Gespräche mit Künstlern , 2010

Christian Boltanski

Wunschlos glücklich im Angesicht des Todes

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks anlässlich der Ausstellung »Personnes« auf der MONUMENTA im Pariser Grand Palais

Es erscheint einem alles absolut klar angesichts der jüngsten Arbeit von Christian Boltanski im Pariser Grand Palais, wo die Besucher anlässlich der dritten Monumenta Schlange stehen. Den 13 500 Quadratmeter großen, nur schwer bespielbaren Raum hat der Künstler in gleich große, mit zweihunderttausend gebrauchten Kleidungstücken ausgelegte, von Stahlstangen und Drähten eingezäunte und von einer mittig platzierten Neonröhre beleuchtete Rabatte unterteilt. Um das Unwohlsein der Besucher vor Ort zu forcieren, wählte er bewusst die kalten Wintermonate für seine Präsentation. Dennoch kommt dem Besucher auch vor den zu einem zehn Meter hohen Berg aufgetürmten Kleidern, die ja wie die Hüllen von menschlichen Kadavern anmuten, die hier von den Greifzähnen eines Krans erfasst und wieder fallen gelassen werden, nicht einmal ein Anflug von Traurigkeit. Wieder und wieder, ganz mechanisch und ohne Mitgefühl verrichtet der Kran seine Arbeit. So gleichgültig wie die Natur. Man denkt dabei an die massenhafte Entsorgung von Toten in Konzentrationslagern. Das, was einem beim Kreuz- und Querlaufen am stärksten unter die Haut geht, ist das aus Lautsprechern schallende Geräusch. Beim Betreten der Halle, deren eingezirkelten Beete die Erinnerung an die KZ-Baracken evozieren, setzt es sich im Ohr fest. Es handelt sich dabei um Tonbandaufnahmen von Hunderten schlagenden Herzen.

Christian Boltanski ist ein Künstler, der die Spuren der Vergangenheit sichern will, obwohl wissend, dass nichts von dem einmal Gewesenen bleibt. 1944 in Paris als Sohn eines jüdischen Vaters und…

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von Heinz-Norbert Jocks

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