Monografie · von Stephan Berg · S. 216
Monografie , 1996

Stephan Berg

Baguette-Pantinen und Kissen-Pralinés

Die wunderbare Welt des Axel Lieber

Dieser Hocker ist nicht zu beneiden. Etwa einen Meter oberhalb des Bodens an der Wand festgeschraubt, hängt er weiß, hilflos und unbesitzbar in der Luft. Wo einst die Sitzfläche war, steckt nun eine blaßblaue lange Unterhose. Ihre Beine enden knapp vor dem Boden und ihr Bundgummi ist akkurat über die Seiten des Hockers gespannt, so daß wir in sie hineinschauen können, wie in einen Doppel-Trichter, der aus dunklen Augenhöhlen zurückschaut. Der Hocker ist ein Paradox: Er bleibt als das Sitzmöbel erkennbar, das er ist und wird doch gleichzeitig völlig seiner Funktion beraubt. Und die Unterhose, die ihm eingeschoben worden ist, reflektiert den menschlichen Körper als Benutzer dieses Möbels, der gleichwohl real abwesend bleibt.

1987 kommt Stephan Schmidt-Wulffen im Rahmen seines Textes über Axel Lieber zu dem Schluß , daß „die gegenwärtige Entwicklung in der Skulptur durch eine wachsende Skepsis gegenüber den assoziationsträchtigen, emotionsgeladenen Bildern gekennzeichnet ist. Was einmal als Gegenposition gegen die Sinnenthaltung minimalistischer Provenienz gewirkt hat, verliert offenbar an Kraft“1. So richtig und scharfsichtig das als allgemeine strukturelle Einschätzung auch ist, für Axel Liebers Arbeiten hat dieser Befund schon damals nur sehr eingeschränkt gegolten. Gerade die frühen Arbeiten Liebers, etwa von der Mitte bis zum Ende der 80er Jahre, sind gekennzeichnet durch eine schillernde Ambivalenz, die additive Konstruktionsästhetik mit atmosphärischer Aufladung scheinbar mühelos zu verbinden weiß. In ihrer Betonung der Eigenwertigkeit der konstruktiven Aspekte des Gestaltungsprozesses reagieren sie auf die konstruktivistischen und minimalistischen Entwicklungen und bereichern sie – ähnlich wie die Werke…

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