Titel: Lebenskunstwerke , 1998

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Andy Warhols Factory

VON PAOLO BIANCHI

Ein selbstgefälliger Selbstentwurf, Reflektionskitsch oder Selbstbegegnung zur Selbstbehauptung zwingen gewiss zu Seufzern. Etwa beim Lesen von Berichten über den „letzten Dichter“, der als einziger noch keine Zeile veröffentlicht hat, aber an einer Lesung die Erfahrung macht, dass nicht er seine Gedichte, sondern die Gedichte ihn vortragen. Masken und Spiegel, Lippenstift und Parfum, Sperma und Speichel, Pubertät und Senilität, Schönheit und Tod sind Viren, die keine Zensur kennen. Einmal übertragen, ist ihre unbewusste und ziellose Replikation in Gesellschaft, Kunst und Lebenswelt nicht mehr aufzuhalten. Und weil wir ohne Geheimnisse nicht leben können, gehört die Spaltung zwischen den Spektakeln des publikumssüchtigen Künstlers und den Spuren seines realen Lebens zu den Verkleidungen des Selbst, wie sie eigentlich jede/r unternimmt: Wir stellen uns und die Welt dar, indem wir uns und die Welt in Szene setzen.

Die Tarnung des Selbstsinns betrieb niemand besser als der vielgeschmähte und -gerühmte Magier und Scharlatan Andy Warhol (1928-1987). Statt den Begriff „Pop“ zu bestimmen, verflüchtigen sich im Gespräch mit der Zeitschrift „Art News“ (No. 7/1963) seine Gedanken, indem er eine auf die Spitze getriebene Entfremdung postuliert: „Es spielt keine Rolle, was man macht. Jedermann fährt ganz einfach fort, dasselbe zu denken, und jedes Jahr wird es ähnlicher. Die am meisten von der Individualität reden, sind eben diejenigen, die am meisten gegen die Abweichung protestieren, und in ein paar Jahren mag es umgekehrt sein. Eines Tages wird jeder einfach das denken, was er denken möchte; und dann wird wahrscheinlich jeder dasselbe denken; das scheint es mir…

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