Titel: Die oberflächlichen Hüllen des Selbst · von Birgit Richard · S. 120
Titel: Die oberflächlichen Hüllen des Selbst , 1998

BIRGIT RICHARD

Dance 2000

Tanzmoden des ausgehenden 20. Jahrhunderts

Tanz besitzt als non-verbale Kommunikationsform eine Ästhetik, die sich in prägnanten gestalterischen Formen äußert. Vor allem die Tanzformen jugendlicher expressiver Stile lassen sich nicht auf Freizeit- und Vergnügungsaspekt reduzieren. Ästhetische Formen, die sich in Räumen, Tanzformen und -figuren, Gestaltung von Kleidung und Körper ausdifferenzieren und das spezifische Provokationspotential, das Tanz als visueller Ausdruck für den „generation gap“ mitbringt, müssen bedacht und analysiert werden.

Der Tanzstil präsentiert neben dem Körperbild des Stils in komprimierter Form gleichzeitig Gegenbilder zu gesellschaftlich präferierten Körperbildern. Tanz ist die Demonstration jugendlicher Lebendigkeit, er gibt als „Pulsschlag des Lebens“ (Klages) expressiven und rauschhaften Momenten Raum.

Jugendliche Tanzmusik wird von Musikwissenschaft und -soziologie als qualitativ minderwertige, funktionale Musikrichtung entweder gar nicht oder nur unter dem Aspekt der Kommerzialität als Negativbeispiel behandelt. (Flender/ Rauhe 1989, 82, 87). Für Flender/ Rauhe stellen Disco- und Rockmusik eine rudimentäre Stufe jugendlicher Kreativität dar.

Auch jugendliche Tanzkultur bietet immer Anlaß für moralische Bedenken und staatliche Restriktionen. Schon im 19. Jh. gibt es in Wien Klagen wegen mehrtägiger, rauschhafter Walzerexzesse. Die ersten Modetänze wie Cakewalk und Cancan rufen Kommentare hervor, die Tänzer machen „von oben gesehen den Eindruck tanzender Mikroben.“(F.W. Koebner zitiert nach Eichstedt/Polster 1985, 15)

In der Nachkriegszeit entwickeln sich zum ersten Mal eigenständige jugendliche Tanzszenen. Die neuen Körperbewegungen sind der Erwachsenenwelt in der Regel fremd, erscheinen bedrohlich und „widernatürlich“. Das führt zu groben Etikettierungen des jugendlichen Tanzstils: z.B. werden Rock´n´ roll tanzende Jugendliche als „Zitterkäfer [wörtliche Übersetzung des Begriffs Jitterbug, B.R.], die sich amerikanischer Mixkultur ausliefern“ (E. Friedrich zitiert nach…

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