Titel: Ressource Aufmerksamkeit · von Michael de Vries · S. 122
Titel: Ressource Aufmerksamkeit , 1999

ANDREAS BRILL UND MICHAEL DE VRIES

Consuming CLAUDIA:

ZWISCHEN NETZ-»ÄSTHETIK« UND VIRTUELLER PRODUKTION

I. Virtualität1

So schnell geht das heutzutage: Kaum mehr als 15 Jahre nach seiner technischen Geburtsstunde (1982) ist das Internet zu dem Technikmythos der Jahrtausendschwelle avanciert.2 Auch eine medienwirksame Semantik ist bereits gefunden: Virtualität ist das Zauberwort, das das Netz der Netze auf seinem Weg in die Zukunft der Informationsgesellschaft begleiten soll. Schon wird an allen Enden der Gesellschaft mit dem Internet gerechnet: Während in der Kunst der „digitale Schein“ einer neuen Ästhetik beschworen wird3, soll die „virtualisierte Netzökonomie“ die lang erhoffte Initialzündung einer neuen Generation wirtschaftlicher Produktions- und Konsummöglichkeiten erschließen.4

Solch weitreichenden Zukunftsentwürfen steht eine bemerkenswerte Banalität aktueller Netzkultur gegenüber. So dominiert im derzeit expansivsten Bereich des Internet – im World Wide Web (WWW) – keineswegs die Ästhetik von „Immersion“ oder „technischer Interaktivität“.5 Statt dessen spiegelt sich hier vor allem die in das neue Medienfeld prolongierte Pop-Kultur und mit ihr der allseits bekannte „Reiz des Trivialen“. Das zeigt sich in empirischen Untersuchungen6 wie auch bei einer exemplarischen Befragung des Netzes selbst: Während die Suchmaschine FIREBALL z.B. für CLAUDIA SCHIFFER die stolze Trefferquote von 46.314 relevanten Web-Sites registriert, erzielen die preisgekrönten Avantgarde-Netzkünstler KNOWBOTIC RESEARCH gerade einmal 356 „Hits“.7

Ebenso dürftig fallen erste Bestandsaufnahmen wirtschaftlicher Nutzungsmöglichkeiten aus. Zwar entwickelt sich im Internet langsam ein globalisiertes Handelsnetzwerk (im sogenannten E-commerce wurden 1995 geschätzte 300 Millionen US$ umgesetzt), aber eine neue – „virtuelle“ – Produktwelt ist z.Zt. noch nicht einmal als Randphänomen der globalen Wirtschaft beobachtbar. Selbst die erfolgsverwöhnten Stars und Sternchen der Pop-Kultur können ihre…

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