Titel: Die oberflächlichen Hüllen des Selbst · von Barbara Vinken · S. 144
Titel: Die oberflächlichen Hüllen des Selbst , 1998

BARBARA VINKEN

Mannekin, Statue, Fetisch

Das „Ewige,“ schreibt Walter Benjamin in einem lapidar dahingeworfenen, gnomischen Satz des Passagenwerks, sei „jedenfalls eher eine Rüsche am Kleid … als eine Idee.“1 En passant, möchte man sagen, polemisiert Benjamin mit Baudelaire gegen die idealistische Ästhetik. Hegelsche Formulierungen vom „Sinnlichen als dem Vorschein der Idee“ klingen parodistisch nach. Das Terrain, auf dem die Polemik ausgetragen wird, ist das der Moderne und – als des Inbegriffs alles Modernen – der Mode. Nun ist ein schlechterer Vorschein für die Ewigkeit der Idee als die Mode kaum denkbar; und gar in Form der Rüsche, des frivolen Emblems des Nichtigen, der willkürlichen, ständig wechselnden Launen der Mode. Das Reich der Mode gilt üblicherweise als das Reich der Flüchtigkeit, als ihre Zeit nicht die Ewigkeit, sondern der Augenblick.2 Mode ist das Fangen, das Fassen des sich ewig wandelnden Zeitgeistes: „l’art de capter l’air du temps,“ mit Coco Chanel zu reden. Paul Morand, der Chanel zu literarisch geschliffenen Aphorismen verholfen hat, vergleicht die Mode mit Nemesis, der Göttin der Zerstörung; Mode tötet, indem sie lebendig wird: „Plus la mode est éphémère et plus elle est parfaite. On ne saurait donc protéger ce qui est déjà mort.“3

Die von Chanel und Morand beschriebene Mode ist jedoch nicht einfach identisch mit einer nicht mehr idealistischen Ästhetik; sie ist vielmehr deren Nachbild. Als Kunst des vollkommenen Augenblicks, der überraschenden und doch harmonischen Erscheinung tritt das Ideal, das ein letztes Mal und um den Preis eines letzten Blicks zu haben ist, auf – ein Jetzt auf der…

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