Titel: Neue Abstraktion · von Kito Nedo · S. 142
Titel: Neue Abstraktion , 2010

Tomma Abts

Das Erste, was am Werk von Tomma Abts auffällt, ist das einheitliche Format ihrer Bilder. Mit der Zeit hat die 1967 in Kiel geborene Malerin für ihre Arbeiten eine feststehende Formel gefunden: 48 mal 38 Zentimeter. Das Zweite sind die Titel, mit der die Künstlerin ihre abstrakten Bilder bedenkt. Es sind eigentümliche Namen, die nach Altertum, längst versunkenen Kulturen klingen oder nach ausdifferenzierten Subkulturen, die sich genau an dieser antiken Klangästhetik berauschen: Ert, Theiel, Emo, Folme, Noene, Koene, Mennt, Epko.

An den Bildern arbeitet Abts über lange Zeiträume, oft mit Unterbrechungen: dann wartet eine Leinwand manchmal über mehrere Jahre unvollendet im Atelier, bevor sie die Arbeit an ihr wieder aufnimmt. Die zeitintensive Herstellung, die trotz relativ handlicher Formate vor Überproduktion schützt, entspringt Abts stetiger Suche nach der Form sowie einer bewussten Bedächtigkeit. Schicht um Schicht bringt die Künstlerin Acryl und Öl auf den Bildträger, verändert sich die Beschaffenheit der Oberfläche, fast organisch scheint sich das Bild auszuwachsen. „Teile meiner Bilder haben durchaus gegenständliche Elemente. Es geht ja nicht um Geometrie, sondern darum, etwas Konkretes zu entwickeln, überhaupt eine Form für etwas zu finden, das dann so spezifisch wird, dass es eine Bedeutung bekommt.“ (Der Spiegel, 11.12.2006)

Die Überlagerung von Bedeutung ist bei Abts nicht nur rein formal zu verstehen, sondern ganz konkret. Mit der nächsten Farb-Lage kommen neue Informationen hinzu und es gehen alte Informationen verloren. Dieses prekäre Verhältnis von Gewinn und Verlust lässt sich an reliefartigen Linien, die manches Werk wie Bruchstellen oder Narben durchziehen, ablesen: so entsteht eine dritte Bildebene von Additionen, die vom langwierigen Prozess des Malens erzählt, ohne freilich die Form, die Farbe und die Komposition zu negieren.

So macht das ständige Überlagern das Bild zum Protokoll von Prozessen, einem diskreten Speicher von Spannungen. Fantasien eines anderen Sehens tauchen auf: Was wäre, wenn sich die Geschichte eines Bildes wie ein Fächer vor dem Auge entfalten ließe? Wenn man – wie bei einem Computerprogramm – in der Prozesshistorie Layer um Layer zurückblättern könnte? Würde dann die Kunst von Abts weniger erhaben, weniger geheimnisvoll sein? Oder würden sich dann neue, noch komplexere Mysterien zeigen?

In gewisser Weise leistet man diese Detektivarbeit schon, indem man die Bilder von Abts betrachtet und sich auf ihre Erratik einlässt. Man beginnt zu spekulieren. Das ist der dunkle Grund dieser Kunst: Dass man nicht auf eins, sondern potentiell sehr viele Bilder schaut. Deshalb sind sie für manche Betrachter sogar nach wie vor in Bewegung: „Die Bilder von Abts“ so etwa der Kurator Adam Szymczyk, „sollte man als Ereignisse oder durative Kunstwerke betrachten, auf denen das Sichtbare bloß eine oberste Schicht der auf der Leinwand abgelagerten Sedimente darstellt.“

In diesem Licht kann das Abstrakte bei Abts als eine Art Schwebezustand verstanden werden, in dem das Bild sich auf einen Endpunkt zusteuern lässt. „Ich fange im Abstrakten an und versuche anschließend eine Form zu finden, eine Form für etwas Konkretes, Gegenständliches.“ erklärt Abts. Das Malen wird kreisend, meditativ, hermetisch. „Ich weiß einfach, dass ich mit einer Arbeit fertig bin, wenn am Ende alles seinen Platz gefunden hat.“ (Berliner Zeitung, 5.12.2006)

An der Kunst von Abts ist nichts Schrilles, nichts Billiges. Sie folgt nicht dem Imperativ des Maximums. Ihren Adressaten findet sie wohl am ehesten in sich selbst. Sie strahlt auch kein Interesse an öffentlicher Politik aus, sie will sich nicht mit Manifesten, Gruppen, Bewegungen gemein machen. Wenn sie politisch ist, dann in ihrem Beharren auf Langsamkeit, Verknappung und die Verweigerung von schneller Konsumierbarkeit. Diese Panzerungen macht sie allerdings auch anfällig für Zuschreibungen. Als die seit 1995 in London lebende Künstlerin 2006 den renommierten Turner Preis verliehen bekam, wurde das in den Medien als Rückkehr zu mehr Sachlichkeit gewertet: auch dies wird ihren Bildern nicht gerecht.

Doch nicht einmal diese Deutungen würde die Malerin wohl bestätigen. Ihre Arbeit sieht Abts „gar nicht im Kontext von bestimmten Bewegungen, Trends oder abstrakter Kunst […] und auch nicht im Aufgreifen modernistischer Formen.“ (Der Spiegel, 11.12.2006) Sie pocht auf den Status der Einzelgängerin und will sich nicht eingemeinden lassen, keine von den „Neo-Modernen“ sein, auch kein optimierter Kunstmarkt-Darling mit Factory wie ihr Kollege Anselm Reyle, mit dem Sie zeitweise die Galerie teilte.

Eher schon ist Abts Werk einer Ästhetik des Unbestimmten, Ungefähren verpflichtet: „Es entstehen oft Bilder von Denkprozessen, Zuständen oder Stimmungen. Die Bilder entwickeln sich in einem sehr offenen Prozess. Und ich denke, dass diese Offenheit auch für den Betrachter ersichtlich ist.“ (Der Spiegel, 11.12.2006) Dort liegt der zeitgenössische Kern ihrer Kunst, denn die ganze draufgängerische Wut, all der modernistische Furor, der in der abstrakten Kunst der klassischen Avantgarden immer pochte – aus den Bildern von Abts sind sie entwichen. Stattdessen ist da etwas Romantisches, vielleicht auch Nostalgisches – was in einer Zeit des gebrochenen Fortschrittsglaubens auch nicht weiter verwundert.

Kito Nedo

Tomma Abts
1967 geb. in Kiel, Deutschland. Lebt und arbeitet in London.
1989 -1995 Studium an der Hochschule der Künste in Berlin
1995 DAAD-Stipendium, Umzug nach London
2006 Turner Prize 2006, Tate Britain, London
Einzelausstellungen (Auswahl seit 2001)
2011 Kunsthalle Düsseldorf 2009 Galerie Giti Nourbakhsch 2008 New Museum of Contemporary Art; Hammer Museum, Los Angeles; David Zwirner, New York 2006 Galerie Daniel Buchholz, Köln; Kunsthalle zu Kiel 2005 greengrassi, London; Kunsthalle Basel 2004 “journal #7”, Van Abbemuseum, Eindhoven (with Vincent Fecteau) 2003 Galerie Daniel Buchholz, Cologne 2002 greengrassi, London 2001
Gruppenausstellungen (Auswahl seit 2003)
2009 Slow Paintings- Museum Moorsbroich, Leverkusen; T.I.C.A.B- Tirana International Contemporary Art Biennial; Quodlibet II- Galerie Daniel Buchholz, Köln 2008 The Gallery, David Zwirner, New York; History in the Making: A Retrospective of the Turner Prize, Mori Art Museum, Tokyo, Japan; Yes, No & Other Options, Art Sheffield 08, Sheffield, England 2007 Turner Prize: A Retrospective, Tate Britain, London; 2006 Turner Prize 2006, Tate Britain, London; 4th Berlin Biennale, Berlin 2005 “British Art Show 6”, Hayward Gallery, London (travelling)2004 “Formalismus. Moderne Kunst heute“, Kunstverein Hamburg; 54th Carnegie International, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh; “Werke aus der Sammlung Boros”, Museum fur Neue Kunst, ZKM Karlsruhe 2003 Kunstpreis der Boettcherstraße in Bremen, Kunsthalle Bremen; „Deutschemalereizweitausenddrei“, Frankfurter Kunstverein,
Literatur (Auswahl)
„Tomma Abts“ Monografie mit Beiträgen von Laura Hoptman, Bruce Hainley, Jan Verwoert London/New York: Phaidon Press 2008; Kunsthalle Basel (Hg.):„Tomma Abts“ Basel; Schwabe, 2005; Galerie Daniel Buchholz/ Grenngrassi (Hg.): „Tomma Abts“, Köln u. London: o.J.