vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Titel: Neue Abstraktion · von Sean Dawson · S. 158 - 161
Titel: Neue Abstraktion , 2010

Sean Dawson

Viele der lyrisch-abstrakten Arbeiten des Londoner Künstlers Sean Dawson beschwören Assoziationen des Weltalls herauf. Dieser Eindruck hat wesentlich mit Dawsons Auffassung vom Bildraum zu tun, den er als nicht zu erfassende Größe inszeniert. Stets gestaltet er einen Bildhintergrund, der mal weitgehend schwarz ist, dann in glatten Farbverläufen von einer dunkleren in eine hellere Partie übergeht und manchmal deuten sich, wie im Nebel, verschwommene Schatten an, die als Figuren oder Architektur erahnt werden können. Die Farbe ist dabei völlig glatt, wirkt zum Teil wie mit Airbrush aufgetragen und nur in wenigen Partien lässt sich noch der Pinselstrich erkennen.

Diesen vagen Bildhintergrund macht Dawson zum Raum, indem er ihm fremdkörpergleich wilde, knäuelartige Gebilde einsetzt, in denen sich Fasern, Stränge und Bänder falten, ineinander drehen oder strahlenartig durchkreuzen. Sie erinnern an zerflederte DNA, die Kurven einer Carrerabahn, zusammen geschobene Notenlinien oder die gerissenen Saiten eines Instrumentes und scheinen als Konstrukte planetengleich im Bildvordergrund zu schweben.

In ihrer Dynamik und scheinbaren Spontaneität rekurrieren diese vorderen Bildpartien, ganz im Kontrast zum ruhigen, glatten Hintergrund, auf die gestische Malerei des Informel. Fast scheinen die geschwungenen Linien gezielt den Pinselduktus etwa von Karl Otto Götz nachzuahmen. Während jedoch der abstrakte Expressionist seine Bilder tatsächlich in wenigen lockeren, spontanen Pinselstrichen auf die Leinwand brachte, entstehen die Formen bei Dawson in fast penibler Detailarbeit. So erzeugt Dawson mit einer Technik, die in ihrer Exaktheit an die Malerei des Fotorealismus erinnert, die Illsuion spontaner, informeller Abstraktion. Der Künstler unterzieht damit gleichsam das vermeintlich freie und unberechenbare Moment dieser Malerei seiner absoluten Kontrolle. Besonders deutlich wird dies, wenn er Kleckse, die beim temperamentvollen Farbauftrag entstehen können, mit dem Pinsel malt oder auf diese Weise gar die Spritztechnik imitiert, die von mehreren Künstlern des Informel eingesetzt wurde. Dawsons Pseudofarbspritzer sind neben dem glatten Bildhintergrund und dem vermeintlich gestischen Bildvordergrund ein drittes zentrales Gestaltungselement, das im Mittelgrund vieler Bilder wirksam wird und jegliches Raumverständnis noch weiter untergräbt.

Der Einsatz der Farbe wirkt fast willkürlich. Sie verläuft in Dawsons Bildern nicht synchron zur Form, folgt also nicht den Linien und Schwüngen, die von schwarzen Konturen vorgegeben werden und das Bildgeschehen bestimmen. Stattdessen führt die Farbe ein Eigenleben, das an das Ergebnis von Grattagen erinnert, bei denen durch das Wegkratzen einer oberen Farbschicht die untere freigelegt wird, welche der Form so ihren Ton gibt, ohne sie selbst zu definieren.

Dass Farbe und Form nur bedingt korrelieren, resultiert unmittelbar aus dem komplexen Entwicklungsprozess, der der Umsetzung von Dawsons Arbeiten vorausgeht.

So gegenstandslos die Bilder dem Betrachter vorkommen, hier und da können Fragmente der realen dinglichen Welt aufblitzen, denn das Rohmaterial von Dawsons Arbeiten sind Mode- und Architekturfotografien oder andere Abbildungen aus Magazinen. Diese kollagiert er (hier also unverfälscht auf eine Technik der klassischen Moderne zurückgreifend), das Ergebnis wird fotografiert und in die Fotografie wird hineingezeichnet und eventuell wieder hineinkollagiert. Dieser Vorgang wird gegebenenfalls mehrfach wiederholt. Mit der Zeichnung auf bunter Kollage setzt sich Dawson in der Form über die Farbe hinweg, was später in der Leinwand den Grattage-Effekt erzeugt. Schließlich wird das Ergebnis dieses Verfremdungsprozesses alltäglicher Abbildungswelten auf die Leinwand projiziert und in Teilen zu den bilddominierenden Formgespinsten zusammengesetzt.

Über einen komplexen Entfremdungsprozess integriert Dawson so Splitter unserer alltäglichen Bilderwelt in seine Kosmologie aus nicht greifbarem Raum und dem kontrollierten Chaos verpflichteter Form. Auf ähnliche Weise, wie er Bildfunde frei kombiniert, bedient sich Dawson sämtlicher Stilmittel der Moderne, etwa der Collage, Spritztechnik, Grattage, der Ästhetik des Informel und des Fotorealismus. Während die Collage sehr klassisch zum Einsatz kommt, dem Ergebnis aber nicht mehr anzusehen ist, wohnen Dawsons Bildern die optischen Eigenschaften von Spritztechnik, Grattage und Informel inne, die als Techniken jedoch nie zum Einsatz gekommen sind.

Es ist ein Spiel mit Schein und Wirklichkeit, wie es auch den Magazinen inne wohnt, denen das Urmaterial der Arbeiten entnommen wird und mit denen sie darüber hinaus ihre strahlende Farbigkeit und glänzend-glatte Oberfläche teilen.

Verena Ummenhofer

Sean Dawson
Geb. 1964 (London) England, lebt und arbeitet in London. 1993 BA in Fine Art /Painting am Central St. Martns College of Art & Design, London. 1995 MA in Painting, Royal College of Art, London. 2001 LAB Individual Artists Visual Arts Award. 2004 Individual Visual Artists Award, Arts Council, London.
Einzelausstellungen
2010 Dark Wave Forms. Paintings, Buchmann Galerie, Berlin; 2008 LO-FI-SCI-PLI. Paintings, Buchmann Galerie, Berlin; 2005 Silent Glitch. Paintings, Buchmann Galerie, Berlin; 2001 Solo show, Alfred Camp Gallery, London; 1998 Apocalyptics. New Painting, 152c Brick Lane, London
Gruppenausstellungen (Auswahl seit 2003)
2010 XVII. Rohkunstbau, Schloss Marquardt, Potsdam; 2008 Prag Triennale, Nationalgalerie Prag; 2007 The Dream of Putrefaction, Fieldgate Gallery, London; 2007 Passion for Art. 35Collection Essl, Klosterneuburg/Wien; 2004 Kingdom, Market Gallery, Glasgow; 2003 Wheeling. Motorcycles in Art, Cell Project Space, London