Titel: Weltkunst - Globalkultur · von Alfredo Jaar · S. 246
Titel: Weltkunst - Globalkultur , 1992

Alfredo Jaar

»Ich bin ein schuldiges Opfer«

Kurzes Gespräch über die Dritte Welt und das eigene Werk

Dore Ashton: Glauben Sie, daß es so etwas wie eine „Dritte Welt“ gibt? Wenn ja, soll Ihr Werk für oder über die sogenannte „Dritte Welt“ sprechen?

Alfredo Jaar: Die „Dritte Welt“ existiert nicht, sie ist ein ideologisches Konstrukt des Westens. Die ursprüngliche Bedeutung wurde vollkommen verzerrt und durch das Weltgeschehen obsolet gemacht. Ich wüßte sehr gerne, weshalb Alfred Sauvy, der den Begriff „erfunden“ hat und der noch aktiv ist, nichts über diese außerordentliche Fülle der mit seiner Schöpfung assoziierten widersprüchlichen Bedeutungen geschrieben hat.Was wir heute haben, sind verschiedene Länder in verschiedenen Stadien der Entwicklung auf verschiedenen Entwicklungsgebieten; am wichtigsten ist es jedoch, zu erkennen, wie ungleich die Machtbeziehungen zwischen diesen verschiedenen Ländern sind. Was meine Arbeit tut oder zu tun versucht, ist einfach, diese Situation zu erklären.Jetzt zum zweiten Teil Ihrer Frage, meine Arbeit spricht einzig für mich, ich werde nie etwas anderes unterstellen. Dieser nichtpaternalistische Ansatz ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Merkmale meines Werks. Es konzentriert sich auf keine der Welten im besonderen oder auf diese Lücke beziehungsweise sich vergrößernde Kluft zwischen verschiedenen Gesellschaften.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen einer herkömmlichen Kunstkonzeption und dem, was Sie tun, charakterisieren?

Ich weiß nicht, was heute herkömmliche Kunstkonzeption ist. Ich würde das, was ich tue, einfach als Kunst charakterisieren. Eine umfassendere Definition wäre, daß ich soziokritische Installationen schaffe, von denen die Mehrzahl auf Photographie basiert. Mein Hintergrund als Architekt und Filmemacher spielt bei diesen Arbeiten eindeutig eine Rolle. Mich…

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