Monografie · von Johannes Meinhardt · S. 248
Monografie , 1999

JOHANNES MEINHARDT

Leibliche Sinnbilder

ASTA GRÖTINGS SKULPTUREN UND »LEBENDE BILDER«

Bild

„Ich möchte den Punkt oder die Grenze herausfinden, bis wann ein Bild seine Kraft und dadurch seine Berechtigung hat.“1

Ein zentraler Begriff zum Zugang zu den Arbeiten von Asta Gröting ist ‚Bild‘: in ihren Zeichnungen, Skulpturen und theatralischen Darbietungen, die primär als Videofilme existieren, teilweise aber auch öffentlich aufgeführt wurden, findet und schafft sie intensive Bilder; Bilder, die aufgeladen sind mit begrifflich sehr allgemeinen Bedeutungen, die aber starke Empfindungen, Stimmungen und Affekte artikulieren. ‚Bild‘ ist hier ein komplexer, sehr weiter und zugleich präziser Begriff; er knüpft an den vormodernen Gebrauch dieses Begriffs an, der mit ‚Bild‘ im starken Sinne des Wortes eine sinnerfüllte, verdichtete Konstellation im Bereich des inneren oder äußeren Sehens, der Imagination oder der Wahrnehmung meint, ein komplexes visuelles Zeichen: ein Sinnbild, ein optisches Symbol, eine visuelle Metapher, ein Emblem, eine Allegorie. In diesem Zeichen sind Bedeutung und visuelle Konstellation so eng ineinander verschränkt, daß sie sich wechselseitig hervorbringen und befruchten, ohne daß eine Übersetzung jedoch den jeweils anderen Bereich ausschöpfen oder erschöpfen würde. Die visuelle Konstellation ist so getränkt mit Sinn, daß jede Übersetzung in Sprache einen schweren Verlust an Dichte und affektiver Evidenz mit sich brächte; und umgekehrt ist der Sinn der visuellen Konstellation so dicht, daß nichts an einem solchen Sinnbild zufällig oder bedeutungslos ist – während jede Wahrnehmung zuerst einmal bedeutungslos ist, nur Identitäts- und Existenzurteile fällt. Ein ‚Bild‘, ein erfülltes Sinnbild steht außerhalb der tatsächlichen Wahrnehmung, scheint einen vermittlungslosen, unmittelbaren Übergang aus der Sphäre der äußerlichen Wahrnehmung…

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