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Magazin: Publikationen · von Cornelia Gockel · S. 497 - 496
Magazin: Publikationen , 1998

Art goes public

Von der Gruppenausstellung im Freien zum Außenprojekt

Als Wilhelm Wartmann im Sommer 1931 mit der Ausstellung von 55 Skulpturen in der Innenstadt von Zürich den Sprung vom Museum in die Öffentlichkeit wagte, ahnte er wahrscheinlich nicht, daß er damit einen neuen Ausstellungstypus ins Leben gerufen hatte. Ziel des damaligen Direktors des Kunsthauses Zürich war es, das Interesse des Publikums an zeitgenössischer Plastik zu wecken. Obwohl es sich bei den ausgestellten Arbeiten noch um Atelierwerke handelte, die ohne einen funktionalen, formalen oder inhaltlichen Bezug zum Ort entstanden waren, war mit ihrer temporären Aufstellung in der Öffentlichkeit jedoch ein erster Schritt hin zum Projekt im nicht-institutionellen Raum getan. Die Autorin Claudia Büttner hat in ihrem Buch „Art goes public“ die Entwicklungsgeschichte temporärer Präsentationsformen aktueller Kunst verfolgt und anhand ausgewählter Beispiele untersucht. Auf die Fortsetzung der Ausstellungsidee von Wilhelm Wartmann mußte das Kunstpublikum aber noch rund 30 Jahre warten. Erst in den 60er Jahren begann sich diese neue Ausstellungsform, die gemeinhin als „Kunst im öffentlichen Raum“ bezeichnet wird, in Westeuropa und Nordamerika zu etablieren. Im ersten Teil des Buches zeigt Büttner die Entwicklung und Ausformung thematischer Schwerpunkte von Projekten, die sie nach den Stichworten Raum, Ort und Situation der Kunst gliedert. Dabei werden besonders die Ansprüche der Veranstalter, Ausstellungsmacher und Kuratoren berücksichtigt. „Das Projekt als potientielle Summe vieler Kunstwerke wurde zu einem geistigen Werk, das unabhängig von den präsentierten Kunstwerken selbst der Konzeptkunst verpflichtet war.“ Im zweiten Teil wird dann das geistesgeschichtliche Umfeld unter Einbeziehung der kulturpolitischen, ästhetischen und künstlerischen Voraussetzungen definiert. Ebenso wie das Verständnis von Öffentlichkeit wandelte sich auch die Vorstellung von der Funktion von Kunst: „Während einerseits der Ruf nach Gestaltung humanerer Lebenswelten oder nach der Inszenierung des Stadtraums eine Expansion der Kunst in den Alltag notwendig machte, wurde andererseits öffentliche Kunst zum Instrument kritisch-sozialen Engagements.“ Die Gewichtung dieser konträren Erwartungen, die sich bei Projekten im nicht-institutionellen Raum stellen, wurde von der Kunstauffassung des jeweiligen Kurators bestimmt. So wird abschließend das Phänomen des Kurators als einen sich neu formierenden Künstlertypen, der die Ausstellung zu einem Kunstwerk erklärt, diskutiert. Claudia Büttner skizziert in diesem Buch, das um eine Übersicht der Gruppenpräsentationen im nicht-institutionellen Raum bis 1991 ergänzt wurde, nicht nur die Entwicklungsgeschichte einer der interessantesten Präsentationsformen zeitgenössischer Kunst, sondern vermittelt darüber hinaus durch Verweise auf die vielfältigen Wechselbeziehungen einen kritischen Einblick in das Ausstellungswesen.

Cornelia Gockel

Claudia Büttner: Art goes public: von der Gruppenausstellung im Freien zum Projekt im nicht-institutionellen Raum, Verlag Silke Schreiber, 280 Seiten, DM 38.-