Titel: Ressource Aufmerksamkeit · von Chris Hables Gray · S. 131
Titel: Ressource Aufmerksamkeit , 1999

CHRIS HABLES GRAY

Cyborgs, Aufmerksamkeit und Ästhetik

Vielfach wurde gesagt, die Aufmerksamkeit sei das wertvollste Gut in der Informationsökonomie, und das ist mehr als wahr. Die Menschen haben sich evolutionär mit Sinnen entwickelt, die gegenüber einigen Stimuli offen und gegenüber anderen verschlossen sind. Im Naturzustand waren extreme Stimuli selten, doch die Zivilisation brachte unglaubliche Mengen an Stimulationen mit sich, so dass wir jetzt in einer postmodernen Kakophonie der Überstimulation übersättigt sind. Das wird noch schlimmer, weil die Lieferanten von Waren und Politik zu ihrem Überleben die Aufmerksamkeit der Endverbraucher benötigen. Sie versuchen, sie mit subtilen und weniger feinen Angeboten an unser Begehren nach Farbe, Bewegung, Struktur, Gewalt und Sex zu erhalten. Deswegen „zahlen“ wir in den englischen Sprache Aufmerksamkeit (pay attention). Sie wird zur Ware. Aber was bedeutet dies im Kontext der Cyborgisierung? Die Antwort liegt in der zunehmenden Cyborg-Ästhetik.

Was kann man sich unter einer Cyborg-Ästhetik vorstellen? Auf den ersten Blick scheint dies ein unsinniger Begriff zu sein, doch wenn sich anschaut, wie die Kultur zu einer Cyborg-Gesellschaft wird, und wenn man die Kunstpraktiken untersucht, die unbestreitbar eine Cyborg-Kunst sind, dann wird eine Reihe von interessanten Möglichkeiten klar. Bevor ich näher auf sie eingehe, muss ich jedoch etwas über den allgemeineren Begriff des Cyborg und einer Kunst mit einer besonderen Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit sagen.

Ein Cyborg (cybernetic organism) ist ein einzelnes selbstorganisiertes System, das Funktionsteile aus zwei unterschiedlichen Bereichen enthält. Diese Bereiche haben viele Namen: geboren/hergestellt, lebendig/unlebendig, natürlich/künstlich oder organisch/maschinell. Interessant dabei ist, dass das Konzept eines Cyborgs diese binären Begriffe sowohl…

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