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Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 19 - 25
Fragen zur Zeit , 2014

Michael Hübl
Langzeitwirkungen

Radioaktive Malerei, die Schweiz, die Kykladen und ein verfehltes Vergil-Zitat

Wenn Zukunftseuphorie einmal so richtig Fahrt aufgenommen hat, dann scheint sie durch nichts zu bremsen zu sein. Dann rast sie weiter wie der „Edinburger Zug“ in Theodor Fontanes Ballade von der „Brück’ am Tay“. Oft löscht erst ein unerwartetes Ereignis (es muss nicht immer ein Unglück sein) die Hitze des Überschwangs und führt zu einer rational-analytischen Beurteilung der Möglichkeiten, die hinter einer naturwissenschaftliche Entdeckung oder technologischen Erfindung stehen. Nachdem etwa Marie und Pierre Curie im Dezember 1898 das chemische Element Radium entdeckt hatten, dauerte es nicht lange, bis der strahlungsaktive Stoff zu einem präsumtiven Wundermittel avancierte. Im böhmischen Joachimsthal, von wo die Pechblende stammte, mit der das Ehepaar Curie gearbeitet hatte, wurde das Forschungsergebnis rasch ökonomisch nutzbar gemacht. Der Ort erfuhr 2011 schlagartig erhöhte Aufmerksamkeit, als unter seinem tschechischen Namen ein Roman von Josef Haslinger erschien: „Jáchymov“ 1 betitelte der österreichische Autor seine literarische Darstellung der staatlich sanktionierten Verbrechen, die in der von der Sowjetunion (UdSSR) kontrollierten jungen Tschecho-Slowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) an Tausenden Zwangsarbeitern verübt worden waren. In der Frühzeit des Kalten Krieges mussten Deutsche, später mehr und mehr auch Tschechen, unter erbärmlichsten Bedingungen in den Joachimsthaler Stollen Uran abbauen, wo sie ungeschützt starker radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren2.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Dosierung noch kein Thema war, genoss Radioaktivität das unschuldige Ansehen des Neuen. Sie galt als eine Art Zauberkraft, der man erstaunliche medizinische und kosmetische Effekte zutraute. Und so erhielt Joachimsthal/ Jáchymov, wo 1906 das weltweit erste Radium-Heilbad eröffnet worden war, nicht nur Konkurrenz durch Kurorte wie Bad Kreuznach, Oberschlema oder Bad Brambach, sondern es kamen auch radioaktive Kompressen, Crèmes, Pastillen, selbst Präservative, Hüftgürtel, Unterwäsche auf den Markt, die gegen Arthritis, Rheuma, Neuralgie, Tuberkulose, Hämorriden helfen oder doch wenigstens einen jugendlichen Teint konservieren sollten3. Radium-, respektive radonhaltiges Mineralwasser (in der Terminologie wurde da nicht immer scharf unterschieden) fand überzeugte Abnehmer, und die Uhrenindustrie erkannte, dass sie mit Hilfe der strahlenden Materie ihre Produkte attraktiver machen konnte.

Die Ziffernblätter der Uhren sollten künftig auch nachts leuchten. Zu diesem Zweck ließ man mit phosphoreszierender Farbe Markierungen auftragen. Derlei diffizile Tätigkeiten wurden (und werden) gerne Frauen überlassen, nicht zuletzt auf der sächsischen Seite des Erzgebirges, wo sie seit Generationen mit dünnem Pinsel lackierte Holzfigürchen verzieren, einen gedrechselten Bergmann mit Augen versehen, Bübchen Mündchen aufmalen, stilisierte Engelsflügel mit Punkten übersäen. Diese weiblichen Fertigkeiten wurden auch in den USA genutzt, die ja, nebenbei bemerkt, durch die Etymologie ihrer Währungsbezeichnung eine besondere Beziehung zu Jáchymov aufweisen – der Name ‚Dollar‘ leitet sich ab von ,(Joachims)Thaler‘. In den Vereinigten Staaten stand allerdings nicht die Fertigung von Kleinspielzeugen auf dem Plan. Es ging um die Modernisierung chronometrischer Konsumartikel. Die Fabriken der Uhrenhersteller wurden zu Malersälen, zu Hallen der Mundmalerei. Denn die Frauen, die dort im Akkord produzierten, tauchten die Pinsel zum einen in eine Farbmasse, die radioaktiv war. Zum anderen nahmen sie sie zwischen ihre feuchten Lippen, damit die Pinselspitze recht fein würde und ein makellos strahlender Punkt oder Strich auf das Ziffernblatt gelangt. 4

Die Arbeiterinnen, die teilweise schwere Gesundheitsschäden davontrugen, gingen als ‚Radium Girls‘5 in die Geschichte ein. Ein erledigter Fall aus der Frühzeit eines mit forscher Naivität forcierten Fortschrittsglaubens. So schien es bislang. Aber strahlungsaktive Substanzen wurden nicht nur in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und nicht allein in der amerikanischen Industrie, sondern auch in den Hochburgen der Zeitmessermanufakturen verwendet. Zumal in Biel/ Bienne, Stammsitz einiger der weltweit berühmtesten und umsatzstärksten Uhrenmarken. Nur, dass man im Schweizer Jura zumindest mit den Resten des giftigen Leuchtstoffs überaus diskret verfuhr: Man verscharrte sie. Bis Ende 2012 bei Autobahnbauarbeiten Fässer mit kontaminierten Farbresten gefunden wurden. Jetzt versuchten es die zuständigen Behörden mit dezenter Informationsnoblesse. Sie blieben still und hielten sich bedeckt. Aber dann erschien ein Presseartikel, und man stellte um auf bekennende Reue. Seitens des Schweizer Bundesamts für Gesundheit (BGA) hieß es jetzt, dass „die betroffene Bevölkerung nicht proaktiv informiert worden sei, sei ein Fehler.“6

Der Modebegriff ‚proaktiv‘ in diesem Zusammenhang ist bemerkenswert. Er wirkt wie ein gallertartiges Amalgam aus Konnotation, die irgendwo zwischen ‚Manager-Seminar‘, ‚Wellness-Wochenende‘ und ‚Joghurt-Kulturen‘ wabern und womöglich suggerieren sollen, Proaktivität sei das Antidot zu Radioaktivität. Wären da nicht die Bemühungen um Aufklärung, fast müsste man fürchten, die Schweiz sei ein Hort undurchsichtiger Machenschaften und ihrer Vertuschung. Etwa so, wie sich das – lediglich bezogen auf das Geschäft mit Antiquitäten – als subkutane Botschaft aus den offiziellen Darstellungen einer politischen Goodwill-Aktion herauslesen ließ, die beinahe zeitgleich zu den Bieler Enthüllungen stattfand. Im Juni 2014 überbrachte der Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, Jürgen Walter, dem Nationalmuseum in Athen zwei Objekte der Kykladen-Kultur; das 88,8 Zentimeter hohe weibliche Idol und die spiralig dekorierte Schiefer-Schale hatte das Badische Landesmuseum 1975 erworben, und zwar aus dem Schweizer Kunsthandel. Wie die beiden Stücke dorthin kamen, ist offenbar nicht dokumentiert, jedenfalls heißt es in einer ministeriellen Mitteilung, sie seien „mutmaßlich als Ergebnis illegaler Auftragsgrabungen, so genannter Raubgrabungen, auf eher dubiosen Wegen nach Deutschland gelangt“7.

Die Schweiz ein Pfuhl des Dubiosen, ein Reservat des Vertuschens und der unredlichen Verdunkelungen? Zu diesem Schluss könnte man gelangen, wenn man Fall 1 und Fall 2 zusammenrechnet, die sich zwar in ihrer materiellen Grundlage ebenso wie in ihren medizinischen, sozialen und politischen Auswirkungen unterscheiden, nicht aber was die Zurückhaltung in punkto Transparenz angeht. Vor dieser Folie erhält die Restitution der Artefakte aus der Bronzezeit gleichsam die Aura einer edlen, selbstlosen Tat. Zumal, wie ausdrücklich betont wird, keinerlei rechtliche Verpflichtung bestanden hatte. Zum Zeitpunkt der Akquisition hatten weder Griechenland, noch die Bundesrepublik Deutschland das Washingtoner Abkommen ratifiziert, in dem sich die Unterzeichner verpflichten, Objekte mit dem Status ‚Kulturgut‘ an den ursprünglichen Eigentümer zurückzugeben, sobald sich herausstellt, dass sie unrechtmäßig erworben wurden. Aber selbst wenn man diesen – vielleicht nur formaljuristischen – Aspekt außer Acht lässt, bleibt der von ostentativem Edelmut beflügelte Akt mit einigen Fragen und Zweifeln behaftet.

Fragen und Zweifel: Das ist das entscheidende Begriffspaar in der gegenwärtig für viele Museen virulenten Restitutionsproblematik, die, wie es aussieht, mehr und mehr Bereiche öffentlichen und privaten Sammelns erfasst. Erst wenn alle diffusen Eventualitäten ausgeräumt und sämtliche Vermutungen durch Fakten untermauert sind, sollte es zu einem abschließenden Urteil darüber kommen, wem ein Stück tatsächlich gehört. Bei den Kykladen-Objekten aus (nunmehr ehemals) baden-württembergischen Besitz, die jetzt dem griechischen Staat übereignet wurden, liegt eine lückenlose Beweiskette offenkundig nicht vor; man beruft sich darauf, dass es in der Natur der Sache liege, wenn einschlägige Unterlagen und Papiere fehlten: Raubgräber, Plünderer archäologischer Stätten und deren Hehler stellten gemeinhin keine Quittungen aus. Im übrigen habe der seinerzeit zuständige Hauptkonservator des Badischen Landesmuseums, Jürgen Thimme (ein höchst penibler Wissenschaftler) wissen müssen, dass Gegenstände von der Qualität des Marmor-Idols und der Schiefer-Schale nur aus trüben Quellen stammen können. Angenommen, all das würde stimmen: Selbst dann hätte man doch gerne mehr erfahren, wie dass denn genau lief, damals in den 1970er-Jahren – auch und zumal auf Seiten des Staates Griechenland, in dem sieben Jahre lang, bis zum 23. Juli 1974, eine Militär-Junta ihre diktatorische Macht ausübte.

Weil aber der gesamte Restitutionsvorgang unter dem Signum „mutmaßlich“8 durchexerziert wurde, mag er zwar moralisch auf das Schönste und Großmütigste begründet sein, methodisch hat er seine Tücken. Wenn in Zweifelsfällen am Ende die politische Opportunität den Ausschlag gibt, könnten Museen sogar in solchen Fällen ins Hintertreffen geraten, wenn das Recht auf ihrer Seite ist, ihnen aber weder genügend Zeit noch Forschungskapazität zur Verfügung stehen, um die nötigen Nachweise zu erbringen. Derweil feilen die jeweiligen Ministerien an unterschriftsreifen Verträgen, auf dass ein Regierungsmitglied mit einem ähnlichen Gebergestus auftreten kann wie etwa der Rock-Star Phil Collins: Der ließ sich laut International New York Times Ende Juni 2014, rund zwei Wochen nach dem Athener Übergabe-Akt, nach Alamo im Süden der USA fliegen, um einem Vertreter des Staates Texas ein Gewehr, Pistolen, Kanonenkugeln und andere Memorabilia auszuhändigen9, darunter rostige Eisenstücke, zu denen die Verteidiger der Missionsstation vor 178 Jahren griffen, nachdem ihnen die reguläre Munition ausgegangen war. Collins ist ein passionierter Sammler von Relikten, die im Zusammenhang stehen mit dem mythenschweren Kampf zwischen US-Amerikanern und Mexikanern. Dem Zeitungsbericht zufolge bewahrt er sie alle in seinem Haus auf. Und das steht wo? In der Schweiz. Kein Grund zu Spekulationen: Noch im Laufe dieses Jahres soll das historische Material in Container gepackt, auf Collins‘ Kosten verschifft und dem texanischen Staat überlassen werden.

Was bewirkt der Sänger und Drummer der Gruppe ‚Genesis‘ mit seiner generösen Gabe? Er liefert Stoff zu einer weiteren Verklärung von Ereignissen, die zu den Konstituenten des nationalen Selbstverständnisses der Vereinigten Staaten zählen. Alamo: die Helden, die Heroen, die ausharren bis zum letzten Mann. Das steht von den beiden kykladischen Gegenständen, die jetzt in Athen museale Unterkunft gefunden haben, nicht zu erwarten. Sie sind dort fortan eingegliedert in die Sammlungsbestände, und allenfalls können sich die zuständigen Stellen damit brüsten, einen über Jahrzehnte schwelenden Streit zu ihren Gunsten entschieden zu haben. Was sie mit Alamo verbindet, ist die nationalistische Tendenz. Bei Collins steckt sie im Thema, dem er sich widmet. Bei der Übergabe der beiden Objekte manifestiert sie sich darin, dass sie dem Grundsatz folgt, was aus griechischem Boden stammt, gehört zurück auf griechischen Boden. Sicher, hinter dem Vorgang stehen pädagogische Intentionen: Die Museumswelt soll lernen, dass der Ankauf von Werken ohne restlos belegte einwandfreie Provenienz nicht lohnt. Doch wenn man nun schon nach allen Mutmaßungen und Abwägungen zu dem Befund gekommen ist, der Erwerb der Kykladen-Objekte sei nicht rechtens gewesen, dann hätten doch beide Seiten mehr zivilisatorischen Weitblick beweisen und sich auf eine Kompensation einigen können, die beflügelt ist von einer gesamteuropäischen Idee, stimuliert von dem Bedürfnis, andere Kulturen – ob innerhalb oder außerhalb Europas – gleichberechtigt mit all ihren Differenzen und Fremdheiten kennenzulernen, getragen von Neugier und Respekt. Im konkreten Fall wäre denkbar gewesen, zum Ausgleich dafür, dass das Idol und die Schale in einem deutschen Museum bleiben, in Athen einen Museumsraum mit einigen Figuren, Gedenksteinen, Münzen aus den germanischen Provinzen des Imperium Romanum auszustatten und damit vor Augen zu führen, wie sich die – aus antiker Sicht – weltweit prägende griechisch-römische Bild- und Gedankenwelt in Regionen darstellte, die heute als Deutschland bekannt sind. Oder wie wäre es gewesen, der Republik Griechenland ein Werk von Oskar Schlemmer zu überlassen? Dann hätte man dem Museumspublikum einen Eindruck davon vermitteln können, warum die lange als ‚primitiv‘ herabgewürdigte Kykladen-Kulturen von der Moderne so geschätzt wurde: Weil sie in ihr eine ästhetisch verdichtete Einfachheit entdeckte, nach der sie selbst suchte.

Aber vielleicht sind das irgendwann ohnehin keine Themen mehr. Die Hoch-Zeit gesteigerten Interesses an der Antike liegt weit zurück. Die Unbefangenheit, mit der sich Literaten, Künstler, Altertumsforscher im 18. und 19. Jahrhundert auf sie stürzten, ist verloren, ihr Ansehen durch faschistische Regimes, die sie als Pseudomodell missbrauchten, beschmutzt. Heute bedient man sich der kulturellen Hinterlassenschaften von Athen, Sparta oder Rom, wenn Hollywood wieder einmal Stoff für einen cineastischen Historienschinken benötigt, oder wenn etwa eine Gedenkstätte durch ein klassisches Zitat geadelt werden soll. Wie das ‚National September 11 Memorial Museum‘ in New York. Dort wurde zu Ehren der Opfer des Attentats auf das World Trade Center eine Inschrift angebracht, für die man auf die „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil zurückgriff. Mit Lettern aus dem Stahl der zerstörten Twin Towers wurde auf eine mit Granit verkleidete Wand die Botschaft montiert: „No day shall erase you from the memory of time.“10 Prompt meldete sich Widerspruch gegen diesen Satz. Wer den Erzählzusammenhang kennt, in dem er bei Vergil steht, der musste das Zitat mit Beklemmung lesen. Denn das ewige Gedenken, das der Dichter verspricht, gilt den trojanischen Kriegern Nisus und Euryalus, die sich dadurch hervortaten, dass sie ihre Feinde im Schlaf überfielen und unter ihnen ein Blutbad anrichteten. Ähnlich wie Radioaktivität haben Texte oft länger anhaltende Effekte, als mancher wahrhaben will.

ANMERKUNGEN:
1 Josef Haslinger: Jáchymov. Roman. Frankfurt am Main 2011
2 zu den Vorgängen ist eine Reihe von Veröffentlichungen erschienen, u.a. Otfrid Pustejovsky: Stalins Bombe und die „Hölle von Joachimsthal“. Uranbergbau und Zwangsarbeit in der Tschechoslowakei nach 1945. Berlin/ Münster 2009
3 reichliches Bildmaterial von radioaktiven Produkten enthält die Website http://www.dissident-media.org/infonucleaire/radieux.html, zuletzt aufgerufen 15. Juni 2014
4 eine erste Einführung in das Schicksal de Frauen gibt Denise Grady: A Glow in the Dark, and a Lesson in Scientific Peril, New York Times, 6. Oktober 1998, http://www.nytimes.com/1998/10/06/science/a-glow-in-the-dark-and-a-lesson-in-scientific-peril.html?pagewanted=all
5 eine ausführliche Darstellung gibt Claudia Clark: Radium Girls. Women and Health Reform, 1910-1935. Chapel Hill/ London 1997
6 s. Andrea Kucera: Die Stadt Biel geht in die Offensive, Neue Zürcher Zeitung, 2. Juni 2014, http://www.nzz.ch/ aktuell/schweiz/behoerden-geben-fehler-zu-1.18314259, zuletzt aufgerufen 18. Juni 2014
7 http://mwk.baden-wuerttemberg.de/service/pressemitteilungen/presse-detailseite/rueckgabe-von-raubgrabkunst-an-griechenland/, zuletzt aufgerufen 18. Juni 2014
8 s. Anm.7
9 Manny Fernandez: 178 years after battle, Briton replenishes Alamo, in: International New York Times, 28.-29. Juni 2014, S. 6
10 zu dem gesamten Vorgang s. Andrea Köhler: Ohne Kontext, in: Neue Zürcher Zeitung, 20. Mai 2014, S. 14