Titel: Die heilige Macht der Sammler · von Jürgen Harten · S. 88
Titel: Die heilige Macht der Sammler , 2011

Jürgen Harten

Der Geschmack des Geldes

Ein Brief an den Herausgeber

Lieber Herr Jocks,

gleich beim ersten Überfliegen Ihrer 50 Fragen hatte ich den Eindruck, dass Ihre umfassend angelegte Untersuchung über das Kunstsammeln von einem gewissen Unbehagen motiviert sein könnte, das letztlich mit dem heute chronisch fragwürdigen Verhältnis von privater Initiative und öffentlicher Verantwortung zu tun hat und explizit an dem wiederholt bemühten „Tauschwert“ von Kunst andockt. So wären Ihre Skrupel womöglich selbst schon die Folge von Veränderungen, nach denen Sie fahnden. Ich meine damit das Ende der letzten Avantgarden der Moderne um die Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts nach der ersten Energiekrise von 1973 (siehe in Düsseldorf „Prospect–Retrospect. Europa 1946–1976“) und in Übereinstimmung mit den damals zunehmend propagierten neoliberal-monetaristischen Wirtschaftsdoktrinen. Sie selbst lassen die Katze aus dem Sack, wenn Sie fragen, ob die „Verflechtung von Ökonomie und Kunst“ nicht zwangsläufig zu einem „Verlust des Utopischen oder des Widerstandspotentials“ führe, und damit, wenn ich nicht irre, die Antwort schon halb vorwegnehmen. Oder wollten Sie nur den Alt-68er, für den Sie mich vielleicht halten, aus der Reserve locken?

Ihre Fragen einzeln zu beantworten, bliebe sprunghaft und würde zu einem Mäander von Wiederholungen führen. Ich ziehe es deshalb vor, im Folgenden fortlaufend auf die Probleme einzugehen, wie sie sich nach meinem Verständnis generell in Ihren Fragen darstellen.

Lassen Sie mich eingangs daran erinnern, dass das Sammeln immer schon ein ökonomisches Verfahren gewesen ist. Die Anlage von Vorräten dient der Daseinsvorsorge und sichert das Überleben, die Akkumulation materieller Güter garantiert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Reichtümer entstehen,…

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