann richtig? Zunächst einmal ergibt sich daraus ein psychischer Vorteil.

Sie habe bemerkt, viel mehr Müll zu produzieren als Kunstwerke, berichtet die Künstlerin. Da bot Müll als Kunst eine angenehme Wende. Wenn der eigene Müll Kunst wird, ist die Gleichung zumindest ausgeglichen und das eigene Dasein in diesem bildträchtigen Aspekt von der moralischen Negativität befreit. Die negative Ethik eines Adorno erhielte modellhaft einen nicht ganz so negativen Horizont.

MÜLL IST PRIVATSACHE

Konkret geht Kelly Wood dabei sehr pragmatisch vor. Der eigene Müll wird in Einkaufstaschen gesammelt. Sobald ein Plastiksack voll ist, wird er im Atelier fotografiert und dann wie üblich über die Müllabfuhr entsorgt. Bis auf wenige Ausnahmen bei Reisen immer in der gleichen Art: Auf weißer Unterlage und vor weißem Hintergrund, mit einer alten Haselblad 6 x 7cm-Negativ-Kamera, wie sie in der Werbebranche für Sachfotografien üblich war.

Das Licht, die cleane Atmosphäre und die Selbstverständlichkeit mit der die Müllsäcke im Bild sitzen, erinnern denn auch an die Werbefotografie der frühen Achtzigerjahre, als man die Welt wieder klar und sauber haben wollte. Ins Bild treten jetzt allerdings nicht mehr…

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