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Titel: Die Zukunft des Körpers II · von Hinderk M. Emrich · S. 184 - 187
Titel: Die Zukunft des Körpers II , 1996

HINDERK M. EMRICH

Mind and it’s body –
das Hirn und sein Leib

1.0

Menschen, wenn immer sie über sich selbst, über ihre geistige Seele oder ihre mentalen Sphären, verfügen – im Traum tun sie das auf andere Weise -, verfügen sie über sich unter der – oder einer hiervon abgeleiteten – Perspektive des Leibes, einer Kompaktheit des Leiblichen, die im Begriff von „Körper“ nur unvollkommen wiedergegeben ist. Kompaktheit ist das der Spontaneität der Sensomotorik gegenüber sich widerständig Verhaltende. Wenn der Philosoph J.G. Fichte Außenrealität als „Widerständigkeit“ erläutert, so meint dies den auch von dem Neurophysiologen Donald MacKay naturwissenschaftlich begründeten Tatbestand, daß auf Erfahrung und Handlung ausgehende Spontaneität jeweils auf Grenzen stößt, auf Limitationen, die aufgrund der stets im Bewußtseinsstrom mitlaufenden Verdinglichungsprogramme in die interne Konstruktion von „Körperhaftigkeit“ umgesetzt werden. Bei Fichte geht es dabei letztlich um das sich Selbstsetzen von Subjektivität als Freiheit, woraus sich die Kompaktheiten von Weltwirklichkeit manifestieren und formen; in der Neurobiologie geht es um interne Repräsentationen von Differenzen zwischen Wirklichkeitsoptionen und den real auftretenden Sinnesdaten, aufgrund derer Außenrealität repräsentiert wird. Dies erläutert, inwiefern in der Philosophie Kants davon gesprochen werden kann, Räumlichkeit sei eine „Anschauungsform“ und in welcher Weise Subjekte ihre Wahrnehmungsgehalte stets „verräumlichen“ und „verzeitlichen“. Insofern ist die Körperhaftigkeit des Leibes etwas, was wir im Vollzuge unseres Selbstseins erschließen: mind finds its body; d.h. auch das Hirn wird von Subjekten gewußt als eines, das einem Leib innewohnt.

2.0

Körperhaftigkeit, in dieser Weise abgeleitet, hat nun allerdings viel mit dem Modus intermodaler Integration in der Wahrnehmung zu tun. Es ist nicht eine einzelne Wahrnehmungsmodalität, die die Körperhaftigkeit subjektiver Erfahrung fundiert; vielmehr sind gerade die wechselseitigen Bezüge zwischen verschiedenen Wahrnehmungsqualitäten, die intern verrechnet und integriert werden, ausschlaggebend dafür, daß Objekte in der Weise konstruiert und repräsentiert werden können, daß sie als räumlich ausgedehnte in sich einheitlich erscheinen. Es ist ja keineswegs so, daß man, wenn man z.B. ein Kind mit einem roten Schal sieht, sich dann vergegenwärtigen muß: Da ist jemand, der ist ein Kind, mit einem Schal, und außerdem ist dieser auch noch rot, sondern man sieht dies als „synthetische Einheit“. Intermodale Integration zwischen verschiedenen Sinneskanälen ist somit ein zentrales Konstituens für Erschließungsprozesse von Weltwirklichkeit, gerade auch in deren Kompaktheit als „Körper“, als räumliche Gebilde, als „Identitäten“, die feststellbar sind. Diese Erschließungsprozesse aber unterliegen Wandlungen, Veränderungen in Richtung auf Erlebnisse der Abnormität, wie z.B. der Fieberkranke sie erlebt, wenn ihm plötzlich ein Arm, eine Hand oder ein anderer Körperteil riesengroß, der übrige Körper aber winzig klein erscheint.

Solche Erlebnisse gibt es auch unter psychedelischen Drogenwirkungen wie von Haschisch, Meskalin und anderen bewußtseinsverändernden Substanzen; man kann dies aber auch unter den Bedingungen der Reizdeprivation in sogenannten „Tank“-Experimenten, wie J.C. Lilly sie durchgeführt hat, nachweisen. In diesen Tanks, in denen die Versuchspersonen in einer gewärmten Salzlösung gewissermaßen schwerelos schweben und von visuellen und akustischen Reizen freigehalten werden, erleben die Probanden eine Art von Körperlosigkeit, die sehr bald dazu führt, daß die mentale Sphäre sich nicht nur „entleiblicht“, sondern auch entpersonalisiert. So heißt es in dem Buch von Lilly „Das tiefe Selbst“: „Aus dem Inneren kommt Musik. Mit den inneren Klängen kommen andere Wahrnehmungen auf. Ich höre Hunde bellen, Lieder, die mal im Radio gespielt wurden, Leute, die lachen und allerhand Radau machen. Ich schrecke auf, versuche, mit geschlossenen und geöffneten Augen zu experimentieren. Kein Unterschied. Ich lasse die Augen geöffnet … Keine Gelegenheit, zwischen Traum und Realität im Tank zu unterscheiden. Bin ich hier, oder bin ich dort?“

Der Nobelpreisträger für Physik, Richard Feynman, hat in seinem Buch „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!“ ähnliche Tankerlebnisse beschrieben: „Irgendwann, im Laufe der Übung, bemerkte ich plötzlich – es ist schwer zu erklären – , daß ich etwas daneben war …: Mein Ich war ein bißchen seitlich verschoben, um ein paar Zentimeter. Als ich ein andermal im Tank war, beschloß ich, wenn ich mich bis zu meinen Lenden bewegen konnte, müßte ich es auch schaffen, ganz aus meinem Körper hinauszukommen. Auf diese Weise brachte ich es fertig, ’neben mir zu sitzen‘ … Das Gefühl in meinen Fingern und alles andere war genau wie sonst, bloß daß mein Ich draußen saß und das alles ‚beobachtete‘.“

Auf diese Weise ist erkennbar, daß es auf rein psychische Weise gelingen kann, sich den eigenen internen „Verdinglichungsprogrammen“ weitgehend zu entziehen, wie es verschiedene Meditationstechniken, z.B. streng ritualisierte yogische Verfahren bzw. transzendentale Meditation, zu leisten in der Lage sind. So sagt der Schweizer Psychoanalytiker Hermann Maas in seinem Buch „Wachträume“ zu Beginn: „Noch nie war der Umfang des Bewußtseins der Menschen so groß wie in unserer Zeit, doch zugleich war das Bewußtsein noch nie so vollständig vom unbewußten Urgrund der Psyche abgetrennt wie heute.“ Um zu erläutern, was hier gemeint ist, mag ein meditatives Stimmungsbild zur Illustration dienen.

Das meditative Sein (Marita M. Pleyer):

»Da der Himmel noch nicht aufgegangen ist,

halte ich mich mehr in den grasigen Gefilden auf.

Es ist dort üppig und sehr verschlungen,

aber wenn man wach ist, kann man auch einen großen weißen See finden,

und wenn noch eine Perle unter der Wimper klebt,

so lasse ich sie hineinfallen und warte, bis das Wasser ganz silbern glänzt.

Dann weiß ich, daß ich in dem Mantel eingehüllt verschwunden und doch – bin – .

Wenn ich dann dort bin, erfahre ich von einem goldenen Teich.

Das Wasser liegt wie in einem Kelch,

eingehüllt von gläsernen Wänden und ganz – ruhig – .

Bewegung im Rhythmus

Nichts ist jedoch zu sehen

Atem trägt die Stimme des Wassers

manchmal können wir sie hören

kein Fassen – kein Halten

Ein Hauch – Vielleicht ein Schauen?

Ein Berühren – ein Gedanke – ein Wort – Ein Bereitsein –

– Bleibt -«

Geht man einmal von derartigen tagtraumartigen Meditationsbildern aus, dann stellt sich die Frage, warum unser konkretes Leben in einer so „entfremdeten“ Weise hiervon weit entfernt zu sein scheint. Bei der Tagtraumarbeit geht es darum, Impulse zu geben, Impulse in dem Sinne, daß zu dieser Entfremdung ein Gegengewicht entsteht. Dies bedeutet, eine andere Perspektive in das eigene Leben zu bringen, sich zu fragen, was mache ich aus meiner inneren Lebenswirklichkeit. So gefragt hat z.B. der konstruktivistisch arbeitende Psychotherapeut Watzlawick in seinem bekannt gewordenen Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“. Er trägt hier eine Theorie vor, die gespeist ist von der Frage: Ist die Wirklichkeit etwas, was wir einfach nur von außen abtasten können wie ein Computer, wie eine mit einer Videokamera ausgestattete Maschine ein Werkstück untersucht, oder ist Wirklichkeit etwas, das wir intern in uns erzeugen, das wir kreativ in uns erschaffen, wobei dies gedanklich eine Richtungsumkehr bedeutet? In dieser Auffassung ist nicht die äußere Welt das Dominierende, sondern das Subjekt gestaltet mit seiner wirklichkeitserzeugenden kreativen seelischen Macht, die von innen nach außen gerichtet ist, sein Leben. Diese Richtungsumkehr scheint wichtig zu sein, nicht nur für psychotherapeutische und philosophische Konzeptionen, sondern sie ist auch bedeutungsvoll für unseren Lebensstil, weil Menschen dann nicht mehr ausschließlich Opfer und Objekte einer Wirklichkeit und einer Welt sind, der sie ausgeliefert sind, sondern sie sind Subjekte, die sich als diejenigen, die sie sind – vom Traum und von ihren Imaginationen her – als wirklichkeitserzeugend auffassen.

Will man solche Erfahrungen systematischer in sich wachrufen, so bietet sich z.B. folgende Methodik der Heilmeditation (nach Jogananda) an.

Vorbereitung im Sitzen:

1) Setzt euch mit dem Gesicht nach Norden oder Osten auf einen Stuhl (gerader Stuhl), über den eine Decke ausgebreitet ist. (Die linke Hand ruht in der rechten, oder auf den Knien.)

2) Die Augen sind geschlossen/Konzentration auf das verlängerte Mark. Wirbelsäule – gerade halten/Brustkorb ist vorgewölbt/Unterleib ist flach/Atem: 3x tief ein und aus.

3) Den Körper entspannen/unbeweglich sitzenbleiben. Verbannt alle ruhelosen Gedanken und zieht die Aufmerksamkeit von allen körperlichen Empfindungen zurück (Hitze, Kälte, Geräusche …)

4) Nicht an sofort ‚Erreichenwollen‘ denken.

5) Werft Angst, Zweifel und Sorgen beiseite. Seid innerlich ruhig und vertraut auf die Wirksamkeit der Gesetze. Glaube und Konzentration ermöglichen es dem Gesetz, ungehindert zu wirken.

Tagträume sind übrigens viel häufiger, als wir allgemein anzunehmen bereit sind. Man kann annehmen, daß viele Menschen dann, wenn sie Tagträume haben, das im Grunde nicht wissen. Fährt man z.B. mit der U-Bahn und ist so in Gedanken und schaut sich irgendeinen Menschen an, dann fragt man sich oft unwillkürlich, an was oder wen erinnert der mich eigentlich, und dann fallen einem alle möglichen Geschichten ein, und plötzlich ist man bei irgendeiner Begebenheit von vor zwanzig Jahren. Dann muß man vielleicht plötzlich wieder aus der U-Bahn aussteigen und das, was vorher eigentlich da gewesen ist, war in Wirklichkeit ein Tagtraum, und es mag sogar sehr wichtig für das eigene Leben sein, diesen Traum gehabt zu haben, aber man weiß es vielleicht gar nicht.

Tagtraum (Marita M. Pleyer):

»Felsen, die Gesichter haben,

lösen sich in Tränen auf.

Von unten aus der Höhle schauen wir

durch unseren eigenen Schlund

zu einem Licht (Öffnung) hinauf.

Öffnung, die von Mal zu Mal zunimmt, – sich weitet.

Es schweben mir noch nicht erkennbare Gestalten (ohne Farbe) entgegen,

die sich dann auflösen, die Öffnung wird dadurch weiter, – klarer, –

ein ganz zartes Lila strahlt zu mir in die Höhle.

Erkennbar ist jetzt, daß ich, verschlungen in Pflanzen (jetzt noch ohne Farbe),

mich in der Höhle befinde und mein Augenmerk auf die Öffnung gerichtet ist.

Ich werde von dem Licht „Lila“ immer kräftiger, immer stärker,

im Wechsel mit dem intensivsten ‚Grün‘, das ich je sah, mit eingenommen, – aufgefangen.

Die Farben: Grün und Lila haben sich miteinander verbunden,

zu einer sich immer in Bewegung befindenden Kugel,

in der ich, angefaßt wie von einem Magneten (Erscheinung wie aus Glas),

in einer Geschwindigkeit, die weder beschreibbar, noch faßbar ist, getrieben bin

(evtl. eine Art von: Strömen, keine Funken, Blitze, geben mir ein Zeichen des ‚Faßbaren‘ – auch zeitlich).

Mein Körper ist irgendwie nicht mehr vorhanden.

Meine Umgebung tritt in den Hintergrund (wurde jedoch noch wahrgenommen).

Doch irgendwie existiert sie nicht mehr für mich; d.h. sie war existent,

aber mein Bewußtsein befand sich ausschließlich nicht in ihr,

sondern war in die Bewegung der Pflanze übergegangen.

Als mein Bewußtsein anfing, die Handlung aufzuzeichnen, zu halten, sie in Besitz nehmen zu wollen,

wurden die Farben immer schwächer, – ich sah mich von ihnen losgelöst,

die Weite nahm ab, eine Öffnung war immer wieder erkennbar, begreifbar,

noch einmal zeigten sich mir die Farben in ihrer vollsten Pracht – abnehmend – zunehmend, –

beschreibbar wie in Zeitlupe, aber mit einer immensen Geschwindigkeit,

die zwar spürbar, aber nicht sichtbar ist (nicht faßbar nach unserem Ermessen).

Graue Nebelgestalten tauchen wieder auf, – grau, – dann alles dunkel.

ERWACHEN.«

3.0

Eine andere Art der Veränderung der Erschließungsmodi von Außenrealität ergibt sich im Rahmen von Erfahrungen der „Synästhesie“. Phänomenologisch betrachtet, liegt bei Menschen mit der Fähigkeit zur Synästhesie eine besondere Weise des „In-der-Welt-Seins“ vor. Ihnen gelingt es, Vorgänge, die andere Menschen nur in einer einzigen Sinnesmodalität wahrnehmen, gleichzeitig in zwei Sinneskanälen zu erleben. So können Menschen bei Geruchswahrnehmungen Hautgefühle haben oder „Töne schmecken“. Die weitaus häufigste Erfahrung von Synästhetikern ist allerdings die, daß akustische Reize visuell wahrgenommen werden, d.h., daß Wörter oder Zahlen, die gehört, gedacht oder auch gelesen werden, gleichzeitig als Farben bzw. auch als geometrisch geformte Farbflächen auf einem zusätzlichen internen „Monitor“, vor einem zusätzlichen inneren Auge erscheinen. Hierbei lassen sich offenbar zwei Synästhesie-Formen unterscheiden: solche Synästhesie-Erlebnisse, bei denen sich eine strikte, gewissermaßen „lexikalische“ Zuordnung zwischen Buchstaben und Zahlen einerseits und Farben bzw. farbigen Formen andererseits erkennen läßt, und solche Wahrnehmungen, bei denen der zusätzliche visuelle Wahrnehmungsgehalt vorwiegend Gefühle, Bewertungen, subjektive Gestimmtheiten etc. zur Darstellung bringt. Die Erlebnisweisen des ersten Typus gehen offenbar auf eine ganz strikte, „neurobiologisch fixierte“ Koppelung zwischen den akustisch wahrgenommenen Symbolen und dem visuellen Erlebnis zurück, während man die Wahrnehmungen der zweiten Art eher als besonders starke Ausprägungen einer visuellen Imaginationskraft im Hinblick auf Gestimmtheiten im Selbst- und Weltverhältnis interpretieren kann.

Im Rahmen einer beginnenden explorativen Studie über derartige Phänomene an 11 Frauen und 2 Männern, wurde gefunden, daß zum Typ 1) 6 Probanden und zum Typ 2) 5 Probanden gehörten, wobei in einigen Fällen erhebliche Überlappungen zwischen den beiden Typen vorkamen. Besonders auffällig war, daß in einigen Fällen beim Vorliegen von Typ 2) extrem ausgeprägte mediale Fähigkeiten bis hin zu Telepathie, Wahrträumen und lebhaften Imaginationen (auch tagsüber) berichtet wurden. Auffällig bei diesen Menschen war auch, daß sie häufig ein fast völlig angstfreies In-der-Welt-Sein beschrieben und daß es ihnen offenbar gelang, durch die zusätzliche synästhetisch bedingte Sinneswahrnehmung einen stärkeren inneren Halt, eine innere „Verankerung“ im Selbst zu erleben, aus der sich seelische Stabilität und so etwas wie „Seinsgewißheit“ ergab. Man könnte dies mit einer Art von „Entabstrahierung“ von Leben erläutern, als eine Überführung in die Konkretheit unmittelbarer Leiberfahrung. Es geht dabei um eine Art von Selbstsein in reiner Unmittelbarkeit, die sich konkret in der Form der synästhetischen Doppelrepräsentationen ausspricht. Gefühlsströme in ihrer Nicht-Beschreibbarkeit werden zu inneren Bildern, die in der eigenen Leiblichkeit vorkommen. Sie können so konkret werden, daß sie unmittelbar erfahrbar werden, „aufgeschrieben“ oder gemalt werden können. So berichtet eine Probandin, die zu Typ 2) gehört, daß sie ursprünglich überhaupt kein Talent zum Zeichnen und Malen hatte, aber durch die inneren Erlebnisse der Synästhesie im weiteren Sinne in der Lage war, die bildliche Repräsentation von Erlebnissen, die inneren farbigen geformten Bilder, die sich synästhetisch bei bestimmten akustischen Lebenssituationen ergaben, in Form von Zeichnungen und Bildern zu dokumentieren. So zeigt Abb. 1 die Repräsentation eines langen Interviews mit der Probandin, die Abb. 2 zeigt die Darstellung von Erlebnissen während des Hörens von gregorianischen Chorälen. Eine andere, im Rahmen der explorativen Studie über Synästhesie befragte Probandin, Frau Dr. Eiffler, berichtete, sie habe in ihrem ganzen Leben nie fotografieren gelernt; sie wurde aber durch ihre Fähigkeit zur synästhetischen Konkretisierung von Stimmungskontexten unfreiwillig zur Fotografin, die sogar Spezialkurse für Fotografen erteilt, um besondere Formen imaginativer Erlebnisse auf diese Weise festzuhalten. Eine derartige Fotografie ist in Abb. 3 wiedergegeben.
4.0

Naiverweise könnte man annehmen, menschliche Identität erschöpfe sich im Sosein – in der „Identität“ – des Gehirns. Das aber stimmt nicht, denn die Identität von Menschen beruht auf dem Zusammenspiel des ZNS mit der Psychomotorik und Psychosensorik des ganzen Körpers (unter Einschluß der sozialen Gegebenheiten, Rollen, Erwartungen, dem gesellschaftlichen Status etc.). Auch naturwissenschaftlich gesehen ist es keineswegs ausgemacht, daß menschlicher „Geist“ tatsächlich „im Gehirn sitzt“. Man muß vielmehr sagen, daß der Geist genauso im Leib, zu dem das Gehirn in Beziehung steht, und der ganzen Umwelt, dem ganzen Leben in seinem Formen- und Lebendigkeitsreichtum, existiert und insofern eher ein „Zwischen“ ist. Eine solche Zwischenwelt ist die Natur des Mentalen, situiert zwischen Hirn und Leib, zwischen Zentralnervensystem und der lebendigen Gesamtheit aus Muskeln, Knochen, Drüsen, Augen und Ohren, Zungen und Eingeweiden, Lungen und der Geschlechtlichkeit. Niemand kann sagen, was es heißen würde, das Gehirn einer schönen Frau im Körper eines reifen Mannes zu beherbergen: Die Identität dieser auf ihr Hirn reduzierten Frau wäre schon unmittelbar, aber nach und nach um so mehr, eine völlig andere.1

Unsere Gehirne stellen keine Absolutheiten dar. Was sie als sie selbst sind, wissen wir nicht. Vor ca. 3000 Jahren hielten Menschen den Schöpfer ihrer selbst für einen Töpfer, denn die Formen, die Gefäße, repräsentierten für sie das, was Geist ausmacht: die formschaffende Kraft. Heute halten wir die Geistfunktion im Gehirn für einen „Computer“, weil wir im derzeitigen Durchgangsstadium unserer Kultur dies für die angemessenste Metapher für Geistigkeit halten. Die Metapher des „Computers“, einer Rechenmaschine, für Geistigkeit ist aber deswegen nur partiell geeignet, weil im Computer Information lediglich prozessiert wird, ohne Rücksicht auf „Bedeutung“. Das Charakteristische an Gehirnen ist dagegen gerade die Ausbildung einer subjektiven Sphäre, innerhalb derer und für die alles Informationshaltige bedeutungshaft wird, d.h. in seiner Kontextualität einen besonderen Status von „Ereignishaftigkeit“ hat, die im Informationsbegriff (im Sinne von Shannon) nicht aufgeht.2

Mit anderen Worten: Was das „wirklich“ für ein System ist, auf dem unser geistiges Dasein beruht, davon haben wir bisher keine plausible Erklärung. Wir haben noch keine geeignete Metapher gefunden, unser geistiges Selbstsein zu beschreiben. Der tatsächlichen Realität dessen, was Geist ist, ist die Neurobiologie somit nicht sehr viel näher gekommen. Geist ist vor allem darin begründet, er selbst zu sein. Wenn Menschen danach streben, ein Stück identifikationsunabhängige Realität in sich zu beherbergen, zu manifestieren, zu realisieren, so versuchen sie dies nicht in der Identitätsbildung ihres Gehirns, sondern in derjenigen ihres Lebens, zu dem die soziale Lebendigkeit, das Leben des Leibes hinzugehören.

ANMERKUNGEN
1.) So wurde auf einer Tagung über Neuroethik der Hirnzelltransplantation (Hannover, Februar 1995) von dem Philosophen D. Birnbacher geäußert, bei der Transplantation eines ganzen Gehirns handele es sich um einen „Körperaustausch“. G. Patzig spottete ganz zurecht, er werde wohl kaum zu Sophia Loren, wenn man deren Gehirn in seinen Körper einpflanze.
2.) Der Versuch einer adäquaten Beschreibung von bedeutungshaltiger Information liegt im Begriff der „pragmatischen Information“ (E. von Weizsäcker) vor.
LITERATUR:
Feynman, R.: Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman! Piper, München, 1989
Lilly, J.C.: Das tiefe Selbst. Sphinx Medien Verlag, Basel, 1988
MacKay, D.M.: A mind’s eye view of the brain. In: Progress in Brain Research, Vol. 17: Cybernetics of the Nervous System. N. Wiener, J.P. Schadé (Eds.). 321-332. Elsevier, Amsterdam, 1965.
Watzlawick, P.: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Piper Verlag, München, 1976
v. Weizsäcker, E.: Offene Systeme I. Klett Verlag, Stuttgart, 1974
Hinderk M. Emrich, geb. 1943, ist Professor für Klinische Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule in Hannover. Arbeitsgebiete sind Psychopharmakologie, Neuropsychologie, Psychoanalyse und Ästhetik.}

von Hinderk M. Emrich

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