Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 28
Fragen zur Zeit , 2011

Michael Hübl

Tränen der Erkenntnis

Es gibt wieder eine Ikonografie des Weinens / „Wir haben uns selbst verschaukelt“

Was echte Kerle, was wahrhaft gestählte wehrhafte Männer sind, wurde der internationalen Kunstwelt spätestens auf der documenta 8 in Kassel demonstriert. Da zeigte Marie-Jo Lafontaine ihre Video-Arbeit „Les larmes d’acier“ 1. Das ist ein Wall aus Monitoren, der mit dem Begriff Installation nur unzulänglich beschrieben wäre, denn die belgische Künstlerin hat ein Monument des Bodybuildings gebaut. Auf den Bildschirmen kämpfen athletische Recken der Kraftkörperkultur gegen schwere Eisengewichte und bezwingen mit eisernem Willen die eigene biologische Trägheit. Die ästhetische Aufbereitung der Bilder erinnert an die Frühzeit der Moderne, als Sport Kult wurde und die Verbindung von Mensch und Maschine als Verkörperung von Fortschritt galt: Zukunft durch Selbstzucht. Insofern lag es wohl sogar für französische Muttersprachler nahe, den Titel des Großobjekts unmittelbar auf die Tätigkeit an den Workout-Geräten zu beziehen. Die 1980er-Jahre waren beherrscht von einer ersten Phase des Neoliberalismus; nach den gesellschaftsanalytischen Diskursen um Gleichheit und Gerechtigkeit der beiden vorangegangenen Jahrzehnte war jetzt gewinnorientierter Pragmatismus angesagt. Das Fitness-Studio avancierte zum Symbol des eigenverantwortlichen Ich-Akteurs: durchtrainierte Körper statt durchdiskutierte Nächte. Radikaler Individualismus statt Mitwirken in und an sozialen Geflechten: Das war zumindest damals der Subtext von Marie-Jo Lafontaines Monument virilen Muskelaufbaus. Vor dem Hintergrund dieser Bilder könnte man vermuten, der Titel „Les larmes d’acier“ meint das salzhaltige Nass auf schweißschimmernden Schultern und Schenkeln, die da auf Schwarzweiß-Aufnahmen im Retro-Look gezeigt werden. Tatsächlich handelt es sich um einen bitteren Euphemismus aus dem Ersten Weltkrieg. „Les larmes…

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