Ausstellungen: München · von Martin Blättner · S. 389
Ausstellungen: München , 1995

Martin Blättner

Shirazeh Houshiary

»Isthmus«

Villa Stuck, München, 26.7. – 24.9.1995

Die vier schweren Bleikuben mitten im Festsaal der Stuck-Villa weisen zunächst alle Eigenschaften eines frappierenden Fremdkörpers auf: Sie könnten der Industrieproduktion entnommen sein, um im musealen Raum zum Kunstwerk erklärt zu werden. Ein weiterer Blick in das Innenleben der genau einen Meter hohen Würfel belehrt eines Besseren: Die geometrisch ausgehöhlten Körper zeigen abwechselnd mit Blattgold beschlagene oder roh belassene Kuben, die plastische Strukturen bilden und damit eine wechselseitige Beziehung mit der Kassettendecke und dem ebenfalls von Franz Stuck gestalteten Mosaikmuster des Parketts eingehen. Die besonderen Lichteffekte dieses Raums und weitere Ornamente unter der Decke unterstützen eine Inszenierung, die heterogene Elemente vereinheitlichen will. Der Dualismus ist ein wichtiges Prinzip der jüngsten Skulpturen von Shirazeh Houshiary, die eine starke Verbindung zur minimalistischen Kunst eingehen, zugleich aber die Tradition einer Kunst des Erhabenen fortführen.

Das Werk der 1955 im Iran geborenen und 1973 nach England übergesiedelten Künstlerin läßt sich neuerdings zweifach lesen: einerseits als das Resultat mathematischer Konzeption, andererseits als der Erkenntnis-Prozeß einer spirituellen Selbstfindung, die in der sufistischen Metaphysik und der sakralen Kunst des Islam wurzelt. Der scheinbare Gegensatz dieser beiden Sichtweisen – die sich im Idealfall ergänzen, aber durchaus nach dem Prinzip der Polarität widersprechen können – vertieft den Bedeutungsgehalt dieser Objekte, der dennoch nicht in utopischer Weltferne angesiedelt ist: Die Synthese wird nicht erzwungen, wie Mondrian geht auch Houshiary von der Gleichwertigkeit zweier unabhängiger Prinzipien aus, die sich in der Einheit erfüllt. Rein formal spricht sich diese Dualität in geometrischen Grundformen aus – so…

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