Titel: Neue Abstraktion · von Hendrik Lakeberg · S. 186
Titel: Neue Abstraktion , 2010

Tanja Rochelmeyer

Der situationistische Architekt Constant schrieb über die Entwürfe zu seiner utopischen Stadt New Babylon: „Man kann das Innere der miteinander verbundenen Sektoren über ausgedehnte Zeiträume hin durchwandern, sich einlassen auf das große Abenteuer, dass dieses unbegrenzte Labyrinth liefert. (…) Durch ein längeres Verweilen in diesen Häusern wird so etwas wie eine heilsame Gehirnwäsche bewirkt“ Constants New Babylon wurde nie gebaut. Die Stadt ist ein Modell geblieben. Auch Tanja Rochelmeyers Malerei liefert keine konkreten Gebäude-Vorlagen. Rochelmeyer verwendet Fotografien architektonischer Räume, manipuliert sie am Computer und malt sie auf eine Leinwand. Doch obwohl beide Positionen verschiedene Ausgangspunkte haben – Constant konstruiert völlig neue, Rochelmeyer verfremdet bestehende Formen von Architektur – gibt es dennoch eine Gemeinsamkeit: Beide erzeugen eine abstrakte Raumerfahrung. Im Gegensatz zu Constant träumt Rochelmeyer nicht von der Umsetzung ihrer architektonischen Gebilde. Das wäre technisch überhaupt nicht möglich. Und wo Constant auf den Körper abzielte, der in New Babylon ziellos umherschweifen sollte, schweifen bei Rochelmeyer allein die Augen über die Leinwand, auf der Suche nach einem formalen Sinn in den wuchernden geometrischen Formen. Rochelmeyers Darstellung von Architektur bleibt virtuell. Je länger man sich in ihre Bilder vertieft, je weniger halt findet man. Die Perfektion der Farbverläufe und die unwirkliche Klarheit der Flächen täuschen nur auf den ersten Blick darüber hinweg, dass auf diesen formal präzisen und eleganten Bildern ein Zustand fundamentaler Verwirrung gezeigt wird, denn die Geometrie will und will nicht aufgehen. Darin liegt das verstörende aber auch das abenteuerliche dieser Malerei.

Denkt man die inhaltliche Verwandtschaft mit Constant weiter, dann kann man Rochelmeyers Malerei als eine Fortsetzung der Abstraktionsstrategien der klassischen Moderne verstehen. Vielleicht sogar als eine Art posthumanen Expressionismus, denn auch im Expressionismus, wie zum Beispiel in den Kulissen des Filmklassikers „Das Cabinet des Dr. Caligari“, bewegt sich die repräsentative Struktur an der Grenze ihrer Auflösung, die Formen der Gebäude sind geometrisch verrutscht, verwinkelt und unübersichtlich. Posthuman, weil Rochelmeyer gestische Unsauberkeit fast völlig ausschließt, als sei ihre Malerei ohne menschliches Zutun entstanden. Schaut man nicht genauer hin und sieht die feinen Farbreste an den Rändern der grafischen Formen, dann könnte man denken, diese Bilder wären Digital-Prints aus einem Plotter.

Wie bei den Situationisten oder im Expressionismus kann man auch im russischen Konstruktivismus und bei El Lissitzky im Besonderen nach den Wurzeln von Rochelmeyers Malerei suchen. El Lissitzky erzeugte durch in und übereinander geschobene Farbbalken und Flächen auf der Leinwand einen dreidimensionalen Bildraum, um ein neues Sehen jenseits der gestisch figurativen Mittel der Malerei zu erzeugen.

Ob Situationismus, Expressionismus oder Konstruktivismus, was die Kunst der frühen Moderne mit Rochelmeyers Malerei verbindet, ist das Außerkraftsetzen einer bestehenden formalen Logik und das Erzeugen eines abstrakten Gefühls von Räumlichkeit. Doch trotz der Verwandtschaft gibt es einen entscheidenden Unterschied. Rochelmeyer will uns keine radikal neue Form des Sehens zeigen. Was sie malt und wie sie malt, kommt uns bekannt vor. Aus den CAD-Programmen, mit denen Architekten virtuelle Räume simulieren zum Beispiel. Entfernt erinnern ihre sauberen, meistens in komplementären Farben gemalten Flächen und Linien auch an die grafischen Benutzeroberflächen von Webseiten. Das passt insofern, als dass Webseiten über ihre Gestaltung eine vermeintliche Logik zwar vorgeben, doch das gesamte Netz sich für den Benutzer in Wahrheit als eine labyrinthische Struktur darstellt, der man intuitiv folgt. Im Internet funktioniert das Denken wuchernd, impulsgesteuert und nicht-linear. Denn obwohl die digitale Technik auf der luziden Basis von Nullen und Einsen aufbaut, produziert sie – ähnlich der architektonischen Gebilde auf Rochelmeyers Bildern – gleichzeitig eine unbeherrschbare Komplexität an Informationen. Der Computer-Bildschirm ist also ein weiterer wichtiger Bezugspunkt von Rochelmeyers Malerei.

Schaut man die Gemälde an, gleitet der Blick an scharfkantigen Linien entlang, folgt ihnen wie sie von der Dunkelheit verschluckt werden, wie sich andere Flächen über und unter sie schieben – Rochelmeyer malt einen nomadischen Raum. Wer in ihren Bildern eine sinnhafte, lineare Struktur sucht, der geht ihnen auf den Leim und in ihnen verloren. Man erfasst sie erst – und darin liegt die heilsame Gehirnwäsche dieser Bilder –, wenn man die zwanghafte Suche nach Logik aufgibt, sich dem impulsiven Sehen hingibt und den Zustand der Orientierungslosigkeit akzeptiert, den ihre Malerei provoziert. Denn dann werden diese eleganten labyrinthischen Konstruktionen zu einer Verbildlichung des zeitgenössischen Denkens. Jenseits des Bildraums und trotz aller Verweise auf die Abstraktion der klassischen Moderne spricht Rochelmeyers Malerei ganz konkret aus der Gegenwart.

Hendrik Lakeberg

Tanja Rochelmeyer:
geb. 1975 in Essen, lebt und arbeitet in Berlin; 2003-2007 FHTW Berlin
Einzelausstellung:
2010 „Beyond Space“, loop – raum für aktuelle kunst, Berlin
Gruppenausstellungen (Auswahl):
2011 „Alptraum“, The Company, Los Angeles, USA /Cell Project Space, London, GB / Projektraum Deutscher Künstlerbund, Berlin; „abstract confusion“, B-05 Kunst- und Kulturzentrum, Montabaur und Kunstverein Ulm; „Halleluwah“, ABTART, Stuttgart 2010 „Re-Entry. Color, form and object“, loop – raum für aktuelle kunst, Berlin; „Mixed“, Brandenburgischer Kunstverein, Potsdam; „North“, Galerie Hartwich, Rügen; „2. Internationaler André-Evard-Kunstpreis“, Messmer Foundation, Kunsthalle Riegel; „Mixed“, Märkisches Museum, Witten 2009 „Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin“, Temporäre Kunsthalle, Berlin; „axis: bold as love“, Forgotten Bar Project/Galerie im Regierungsviertel, Berlin; „S.A.A.B.S.D.P.D.J.I.M.K.R.L.C.P.T.R.S.S.S.F.W.M.W.“, Philara Sammlung zeitgenössischer Kunst, Düsseldorf; „Out of Wedding“, Uferhallen Berlin

von Hendrik Lakeberg

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