Titel: Neue Abstraktion , 2010

André Butzer

Butzers obskure Vorliebe für konzeptuelles Malen mit bunten Farben führte früh zu einem wahren Disneypsychedelieinferno existentialer Zerrbilder einer atomischen Unzeit. Verwandtschaften waren auszumachen in ein oder zwei Bildern zu Jorn, zu Nolde, Munch oder Guston, zu Albert Oehlen oder zum Comic. Doch die artistische Leistung liegt in der Eigenständigkeit, mit der er seine Bildmittel über sich hinaustreibt. Gerade am Comic ging ihm auf, was die Malerei nicht ist (linear, zeitlich, narrativ, abbildhaft beschreibend), sondern ein ineinanderblendender Zusammenzug aller Bildelemente. So vermählte er das ursprüngliche Gestalten aus der Farbe dem splitterigen Bild von amerikanisch fordistischer Serialität, dem Ready Made und dem 20. Fast-Food-Jahrhundert. Methodisch industrialisierte er seine Malerei und konzeptualisierte sein Bildpersonal zu beliebig reproduzierbaren Elementarmitteln.

Seine „Friedens-Siemense“ sind derart Agitation und Propaganda, Massenprodukte einer großindustriellen Kultur, die keinen Grund und keine Figur mehr kennt. Aufgedunsen quillt die Farbe auf der Leinwand; was wie schwebende Schädel erscheint, sind mehr Stülpungen und Auswölbungen einer Farbhautmembran. Butzer zerstört jegliches Volumen. Fläche und Figur gehen in Eins. Die Gegenentwürfe dazu, die tragischen „Schandemenschen“ und „Wanderer“, die von fern SS-Totenköpfen gleichen, irren ebenso in aufgelöster Bildwelt, zeichenhaft entfiguriert. Doch indes ist das stoffliche Zugrundegehen der Bildfiguren, ihr Imgrundaufgehen ein abstrakter Anfang.

Für diesen steht das imaginierte „N“ oder „NASA-Heim“, ein unerreichbarer Unort, an dem „die Farben aufbewahrt werden“, der da ist und nicht da, der selbst nicht ist und doch Dasein ermöglicht. „N“ als tödliches Elysium, als Formel für die totale Auslöschung allen Lebens, aber auch für dessen fortdauernde Unendlichkeit wird Sinnbild einer entstofflichten, abstrakten Malerei.

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von Christian Malycha

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