Titel: Lebenskunstwerke , 1998

CORNELIUS KOLIG

Das Paradies

von Arno Ritter

Die Vertreibung aus dem Paradies, jene mythische Erzählung, steht am Anfang des abendländischen Menschheitsmodells. Mit der Überschreitung eines gottgesetzten und dem Menschen unerklärten Verbots entließ sich der Mensch aus dem statischen Zustand des vollen Glücks in den endlosen Wirbel der Geschichte. Die mühelose Geborgenheit im Garten Eden wurde von Adam und Eva durch den selbst gewählten Gesetzesbruch aufgegeben. Es war der Griff zum Apfel, der die nachfolgenden Generationen in die Erkenntnis und in das vage Oppositionspaar von Gut und Böse stieß, gleichzeitig aber den Menschen in seiner unverschuldeten Erbschuld auch der Mühsal und lebensnotwendigen Arbeit überantwortete. In der christlichen Mythologie wurde erst durch den Tod Jesu das Fenster auf ein von den weltlichen Qualen und Prüfungen erlösendes Jenseits geöffnet und eine Vorstellung geweckt, die am Ende der je eigenen Zeit paradiesische Zustände für den ewig aufgehobenen Menschen erwarten ließ. In diesem linearen Geschichtsmodell wurde das Paradies als unanschaulicher Ort jenseits der Welt ausgemalt, der nur aufgrund eines rechten Lebens und nach der Grenzerfahrung des eigenen Todes erlebbar sein sollte.

Diesem transzendentalen Ortsbild steht die etymologisch ältere und profane Bedeutung des Begriffs gegenüber. Das Wort pairi-daeza bezeichnete die Prachtgärten der persischen Fürsten, die als gezähmte Natur nur gewissen Eliten vorbehalten waren. Diese eingezäunten Bereiche dienten als Ruhe- und Rückzugsorte vor der wüsten Um-Welt, doch war der Aufenthalt in ihnen an soziale und gesellschaftliche Bedingungen gebunden. Nur die von Gott bestimmten und in seinem Namen lebenden Menschen durften jene außergewöhnlichen Naturräume benutzen.

In der christlichen Sakralarchitektur wird der Begriff des…

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