Titel: Die Zukunft des Körpers II · von Derrick de Kerckhove · S. 121
Titel: Die Zukunft des Körpers II , 1996

DERRICK DE KERCKHOVE

Täuschung der Eigenwahrnehmung und Automatisierung

Die Maschinen befreien sich von uns. Seit ihren Anfängen bis hin zur Virtuellen Realität ist jede Maschine eine Weise des Ausdrucks, eine Materialisierung von Ideen und Gesten. Auch wenn man nicht selbst dieses Auto oder diesen Computer erfunden oder konstruiert hat, so wird die Maschine, wenn man das Auto steuert oder etwas auf der Tastatur schreibt, zur Schnittstelle, vermittels derer der eigene Körper mit der Straße und das eigene Nervensystem mit dem Bildschirm in Kontakt kommt. Die Maschine wird darüber hinaus zu einem Teil von einem selbst, genauso wie man selbst zum Teil der Maschine wird. Das ist auch beim Telefon der Fall, wo man gleichzeitig hier und dort ist. Wie groß ist ein Körper, der von München nach Toronto telefoniert? Und wo befindet sich ein Tänzer, der in Toronto über ein Videokonferenzsystem mit jemandem tanzt, der sich in München befindet? Man wird sagen, daß es nicht nur ihre Bilder sind, die tanzen, sondern daß diese Bilder eine Intelligenz besitzen, denn sie sehen sich, folgen einander mit dem Blick und der Geste. Aus zwei Dingen wird eines: Entweder sind unsere Bilder autonom, von uns unabhängig, und können untereinander in einen Dialog eintreten, der unserer Kontrolle entgleiten könnte, oder das, was handelt, geht von uns aus und ist etwas, das wir noch immer „Ich“ nennen, das sich aber zwischen Toronto und München befindet und sich über 6000 Kilometer erstreckt.

Das war den Zeitgenossen von Jules Vernes noch nicht bekannt, aber uns wird es offensichtlich, weil in…

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