Titel: Im Zoo der Kunst II · von Thomas Zaunschirm · S. 36
Titel: Im Zoo der Kunst II , 2005

Im Zoo der Kunst II

von Thomas Zaunschirm

Die bizarren Formen der auf- und abwogenden Brieftauben-Schwärme werden von einem ungewohnten Geräusch begleitet. Das bis heute beobachtbare „akustische Schauspiel“ über Peking verdankt sich dem Brauch, Pfeifen auf den Tauben zu montieren, die im Flugwind erklingen. Dem westlichen Beobachter mag das wie eine kompositionelle Installation oder künstlerische Performance erscheinen. Doch diese Aktion findet anonym außerhalb der Kunstwelt statt und wird in unserem „Archiv“ lebendiger Tiere in der Kunst nicht angeführt. Als Brauchtum ist das fliegende Pfeifen vergleichbar dem Läuten der Kuhglocken auf der Alm. Wenn dagegen die von Tieren erzeugten Geräusche Teile von Klanginstallationen sind, wie bei Allen, Christiansen, Håkansson, Hess und Kolig, haben sie ihren Platz im Rahmen der „bildenden Künste“. Auch wenn der Kunstbegriff einer ständigen Expansion ausgesetzt war, ist er nach wie vor ein Ordnungsbegriff auch für solche Randformen.

Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der in Frage kommenden und ins „Archiv“ aufgenommenen KünstlerInnen, die in verschiedenen Medien mit lebenden Tieren gearbeitet haben, auf über 260 verdoppelt. Je nach Betrachtungsweise erscheint das als viel, oder als verblüffend wenig. Es besteht ein überraschendes Mißverhältnis von Millionen tätigen Künstlern und jenen wenigen, die mit lebenden Tieren arbeiten. Da aber entsprechende Werke nur selten ins allgemeine Bewußtsein gedrungen sind, wirkt die Zahl groß. Eine wirkliche Begegnung mit dem Thema findet nur selten statt. Meist stößt man darauf in Videos oder dokumentarischen Fotos. Dabei stellt sich oft genug die Frage nach dem Kriterium der Auswahl. In der Dokumentation von Happenings und Performances reduziert sich die einstige Bewegtheit und Lebendigkeit zur Vorlage einer Erinnerung oder Nachempfindung. Man kann sich vorstellen, wie es damals gewesen ist. An sich wäre das Museum der Platz, derartige Werke zu zeigen. Doch an diesem Ort wird man lebenden Tieren nicht begegnen. Dafür sind weniger die Tierschützer verantwortlich als praktische, d. h. finanzielle Gründe. „Natürlich“ entsprechen derartige Werke oft auch nicht dem Kunstverständnis der verantwortlichen Kuratoren und Museumsleiter.

Aufgrund der mangelnden Präsenz solcher Kunstwerke stößt die Recherche immer wieder auf Hindernisse, mit denen man nicht rechnet. Anlässlich der Eröffnung der Pariser Kunstmesse wurden Hermann Nitsch und Charlemagne Palestine 1974 eingeladen, sich mit Beiträgen zu beteiligen. „Le Monde“ berichtete am nächsten Tag ausführlich über das Orgienmysterientheater von Palestine (und nicht von Nitsch). Da Palestine in seiner minimalistischen Musik auch mit Stofftieren arbeitet, die er hin und wieder zerstört, schien die Schilderung nicht völlig abwegig. Aber das war eindeutig zu viel, man hatte die beiden Namen einfach miteinander verwechselt. Worauf kann man sich noch verlassen, wenn sogar einer großen Tageszeitung ein solcher Fehler unterläuft?

Nur schwer ist die Grenze zu ziehen zwischen den früheren Dokumentationen und den Medien der inszenierten Fotografie und Film, ohne dass ein Publikum bei dem Ereignis anwesend gewesen sein muss. Worin liegt der Unterschied zwischen den seit einem Jahrhundert beliebten Tierporträts, die deren „Seele“ sichtbar machen sollen, und den anderen Tieraufnahmen, die durch irgendeinen Eingriff zu künstlerischen Fotos werden? Bei Filmen wirkt die maßgebliche Unterscheidung ein wenig angestrengt. Entscheidend ist, ob KünstlerInnen Filme als Filme oder für ihre Kunst produzieren. Wenn z.B. Rebecca Horn in ihren Filmen „La Ferdinanda“ oder „Buster Keaton“ Schmetterlinge, Schlangen und Pfauen einsetzt, dann ist dies für unseren Zusammenhang weniger relevant als die geschmückten Tiere von Ulrike Ottinger, oder gar jene von Diana Thater, die das Rohmaterial für ihre Video-Projektions-Installationen bilden. Wenn jemand die lebenden Tiere in Filmen und im Theater nicht für die bildende Kunst braucht, dann spielen sie logischerweise in dieser keine Rolle.

Teil 1, Band 174

Einleitung: Stadien der Lebendigkeit

(Kunst- und Wunderkammern, biologische Wende um 1900)

I Der Beginn: Eine kurze Chronologie der 60er Jahre

(Carolee Schneemann, Robert Rauschenberg, Richard Serra, Hans Haacke, Luis Benedit, Timm Ulrichs, Iannis Kounellis, Yayoi Kusama)

II Der soziale Raum in den 70er Jahren

(Joseph Beuys, Wolf Vostell, Dennis Oppenheim, Richard Kriesche, Mark Thompson, Mike Kelly, Marina Abramovic, Rose Finn – Kelcey, Les Levine, Antonio Paradiso, Menashe Kadishman)

III Das Tier als Readymade

(Hubert Duprat, Jean-Luc Mylayne, Carsten Höller und Rosemarie Trockel, Braco Dimitrijevic, Gloria Friedmann)

IV Kunst als Naturprodukt.Theorie diesseits der großen Synthese.

(Paul Feyerabend, Rosalind Coward, Horst Bredekamp, Thomas Grünfeld, Edward O. Wilson, Franz M. Wuketits)

V Die alte und die neue Natur. Kunst als Forschung

(Damien Hirst, Mark Dion, SymbioticA, Eduardo Kac, Andrea Zittel, Koen Vanmechelen)

VI Erscheinen und Verschwinden. Metaphern des Scheiterns

(Maurizio Cattelan, Liza May Post, Anri Sala, Peng Hung-Chih, Bruce Nauman, Tue Greenfort, Andreas Slominski)

Teil II, Band 175

VII Vom Überleben der Tiere. Fragen des Tierschutzes

(Christiane Möbus, Ayse Erkmen, J. M. Coetzee, Siglinde Kallnbach, Raphael Montanez Ortiz, Vito Acconci, Simon Starling, Henning Christiansen, Tom Marioni, Terry Allen, Gia Edzgveradze, Ernst Caramelle, Peter Herbstreuth, Michael Elmgreen und Ingar Dragset, Hermann Nitsch, Peter Aschwanden, Terry Fox, Marco Evaristti, Rodney Graham, Marcel Broodthaers, Wim Delvoye, Huang Yong Ping, Lois Weinberger)

VIII Metamorphosen der Wahrnehmung. Tiere als Künstler

(Heather Busch – Burton Silver, Vitaly Komar & Alexander Melamid, William Kentridge, Yukinori Yanagi, Liang Shaoji, Sophie an der Brügge und Ralph Lieberknecht, Arnulf Rainer, Cornelius Kolig, Olly und Suzi)

IX Fremde Menschen – Vertraute Tiere

(Zhang Huan, William Wegman)

X Das Tier im Menschen -was sind Taubstumme und Neger?

(Adalbert Stifter, Adalbert Wichert, Julien Offray de La Mettrie, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Joseph Arthur Comte de Gobineau, Alois Brandstetter, Karl Christian, Jan van Kessel, inatura, Hiroshi Sugimoto, Frank Noelker, Candida Höfer, Lothar Baumgarten, Marie José Burki, Konrad Lorenz, Remo Campopiano, Frank Noelker, Giorgio Agamben)

XI . Bedeutungslehren

(Jakob von Uexküll, Ludwig Wittgenstein, Erwin Panofsky, Carsten Höller, Rupert Sheldrake)

XII. Noch ein paar naive oder falsche Fragen zu den Grenzen der Kunstgattungen

(Jan Fabre, Rebecca Horn, Bartabas, Diana Thater, Yvonne Trapp, Ingeborg Strobl – Friederike Spitzenberger – Birgit Flos)

Das Künstlerarchiv

von Thomas Zaunschirm

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