Ausstellungen: Düsseldorf , 2004

HELGA MEISTER

Thomas Schütte – Kreuzzug

K 21, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, 3.4. – 7.8. 2004

Thomas Schütte müsste schon acht Jahre tot sein, wenn man seinem Grab-Monument von 1981 Glauben schenken würde. Inzwischen ist er 50 Jahre alt und einer der „großen Geister“ der Düsseldorfer Kunstszene. Oder genauer: Er ist der gewaltigste und gewalttätigste, der liebende und der leidende Künstler der Gegenwart. Er hat die menschliche Figur in die Kunst zurückgeholt, mit allen Facetten der Ausdrucksstärke und der Sensibilität. Sein „Kreuzzug“, wie er seine Schau in K 21 nennt, richtet sich gegen jene falschen Gläubigen, die in den Museen und Kunsträumen nur die „Abspielstätten“ der Videokunst sehen. In vier großen Blöcken, in Architektur, Keramik, Grafik und Bildhauerei, beweist der „Kreuzritter“, dass man sich in den verschiedensten Materialien bis hin zur Grafikmappe mitteilen kann. Sein Kampf gilt allem Virtuellen. Aber er kämpft nicht nur, sondern spielt auch, und beweist dabei viel schwarzen Humor.

Wie ein farbiges Band ziehen seine Grafiken an den Wänden entlang. Sie dokumentieren seinen ungeheuren Bilderreichtum und seine Wortspiele, aber auch seine spontane Reaktion auf die Geschehnisse der Gegenwart, auf die Farcen, Tragödien, Verlogenheiten und Politparolen der Zeit. Die „Quengelware“, das Tagebuch von 2002 in 104 Radierungen, ist ein Spiegelbild seiner Befindlichkeiten, seiner Angriffe, seiner Ängste „(alles ist vergiftet“), seiner Träume von einer schönen Frau mitten im Weltatlas, Immer wieder reagiert er zugleich auf die Kunst im postmodernen Zeitalter, wenn er einen Dürerverschnitt aus betenden Händen und Hasen zu einem betenden Hasen mit hoch stehenden Ohren macht. Wie einfach wäre es, wenn man seine grafischen Blätter als Denkfiguren nehmen könnte. Dann müsste man nur das „T“ aus dem „TERROR“ aus-x-en, und schon wäre der Krieg in der Welt ein einziger Irrtum. Doch Schütte weiß auch, dass der Künstler als Einzeltäter mit dem Rücken zur Wand steht und nichts anderes hat als sein absurdes Lachen. So macht er sich denn zum „Depp I“ in einem der Selbstporträts.

Mag der Betrachter über die Papierarbeiten schmunzeln, bei seinen Skulpturen hält er den Atem an. Vier gigantischen Köpfe in Türkis, Blau, Gelb und Rot werden vom Himmelslicht beschienen, das durch die gewaltige Glaskuppel des Ständehauses auf sie fällt. Kolossale Mannsbilder sind es, auf stämmigem Hals, mit vorgeschobenem Kinn und Denkerstirn, mit theatralischen Augenbrauen und Faunsohren. Die Idee dazu hatte er als Stipendiat der Villa Massimo beim Gang durch Rom und dessen Kolossalstatuen. Vor zehn Jahren gab es einen ersten Anlauf, doch der feuchte Ton sackte in sich zusammen. Diesmal ließ er sich Rohlinge von Fachleuten nachbauen, bevor er an die Gesichter Hand anlegte, die Oberflächen verschiedenartig behandelte, Furchen in die noch weiche Masse kämmte, so dass nach dem Brand im Keramikofen der strahlend gelbe Kerl an ein Wiesenfeld von van Gogh erinnert. Was erstaunt, ist die stoische Energie der Gesichter im besten Mannesalter. Der Betrachter darf rätseln, ob es sich um Mafiosi, Industrie-Giganten, Machos oder bloß um Facetten eines Mannes handelt.

Auf der Breitseite unter der Dachkuppel liegen acht Frauenskulpturen, davon sieben aus rostigem Stahl, die achte aus Bronze. Die Vorformen dazu, die „keramischen Skizzen“, sind in drei Metallregalen zu je zwölf Figuren aufbewahrt. Hier demonstriert Schütte seine Vorgehensweise, das Spiel mit dem Zufall im Umgang mit dem feuchten Ton, den er schlägt, zerrt, prügelt und walzt, bevor er in die Augen sticht und nur noch Höhlen zurücklässt. Inder farbigen Glasur schimmern die gebeutelten Wesen dennoch glanzvoll auf. In die große Form aus Metall übertragen, wird aus dem bloß technischen Unfall die Katastrophe, wird das Schicksalhafte präzisiert. Seit über sechs Jahren widmet sich Schütte dem klassischen Thema des weiblichen Aktes. Nicht zahm und zögerlich, kein Rodin mit Oberflächenglanz. Da erinnert der Kopf an eine Pyramide, ein Totenhaus also, und das Haar wirkt wie ein erstarrter Brei. Eine Figur mit Armstümpfen hockt auf ihren dicken Schenkeln, den schweren Kopf gen Himmel gerichtet. Die weiblichen Wesen sind platt gemacht, zerquetscht und über die Tischkante gezogen. Das Loch zwischen den Schultern ist Schlund und Vagina zugleich. Trotz all der unglücklichen Situationen ihres Daseins wirken sie so verlockend wie Loreley, mit engelsgleichen Flügeln, der Busen ruht in einer Höhle. Plötzlich ist da ein Aufbäumen. Das Faszinierende an diesen Skulpturen ist, dass sie selbst im tragischen Bild ihre Schönheit bewahren. Sie sind entmachtet und dennoch unzerstörbar beseelt. Ihre radikale Vergewaltigung lässt sie erblühen.

Seit zwei Jahren entstehen neue Architekturmodelle als Reflex auf die banale Gegenwart. Eine benzingelbe Kunststoff-Tankstelle wirkt in der trashigen Plexiglasfarbe wie eine Verneigung vor den Trends der Avantgarde. Doch die Arbeit glossiert im Titel das Spiel zwischen Globalem und Nationalem: „Tanken Deutschland“ heißt sie. Die Offensive der Wirtschaftsbosse findet sich in der „Renditekiste“ wieder. Der Hang der Touristen in die Berge lässt sich am „Berg“ ablesen, der aus einem Polyestertuch über einem Tunnel besteht und obenauf ein Totenkreuz hat. Und die Kunst? Besorgt sie sich nicht ihr eigens Grab im schwarzen, fensterlosen Holzsarg, der sich „Amuseument“ nennt und die Muse, das Museum, das Amusische sowie das Amüsement reflektiert? Unter dem Holz gibt es Lichtsammelplatten für die vermeinten Lichteffekte, die jedoch nicht entweichen können. Der Amüsierbetrieb als Totenmal?

Kurz vor der Eröffnung der Düsseldorfer Ausstellung wurde die mehrteilige Arbeit „Kraftwerk“ mehr oder weniger fertig. Schütte gibt zu, dass er den Kampf mit der riesigen Glaskuppel und ihren massiven Halterungen noch nicht gewonnen hat. Stahl und Lochblech wirken allzu grazil im Tageslicht, das über sie hineinbricht und sie fast auflöst. Vor allem der offene, leere Kühlturm auf seinem klassischen Achteck kann sich trotz seiner Höhe nicht zur Wehr setzen. Die Energiezentrale besteht aus einem Doppelcontainer mit Anbauten, aus deren blinden Öffnungen es dunkel- und hellrot schimmert. Das Verwirrende aber sind kleine, merkwürdig schimmernde Keramikobjekte in Gold und Silber, die Uran und Plutonium versinnbildlichen könnten, aber auch an eine goldene Madonna und einen silbernen, männlichen Fratzenkopf denken lassen. Sie ruhen auf Stahlfundamenten unter Glashauben und sind außerdem in einem eisernen Käfig mit Eisenkette und Schloss verrammelt und verriegelt. Der dazu gehörige Schlüssel aber liegt bei der maskenhaft-männlichen Figur. Ob der Weltuntergang von ihr abhängt? Auf dem Boden, unter einer dritten Glaskuppel, stehen fünf alte, zerbeulte Spielautos und ein Junge als Spielfigur, der möglicherweise den Verkehr dirigieren möchte, an dem nichts mehr zu regeln ist. Ein vergebliches Endspiel also, den Schüttes „Kreuzzug“ deutlich macht.

Katalog mit Texten von Jan Thorn-Prikker, Hans Rudolf Reust, Guy Tosatto und Dieter Schwarz; 95 meist farbige Abbildungen, 116 Seiten 21 Euro (Museumsausgabe)

von Helga Meister

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