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Titel: Ressource Aufmerksamkeit · von Tilman Baumgärtel · S. 106 - 107
Titel: Ressource Aufmerksamkeit , 1999

»Kunst gibt einem die Lizenz, unverantwortlich zu handeln«

MATTHEW FULLER VON DER BRITISCHEN KÜNSTLERGRUPPE I/O/D IM GESPRÄCH MIT TILMAN BAUMGÄRTEL

Anfang der siebziger Jahre machte der amerikanische Konzeptkünstler Gordon Matta-Clark mit Motorsäge, Flex und Brechstange auf sich aufmerksam: Er durchlöcherte die Wände von zum Abriss vorgesehenen Häusern oder sägte sie in der Mitte durch. Der ehemalige Architekt wollte mit seinen brachialen Aktionen darauf aufmerksam machen, was sich unter der “Benutzeroberfläche” der Gebäude befand und was man als “User” nie zu sehen bekommt. Die Londoner Künstlergruppe I/O/D hat sich Matta-Clarks Methode der “Dekonstruktion” zum Vorbild genommen. Das Internetprogramm “Web Stalker”, das Simon Pope, Colin Green und Matthew Fuller Ende 1997 veröffentlichten, zeigt ebenfalls, was sich unter der Oberfläche verbirgt – allerdings nicht bei Häusern, sondern im WorldWideWeb.

Der “Web Stalker” ist keine Website, sondern eine Software, die man sich unter http://www.backspace.org/iod umsonst aus dem Internet herunterladen kann. Anders als die gängigen Browser von Microsoft und Netscape zeigt der “Web Stalker” nicht schön gestaltete Seiten und bunte Bilder, sondern das, was sich unter dieser Fassade verbirgt: den HTML-Code, den Fließtext oder die Links auf einer Seite. Eine weitere Funktion stellt die Struktur einer Site in wunderschönen Diagrammen dar. Statt statischer Pages stellt der “Web Stalker” die Informationen aus dem Internet als den dynamischen Strom von Daten, der sie tatsächlich sind, und verwischt so die Grenzen zwischen Kunst und Software.

Tilman Baumgärtel: Als ich mir die Website von I/O/D angesehen habe, habe ich drei verschiedene Pressemitteilungen gefunden, die euren Internetbrowser “Web Stalker” ankündigt. Eine richtet sich an…

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von Tilman Baumgärtel

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