Titel: Die oberflächlichen Hüllen des Selbst · von Norbert Bolz · S. 196
Titel: Die oberflächlichen Hüllen des Selbst , 1998

NORBERT BOLZ

Mode oder Trend?

EIN UNTERSCHIED, DER EINEN UNTERSCHIED MACHT

Moden sind keine Trends; deshalb ist es eigentlich unsinnig, von Modetrends zu sprechen. Im folgenden will ich plausibel machen: Man sieht die Postmoderne anders, wenn man sie mit diesem Unterschied betrachtet. Moden sind leicht, spielerisch und freiheitlich; ihr Codesystem von „in“ und „out“ ermöglicht eine maximale Beweglichkeit und Lust am Risiko. Auch der Bundeskanzler kann eine Krawatte mit kleinen Elefanten tragen. Ganz anders die Trends. Sie suggerieren eine Bindungskraft, wie wir sie nur von Religionen kennen. Wer einem Trend folgt, glaubt seine Lebensformel, seine Eigenformel gefunden zu haben. Mit Trends ist es einem Ernst; man denke nur an den Götzendienst der „Natur“-Freunde oder die Besessenheit der „Selbstverwirklichung“. Das Verhältnis von Mode und Trend könnte man mit aktuellen Wissenschaftsmetaphern charakterisieren: Chaostheoretiker würden sagen, ein Trend ist der Strange Attractor der Moden; Synergetiker würden sagen, ein Trend ist der Ordner, der die Moden versklavt. Sehen wir näher zu.

1.

Wer zu den Menschen gehört, die hin und wieder – und immer mit großem Genuß – in der Vogue oder doch wenigstens in Max blättern, muß sich dafür durchaus nicht schämen; die Lust hat einen guten Grund. Denn Modezeitschriften widmen sich dem, was unsere Wissenschaftskultur und politische Öffentlichkeit verdrängt, nämlich den nächsten Dingen – und den Göttern.

Lateinisch „religio“ heißt Rückbindung. Und wenn wir dieser genauen Wortbedeutung folgen, können wir sagen: Moden sind Ultrakurzzeitreligionen, nämlich starke, aber schnell wieder auflösbare Bindungen. Moden sind Augenblicksgötter. Mode kultiviert den Sinn für das, was Nietzsche den „Wert des Kürzesten“ genannt hat….

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