Titel: Ressource Aufmerksamkeit , 1999

NIELS WERBER

Zweierlei Aufmerksamkeit in Medien, Kunst und Politik

Im großen und ganzen wird man in der Literatur […] unter dem Stichwort Aufmerksamkeit vergeblich suchen“, stellt Georg Franck zu Beginn seiner jüngst erschienenen Monographie fest, obgleich angesichts einer langjährigen „Hochblüte des inszenierten Auffallens“ nichts näher läge. Beachtung finde das Phänomen aber bislang nur in den „Klatschspalten“ der Medien, nicht dagegen in der „Wissenschaft“.1 Florian Rötzer teilt diese Einschätzung2, aber so gering ist das Interesse am Thema denn doch nicht. Über Aufmerksamkeit wird seit Jahrhunderten nachgedacht – und seitdem erfährt man nicht viel Neues.

Was fällt auf? – Philosophische Reflexionen

„Aufmerksamkeit aber, als eine empirische Bestimmung unserer Seele, ist durch natürliche Mittel zu erregen“, bestimmt Fichte 1792 in seinem Versuch einer Kritik aller Offenbarung3 das für das Phänomen typische Verhältnis der psychischen Disposition zu einem äußeren Reiz. Über die „Mittel“, die der Erregung dienen, sind sich die Philosophen aller Lager weitgehend einig: Es sei das Neue, was unwiderstehlich Aufmerksamkeit erzeuge. Der Rationalist Leibniz etwa zeigt sich schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts überzeugt davon, dass ein Gegenstand, der den „Reiz der Neuheit verloren“ hat, „nicht stark genug“ sei, „um unsere Aufmerksamkeit und unser Gedächtnis, die sich nur mit fesselnderen Gegenständen befassen, auf sich zu ziehen“.4 Der attraktivere Reiz macht das Rennen auf Kosten der übrigen Data. Der Empirist Hume hofft, dass seine Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes „Aufmerksamkeit erregen“ wird, „da sie neu ist“. Dieser taktische Hinweis scheint ihm mehr wert zu sein als der auf ihre Wahrheit.5 Auch Herder wiederholt gelegentlich diese Grundüberzeugung:…

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