Titel: Die oberflächlichen Hüllen des Selbst · von Ulf Poschardt · S. 138
Titel: Die oberflächlichen Hüllen des Selbst , 1998

ULF POSCHARDT

Mode und Militär

Krieg bedeutet Frieden. Das ist erstmal schwer zu verstehen, aber die Mode liebt es, ihre Aussagen kontrapunktisch zum normalen Sinn zu formulieren. Viele der jungen Modemacher, die heute direkt oder auf verstecktem Weg ihre Inspirationen aus dem Reich der Uniformen und Kriegsbekleidung holen, arbeiten mit der Unschuld einer Generation, die selbst keine Kriege mehr miterlebt hat und die in Uniformen vor allem praktische Kleidung sieht. Die Unschuld im Umgang mit einstigen Insignien von Gewalt und Blutvergießen erzählt mehr über die Befriedung einer Gesellschaft, als über ihre latente Aggressivität.

Camouflage-Muster und Polizeihemden, Springerstiefel und Navymäntel sind pervertiert worden: sie sind Insignien von Wohlstand und gutem Geschmack geworden. Jede Pervertierung einer kriegerischen Ästhetik scheint nur ein Schritt zur Befriedung zu sein.

Doch die Uniformen haben ihre Schuld nur langsam verloren. Mitverantwortlich dafür sind die Jugendkulturen, die mit den Aussagen der Uniformen immer wieder ernst machten. „Tougher than the rest“, härter als der Rest. So lautete die Selbst-Definition des Superstylisten Ray Petri, der in Zeitschriften, wie The Face, i-D oder Arena, den prägenden Stil der 80er Jahre entwarf. Petri war es zu verdanken, daß weltweit Jungs in schwarze Bomberjacken schlüpften und zu den engen Jeans schwere Motorradstiefel und leicht modifizierte Springerstiefel trugen. Seither ist der militante Mode-Impuls aus dem Kontext der meisten Jugendkulturen nicht mehr wegzudenken. Vor Petri waren es vor allem die superstylischen Mods und Skinheads, die sich am liebsten in Armeeshops mit Parkers, Anroraks und Militärmäntel versorgten. Bei Skinheads und Mods wurde der Military-Look vordergründig als Signal der Gewaltbereitschaft eingesetzt,…

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