Ausstellungen: Ludwigshafen/Rhein · von Michael Hübl · S. 316
Ausstellungen: Ludwigshafen/Rhein , 2012

Michael Hübl

Gustav Kluge

»Egocinema«

Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, 24.3. – 28.5.2012

Ein Gegensatz zieht sich durch die europäische Kulturgeschichte. Die Griechen der Antike personifizierten ihn mit den Göttergestalten Apollon und Dionysos, an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, die zugleich die Wiege des Industriezeitalters war, sprach man von Klassik auf der einen, Romantik auf der anderen Seite, während Friedrich Nietzsche, der schon mitten drin stand in der technisierten Moderne, noch einmal zurückging in die Urzeit der Mythen, um das Dionysische wider das Apollinische zu stellen, so wie umgekehrt Igor Strawinsky zunächst „Le sacre du printemps“ (1913) beschwor, um sich später „Apollon musagète“, dem Musenführer, anzuvertrauen. Gustav Kluge hat die Brennpunkte verlagert, hat die Antipoden neu ausgerichtet: hier Antonin Artaud, dort Girolamo Savonarola. Einer Tafel, die auf den florentinischen Bußprediger und Revolutionär verweist, steht in Kluges Triptychon „D.I.S.P.U.T“ (1988) eine Anspielung auf den französischen Schauspieler und Literaten gegenüber, der für ein „Theater der Grausamkeit“ eintrat. Links Savonarola, rechts Artaud, in der Mitte ein hoch aufragendes grob bearbeitetes Holzbrett – rohe Materie oder sozialplastisches Zeichen für eine Kunst, die sich beinahe im Beuysschen Sinne zwischen kristalliner, harter, rationaler Gedankenschärfe und amorpher, weicher, intuitiver Seelenwärme entwickelt. Man kann das Brett aber auch als Bahre deuten, denn Opfer waren sie beide: Artaud zum psychiatrischen Fall abgestempelt, mit Elektroschocks traktiert und vollgepumpt mit Chemikalien, Savonarola, von Papst Alexander VI. exkommuniziert, von den Massen gehetzt, gefoltert und öffentlich hingerichtet. Dabei hätte just der Dominikanermönch Pate stehen können für den „Brief an die Chefs (V. Entwurf)“, mit dem sich…

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